TRAVELBOOK sprach mit Michaela Eiben

Wie eine blinde Frau ihren Urlaub sieht

Am 29. September 1993 verlor Michaela Eiben ihr Augenlicht. Von einem auf den anderen Tag wurde sie blind. Und genauso schnell veränderte sich ihr Leben. Doch die Lust am Reisen ließ sie sich nicht nehmen. Die lebenslustige Blondine hat TRAVELBOOK erzählt, wie sie ihren Urlaub wahrnimmt, welcher Ort für sie der blanke Horror ist und welche Rolle ihre Kinder in den Ferien spielen.

Marlen Gruner Von Marlen Gruner

„Ich bin zu neugierig, um Angst zu haben“, sagt Michaela Eiben mitten im Interview, ganz beiläufig. Doch so beiläufig ist dieser Satz nicht, sondern vielmehr bezeichnend für die 42-Jährige, die mit ihrer Familie im niedersächsischen Aurich wohnt. Sie versprüht Energie, Authentizität und Lebensfreude. Und das, obwohl sie nichts sieht.

Rückblick. Es ist der Abend des 28. September 1993. Michaela und ihr damaliger Freund Jürgen haben gekocht, einen Film geschaut und über die bevorstehende Hochzeit gesprochen. Am nächsten Morgen fragt die damals 21-Jährige ihren Jürgen: „Kannst du das Rollo hochziehen?“ Er schweigt. Dann sagt er: „Das Rollo ist oben.“

Eine seltene Krankheit ließ Michaelas Netzhaut über Nacht absterben. Doch ihre Lebensfreude lebte weiter. Die gelernte Physiotherapeutin heiratete ihren Jürgen (heute 47), bekam einen Sohn (heute 18) und Zwillinge (heute 12), suchte sich neue berufliche Projekte, schrieb Kochbücher mit dem NEPA Verlag, arbeitete sogar als Fotografin und ist oft zu Gast in Fernsehsendungen. Und ob beruflich für's TV oder privat mit ihrer Familie: Michaela Eiben ist gern und viel unterwegs.

Die Verkehrsmittel

In den Flieger indes steigt sie nur noch wenn es sein muss, also beruflich. „Seit der Erblindung habe ich einfach das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren und Angst abzustürzen“, erklärt sie, „In einem Zug habe ich Boden unter den Füßen und fühle mich sicherer.“ Privat haben Flug- und Fernreisen bei ihr keine Chance. Viel lieber setzt sich Michaela mit ihrem Mann Jürgen in die Bahn, „weil man da einfach einsteigen, relaxen und kuscheln kann“, oder mit der ganzen Familie ins Auto. Denn da hat einfach mehr Gepäck Platz. Auch ganz allein hat sich Michaela schon in den Zug gesetzt und ist einfach mal drauf los gefahren.

Die Sinne

Was für Sehende direkt sichtbar ist, ist für Michaela nur indirekt erfassbar. Ein neuer Ort, eine neue Umgebung. Alles erkundet sie fühlend, hörend und riechend. Diese Sinne sind bei ihr extrem gut ausgeprägt. Gleichzeitig sind diese auch äußerst empfindlich. „Schwierig wird es am Bahnhof, wenn links und rechts ICE kommen. Der Lärm ist für mich immens und die Unterschiede, was woher kommt, echt schwer erkennbar“, erklärt die Blondine und schiebt hinterher. „Aber ich nutze meinen Instinkt, eine Prise Logik und spanne mir die Leute einfach ein.“ Heißt: Michaela fragt sich beherzt durch: „Nehmen Sie mich ein Stück mit?“

