Prora auf Rügen

Warum alle in die ehemalige Nazi-Ruine wollen

Urlaub in einer kilometerlangen Massen-Ferienunterkunft der Nazis, die nie fertig wurde und Jahrzehnte als Ruine verrottete? Die Idee klingt absurd. Doch die neuen Luxus-Wohnungen in Prora auf Rügen sind beliebt: Noch vor Fertigstellung sind zwei Drittel verkauft.

Acht identische Häuserblocks für 20.000 Menschen, hingestreckt auf endlosen 4,5 Kilometern: Das war Hitlers Vorstellung einer idealen Ferienunterkunft. Doch als die Rohbauten standen, begann Deutschland den Zweiten Weltkrieg – und die größenwahnsinnige „Kraft durch Freude“-Anlage abseits des Ostseebads Binz auf Rügen wurde zur Ruine, bevor sie fertig wurde.

Kilometerlang Verfall – das ist das Bild, das Prora Spaziergängern über Jahrzehnte bot. Und hier wollen Menschen Urlaub machen? Klingt seltsam, ist aber so. Seit einigen Jahren haben Investoren den „Koloss von Prora“ als das entdeckt, was er ursprünglich sein sollte: ein ideales Feriendomizil.

Das Interesse an luxuriösen Ferienwohnungen scheint fast so groß zu sein wie die ehemalige Nazi-Ruine. Die Immobilienfirma „Prora Solitaire“ etwa, die schon 2006 Block II erwarb und dort mit dem Bau von Luxus-Ferienwohnungen begann, vermeldete jetzt:  Von den 370 Wohnungen – darunter 150 Ferienwohnungen –, die bis 2017 fertig sein sollen, seien bereits 285 verkauft. Nur noch 50 Ferienwohnungen seien noch zu haben.

Vogelperspektive: So schick soll die ehemalige Nazi-Ruine nach der Modernisierung aussehen, zeigt der Entwurf der Architekten

Foto: Foto: Metropole Marketing GmbH

Meerblick und gesundes Klima

Aber was zieht die Menschen an diesen Ort, ein Symbol für den Größenwahn der Hitler-Zeit, gemartert durch Krieg und Verfall? Der Hauptgrund dürfte die Lage sein. Der damals verantwortliche Nazi-Propaganda-Architekt Clemens Klotz (er hieß wirklich so) setzte die Klötze anno 1936 nicht umsonst direkt an einen der schönsten Stände Rügens.

Kilometerweit reihen sie sich an den feinen Ostseestrand. Jedes der 10.000 geplanten Zimmer sollte Seeblick haben. Und heute? „Nahezu alle Wohnungen in der unter Denkmalschutz stehenden und ehemals als KdF-Seebad geplanten Anlage haben Meeresblick“, verspricht die Firma „Prora Solitaire“.

Die Insel Rügen besticht durch ihre berühmten Kreidefelsen, herrliche Strände, duftende Kiefernwälder, gesundes Klima und die schönen historischen Seebäder wie zum Beispiel Binz, das schon im 19. Jahrhundert Sommerfrischler anzog. „Die Deutschen wollen vor allem an Küsten ihres Heimatlandes Urlaub machen oder einen Großteil ihrer Freizeit verbringen“, sagt Ulrich Busch von „Prora Solitaire“, zu der hohen Nachfrage.

Luxus-Ausstattung und Wellness-Angebote

Hinzu kommt sicherlich der Luxus-Faktor. „Parkett, Fußbodenheizung, Boxspringbetten, Flachbild-TV“, edle Bäder und schicke Küchen seien Teil der Ausstattung der „Solitaire“-Apartments, sagt Manfred Hartwig von der Geschäftsleitung der Berliner Firma Metropole Marketing GmbH auf Anfrage zu TRAVELBOOK. 

Die „Top-A-Lage“ werde aufgewertet durch einen Spa-Bereich mit Innen-Schwimmhalle, Saunen sowie verschiedenen Fitness- und Wellnessangeboten, dazu noch Außenpools, so die Immobilenfirma. Die Preise der noch verkäuflichen 1-4 Zimmerwohnungen lägen je nach
Ausstattung für den gehobenen Anspruch zwischen rund 4.500 und 6.900 Euro pro Quadratmeter und für sehr exklusive Bedürfnisse um 10.000 Euro pro Quadratmeter.

Herrlicher Blick, edle Ausstattung: Entwurf für eine Dachterasse der neuen Wohnungen

Foto: Foto: Metropole Marketing GmbH

Ein Ort mit bewegter Geschichte

Die Ausstattung der neuen Wohnungen ist somit um einiges luxuriöser als die der 10.000 kleinen Zimmer, die ursprünglich für die „KdF“-Anlage entworfen wurden. Diese sollten nur 2,5 mal 5 Meter groß und mit Lautsprechern versehen sein.

