Riems im Greifswalder Bodden

Die gefährlichste Insel Deutschlands

Hohe Zäune, Stacheldraht, Sicherheitsstufe 4 – mit ihren derart geschützten Gebäuden wirkt die Insel Riems im Greifswalder Bodden wie eine Gefängnisinsel. Zwar sind es keine Schwerverbrecher, die hinter der mit 235 Metern längsten Klinkerfassade Norddeutschlands vor dem Rest der Welt in Sicherheit gebracht werden, dafür aber andere, durchaus zerstörerische Elemente. Einen Ausbruch gilt es auf alle Fälle zu verhindern – und zwar in doppeltem Wortsinn.

Wer ins Innere der Insel Riems vordringen möchte, braucht zunächst eine Genehmigung. Dann muss er mehrere Sicherheitsschleusen passieren, muss sich ausziehen und desinfizieren und am Ende in einen Spezialanzug steigen, der aussieht, als würde er darin gleich zum Mond fliegen. Und auch wer wieder raus will, hat es nicht leicht – regelrecht „rausduschen“ muss er sich, und zwar nach einem streng getakteten Ablauf: eine Minute Wasser, eine Minute Seife, wieder zwei Minuten Wasser, dabei sind Haare zu waschen, die Fingernägel zu reiben.

Warum all der Aufwand? Auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden darf einfach nichts von Innen nach Außen gelangen. Rein gar nichts. Deswegen die meterhohen Zäune, der viele Stacheldraht, die hohen Sicherheitsstufen. Ein Ausbruch der Insassen wäre fatal – hätte dies doch einen weiteren Ausbruch zur Folge: den einer Epidemie, im schlimmsten Fall einer Seuche. Gefährliche Erreger sind es, Viren und Bakterien, die hier gezüchtet werden –  in der ältesten virologischen Forschungsstätte der Welt.

Die Forschungsanlage nach der Modernisierung im Sommer 2013

Foto: dpa

Es war vor mehr als 100 Jahren, als Friedrich Loeffler, Schüler von Robert Koch, in Greifswald – und zwar in einem Stall mitten in der Stadt – zur Maul- und Klauenseuche forschte und nebenbei mal eben die Viren entdeckte. Denn nicht Bakterien waren für die Krankheit verantwortlich, sondern eine bis dahin unbekannte Klasse „allerkleinster Organismen“.

Doch während sich Loeffler dem Kampf gegen die Krankheit widmete, erreichte er zunächst das Gegenteil: Rund um Greifswald erkrankten außergewöhnlich viele Tiere an der Seuche, Loeffler hatte durch seine Untersuchungen unbeabsichtigt ganze Herden mit der Krankheit infiziert, die er doch aus der Welt schaffen wollte. Mehr Sicherheit für das Vieh auf dem Festland versprach eine Insel.

Zum Glück lag eine direkt vor der Stadt, 1.250 Meter lang, 300 Meter breit, mit allem ausgestattet, was eine Ostsee-Insel so braucht: Strände zum Meer, Schilf zum Bodden und dazu einen malerischen Blick rüber nach Rügen. Hier also gründete Loeffler im Jahr 1910 das erste Virusforschungsinstitut der Welt. Ab 1926 verband eine Seilbahn das Eiland mit dem Festland, für Materialtransporte.

30 Jahre lang Halbinsel

Im Dritten Reich forschte man in den Labors auf Riems zu Biowaffen. In der DDR zu Impfstoffen. 800 Menschen hatten hier Arbeit. In den frühen 1970er Jahren wurde die Insel durch einen Damm mit dem Festland verbunden, mehr als 30 Jahre war Riems eigentlich nur noch eine Halbinsel. Doch der 500 Meter lange Damm schnitt das Gristower Wieck vom Meer ab, in der Bucht wurde der Sauerstoff knapp, im Herbst 2007 wurde der Damm auf einer Länge von 30 Metern wieder geöffnet.

Im Jahr darauf tat sich auch an der alten Anlage etwas. Der Riemser Forschungskomplex, seit 1997 Hauptsitz des Friedrich-Loeffler-Institutes (FLI), wurde erheblich erweitert und modernisiert. 300 Millionen Euro investierte der Bund in die neuen Gebäudekomplexe. Es entstanden 89 Labore mit unterschiedlichen Sicherheitsstufen, sowie 163 Ställe: für das Großvieh, das man für die Versuche brauchte. Denn erforscht werden vom FLI vor allem Tierseuchen wie BSE, Maul- und Klauenseuche, Schweinepest und Zoonosen – Krankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden und hochgefährlich sind: Sars, Ebola oder das Krim-Kongo-Hämorrhagische Fieber.

Kill-Tanks im Keller

Angela Merkel persönlich, in deren Wahlkreis die Insel liegt, weihte die ersten Labore im letzten Sommer ein – es waren die ersten Hochsicherheits-Forschungslabore für Großtiere in Europa. Ähnliche Labore und Ställe gibt es sonst nur im kanadischen Winnipeg und dem australischen Geelong.

Und wie sorgt man – neben dem umfangreichen Prozedere für ein- und ausgehende Mitarbeiter und Besucher – dafür, dass die Viren nicht ausbrechen? Zum Beispiel mit so genannten Kill-Tanks, in denen das Abwasser so erhitzt wird, dass jeder Keim darin stirbt. Auch wartet im abgeschotteten Kellergeschoss eine spezielle Tierkörper-Beseitigungsanlage auf ihren Einsatz: In gewaltigen Metallkesseln, gefüllt mit Kaliumhydroxid, können ganze Tierkörper versenkt werden – auf dass sie sich darin vollständig auflösen, bis nur noch ein paar Krümel Staub und Partikel übrig bleiben.

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