Reiseziele

Wohin es geht, bestimmt bei Michaela weniger die Behinderung, sondern vielmehr die Lust: „Ich bin mit Leib und Seele Cloppenburgerin“, gesteht sie. In Cloppenburg, ihrer Heimatstadt, wohnt ihre Familie. Dorthin fährt sie gern mit Kindern und Kegel. Oder an die Nordseeküste, die nur 25 Kilometer entfernt liegt. Einschränkungen bei der Wahl des Urlaubsorts gibt es nicht und sie macht auch keine. Mann Jürgen und die Kinder sind ja meist an ihrer Seite. Als die Kinder noch kleiner waren, war das Stress für den Ehemann, der auf zwei dreijährige Zwillinge, einen Achtjährigen und seine Frau aufpassen musste. Mit dem Älterwerden der Kinder und im Laufe der Zeit hat sich alles zunehmend eingespielt. Doch Urlaub, so verrät Michaela, „Urlaub ist da, wo ich mich auskenne.“ Das gibt ihr Sicherheit, dort kann sie sich entspannen.

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Vorbereitung

Was man gar nicht glauben mag, ist bei den Eibens Realität. Die Mama packt. Michaela fragt ihren Mann lediglich, was er mitnehmen möchte, erklärt sie, und schichtet dann die Kleidung in die Koffer. Dabei drängt sich die Frage auf, ob sie weiß, was sie da packt. „Ich habe ein extrem gutes Gedächtnis und erfühle die Materialien und zum Beispiel Applikationen und Knöpfe“, klärt Michaela auf. Außerdem kommen mit: der Blindentaststock, ihre sprechende Armbanduhr, der Rechner mit Sprachausgabe und ein Farberkennungsgerät. Das sieht aus wie eine schmale Fernbedienung, hat drei Knöpfe, einen Laser und spuckt nach einem Laserstrahl den Farbton bzw. die Nuance aus. Die Reiseunterlagen organisiert sie sich über das Reisebüro. Fertig.

Urlaubsort

Und wie findet sie sich am Ferienort zurecht? Sie begeht ihn, lässt sich alles zeigen, fragt, fühlt und hört genau hin. Auf Wangerooge merkte sie sich innerhalb eines Tages, wo der Speisesaal ist, wie das Hallenbad aufgebaut war und wie ihr Zimmer aussah. Ob sie nun in einem Hotel, einem Ferienhaus oder im Zelt übernachtet – Michaela scheint sich schnell zurechtzufinden, und sogar noch mehr: „Ich war Pfadfinderin und kann dir blind ein Zelt aufbauen.“ Das glaubt man der selbstbewussten Frau sofort.

Fotografieren

Doch Michaela Eiben kann noch viel mehr: Die blinde Frau fotografiert leidenschaftlich gern. Wie sie das macht? Mit Gefühl und Logik: „Ich höre zum Beispiel Vögel oder spüre Wärme und halte einfach drauf“, so erklärt sie ihr Vorgehen. Und tatsächlich, einmal sah ihr Mann Jürgen total verblüfft die Aufnahmen des Tages an. „Michaela, du hast einen Regenbogen fotografiert“, sagte er beeindruckt von einer Himmelsaufnahme.

Erleben

Die Bilder, die sie abgespeichert hat, als sie noch sehen konnte, hat Michaela Eiben immer im Kopf. Aber heute erlebt sie vor allem mit ihrem stark ausgeprägten Hör-, Geruchs- und Tastsinn. „Wenn ich am Strand bin, ziehe ich sofort die Schuhe aus und fühle den Sand an den Zehen, spüre die warme Sonne auf der Haut oder Kleidung und rieche das Salz im Meer. Sind wir im Grünen, habe ich den Duft der Blätter in der Nase.“ Alles, was Michaela dann noch wissen muss, nehmen ihre Kinder vorweg: „Da gibt’s Eis!“ – „Oh, Lollies!“ Damit klärt sich dann von ganz allein, auf welchen Stand die Urlauberfamilie Eiben gerade zusteuert.
 
Und dann fasst Michaela am Ende des Interviews zusammen: „Es fehlt mir an nichts im Urlaub. Da ist ja immer dieser Reiz, was Neues auszuprobieren.“

Stimmt, da war ja die Neugier, die größer als die Angst ist.


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