Doch auch damals waren Wellness-Angebote vorgesehen: Gemeinschaftliche Liegehallen innerhalb der Bettentrakte, offen und beheizbar, sollten den Urlaub auch bei Wind und Regenwetter attraktiv machen. Geplant waren außerdem ein Kino, zwei Wellenschwimmbäder, etliche Gaststätten und zentrale Kaianlagen für Ausflugsboote. In der Mitte zwischen den Blocks sollte ein großer Aufmarschplatz entstehen. Die Baukosten wurden 1938 auf 237,5 Mio. Reichsmark geschätzt (heutiger Gegenwert ca. 1 Mrd. Euro).

Doch dann stürzte Nazi-Deutschland die Welt in den Krieg. Die Bauarbeiten wurden eingestellt. Die acht Ferienzimmer-Blöcke, die im Rohbau bereits fertig waren, blieben unbewohnbar. Ein Teil der späteren Wohnhäuser, die auch auf der Anlage standen, war im Krieg Ausbildungsstätte für Luftwaffenhelferinnen und Polizisten. 1943 wurden Teile des südlichen Blocks ausgebaut, um Unterkünfte für ausgebombte Hamburger zu schaffen. Später gab es in Prora ein kleines Lazarett und Notunterkünfte für Flüchtlinge aus den Ostgebieten.

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NVA-Kasernen und Ferienheim


Als ab Mai 1945 die Sowjetunion Rügen kontrollierte, wurde Prora weiterhin zur Unterbringung von Flüchtlingen genutzt, außerdem zur Internierung von enteigneten Grundbesitzern aus Thüringen und als Unterkunft für sowjetische Soldaten. Teile wurden als Kriegsreparationen demontiert, von einheimischen Privatleuten für eigene Bauvorhaben abtransportiert  oder bei Sprengübungen der Roten Armee schwer beschädigt.

In der DDR-Zeit wurde Prora zum Sperrgebiet erklärt und in Teilen als Kaserne ausgebaut, vor allem für die NVA (Nationale Volksarmee). Auf diese Weise beherbergte die Anlage erstmals in ihrer Geschichte 10.000 Menschen. Der südlichste Teil (heute Block I) wurde als „Walter-Ulbricht-Heim“ seiner ursprünglichen Bestimmung als Feriendomizil zugeführt: Hier urlaubten Angehörige von NVA und Grenztruppen.

Nach der Wende 1989 war Prora für zwei Jahre weiterhin Kaserne, diesmal für die Bundeswehr, und wurde dann 1993 für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seit 1994 steht „Der Koloss von Prora“ als eine der größten Hinterlassenschaften des NS-Regimes unter Denkmalschutz.

Riesen-Ruine: „Lebensgefahr! Betreten strengstens verboten!“ steht auf einer Warntafel am „Koloss von Prora“

Foto: Foto: dpa Picture Alliance

Museen und die längste Jugendherberge der Welt

Doch an dem Komplex nagten Verfall, Vandalismus und Streit: Bauherren wittern Proras Potenzial als Tourismus-Goldgrube, andere wollen die bewegte Vergangenheit des einzigartigen Baudenkmales und seine historische Bedeutung vermitteln. So die Initiatoren der „Museumsmeile Prora“, die von 1995 bis 2005 im Block 3 bestand, unter anderem mit KdF-Museum, Museum der NVA, Rügen-Museum und diversen Sonderausstellungen. Die Schließung der Museen im Zuge des Verkaufs an die Inselbogen GmbH, die dort Hotelanlagen plant, wurde von Protesten begleitet.

Heute können Urlauber in der neuen EU-Jugendherberge in Block 5 preiswert übernachten, der „längsten Jugendherberge der Welt“. Die 2011 eröffnete Herberge bietet 402 Betten in 96 Zimmern und einen zugehörigen Campingplatz. Am Zeltplatz steht auch der provisorische Raum des gemeinnützigen Vereins „Prora-Zentrum“, der mit Shows und Rundgängen durch das historische Gelände die bizarre Geschichte des Kolosses vermittelt. Erlebbar macht sie auch das „Dokumentationszentrum Prora“ am Festplatzgelände, das unter anderem eine Dauerausstellung zum „KdF-Seebad Rügen“ zeigt. Die Initiative Denk-MAL-Prora widmet sich ebenfalls der bewegten Vergangenheit des monströsen Komplexes.


Klicken Sie sich auch oben durch unsere Bildergalerie und entdecken Sie Vergangenheit und Zukunft der gigantischen Anlage an der Ostsee!


(mgr)

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