Der Tag der Entscheidung

Brauchen wir bald ein Visum für Schottland?

Am Donnerstag entscheiden die Schotten mit „Yes or No“ über die Zukunft ihres Landes: Wird es ein unabhängiges Schottland geben, das sich vom Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland loslöst? Brauchen wir dann ein Visum? Kommt der Euro oder behalten die Schotten ihren Pound? Sieben Fragen zu einer möglichen Unabhängigkeit Schottlands.

Nach über 300 Jahren wollen sich die Schotten von Großbritannien abspalten. In einem „Residual United Kingdom“ blieben Engländer, Waliser und Nordiren zurück. Doch nicht nur für die Schotten und Briten, sondern auch für Touristen hätte eine Unabhängigkeit Schottlands Konsequenzen.

Die Hintergründe des Referendums

Warum überhaupt wollen sich die Schotten nach so vielen Jahren abkapseln? Natürlich spielen finanzielle Interessen eine Rolle – vor der schottischen Küste gibt es zahlreiche Ölplattformen –, aber vor allem geht es den Schotten um ihre nationale Identität. Viele fühlen sich nicht als Briten und wollen sich nun auch politisch davon abgrenzen.

Möchten die Schotten etwa lieber ohne das Vereinigte Königreich Großbritannien und Nordirland dastehen?

Foto: dpa Picture-Alliance

Die Wahl zum schottischen Parlament 2011 war ein klares Votum für die Abspaltung. Mit dem Versprechen, ein Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands abzuhalten, erzielte die Scottish National Party (SNP) mit ihrem Spitzenkandidat Alex Salmond die absolute Mehrheit. Die SNP spricht im Zusammenhang mit dem Referendum von einer „Wahl zwischen Zukunft und Stillstand“.

Welche Folgen hätte eine mögliche Unabhängigkeit für Touristen? Die britische Botschaft in Berlin umgeht das Thema lieber: Auf eine entsprechende Anfrage von TRAVELBOOK reagiert man mit einem Hinweis auf den Blog der schottischen Regierung, der einem alle Fragen beantworten soll. Tatsächlich scheinen die Schotten in vielen Punkten gut vorbereitet, auch wenn die Informationen eher der schottischen Bevölkerung als Reisenden helfen.

1. Ändert sich das verkehrsnetz?

Prognosen über die Entwicklung des internationalen Verkehrsnetzes werden im Blog kaum angesprochen und sind vermutlich auch schwer vorauszusagen. Schottlands öffentliche Verkehrsmittel sollen zumindest nicht durch die Loslösung vom Vereinigten Königreich nachteilig betroffen sein. Es soll – wie im Blog stets betont wird – in einem unabhängigen Schottland generell eine Zug- und Luftverkehrspolitik geführt werden, die dem Willen des schottischen Volkes entspricht. Das könnte laut der schottischen Regierung auch die Entwicklung eines neuen Flugnetzes und ein größeres Interesse an Direktflügen in wirtschaftlich bedeutende Regionen mit sich bringen.

2. Wird Schottland Mitglied der EU?

Spaltet sich ein Teil eines Landes ab, gehört es nicht mehr automatisch der EU an. Ein unabhängiges Schottland müsste die Mitgliedschaft bei der Europäischen Union erst beantragen und wäre bei der Aufnahme zudem auf die Zustimmung „Rest-Großbritanniens“ angewiesen. Bei einer Zustimmung gäbe es allerdings die Möglichkeit eines Schnellverfahrens, um in die EU aufgenommen zu werden. Alle anderen internationalen Verträge müsste Schottland ebenfalls neu aushandeln.

3. Brauchen Touristen ein Visum?

Ein Beitritt in die EU würde für Touristen ein einfaches Reisen innerhalb Europas bedeuten. Aber selbst wenn kein Beitritt erfolgt, ist es unwahrscheinlich, dass Touristen in Zukunft Visa beantragen müssen. Laut „FAZ.de“ sei im Kampf um die Unabhängigkeit nie die Rede von einer Visum-Pflicht für Reisende aus der EU gewesen. Sollte Schottland kein Mitglied der EU werden, wäre eine weitere Möglichkeit die Ratifizierung des Schengen-Abkommens: Im Schengen-Raum, der die EU, Norwegen, Island und die Schweiz umfasst, ist die Freizügigkeit und Reisefreiheit gewährt.

4. Behalten die Schotten ihr pfund?

Laut der SNP soll das Pfund als Währung eines unabhängigen Schottlands beibehalten werden. Zudem werde eine Währungsunion mit dem restlichen Vereinigten Königreich angestrebt. Allerdings ist das nicht so einfach: Für London gebe es ohne eine politische Union keine gemeinsamen Finanzen, berichtet etwa „Zeit.de“. Sollten die unabhängigen Schotten das Pfund trotzdem einfach behalten, seien sie auf den guten Willen der Bank of England angewiesen. Im äußersten Falle müsse eine neue Währung eingeführt werden, da selbst bei Eintritt in die EU der Euro beim Volk eher unbeliebt ist. 

Euro, Pfund oder eine ganz neue Währung? Auch diese Frage ist noch nicht beantwortet

Foto: dpa Picture-Alliance

5. Wird der Whisky teurer?

Schlechte Nachrichten gibt es für die Liebhaber des schottischen Nationalgetränks, denn der Whiskey könnte tatsächlich teurer werden: Da ein unabhängiges Schottland zunächst nicht mehr der EU angehört, müssen Spirituosen mit einem Alkoholgehalt von mehr als 22 Volumenprozent in Deutschland verzollt werden, wenn sie über einen Liter fassen. Zum Vergleich: Innerhalb der EU beträgt die Richtmenge zehn Liter. Auch Händler müssen mit höheren Kosten rechnen.

6. Wie würde zukünftig die britische flagge aussehen?

Da sich der Union Jack, wie die britische Flagge genannt wird, aus der schottischen (weißes Andreas-Kreuz auf blauem Hintergrund), englischen und irischen Flagge zusammensetzt, wäre eine Abspaltung Schottlands theoretisch auch mit einem neuen Union Jack verbunden. Sprich: Die britische Flagge hätte kein Blau mehr. Allerdings liegt die Entscheidung laut schottischer Regierung in den Händen von „Rest-Großbritannien“, die Union Flag in dieser Form zu behalten, „wenn es das ist, was sie wollen“.

So würde der Union Jack aussehen, wenn die schottische Flagge nicht dabei wäre

7. Bleibt die Queen staatsoberhaupt?

Sollten sich die Schotten am Donnerstag vom Vereinigten Königreich abspalten, wird es auf viele Fragen in naher Zukunft wohl noch keine Antworten geben. Voraussichtlich werden monatelange Verhandlungen darüber entscheiden, wie ein unabhängiges Schottland aussehen wird. Der vermeintlich erste Unabhängigkeitstag soll der 24. März 2016 sein. Nur eines solle sich laut der schottischen Regierung nicht ändern: Queen Elizabeth II. sei auch in einem unabhängigen Schottland noch das offizielle Staatsoberhaupt – so wie es in der „Union of the Crowns“ von 1603 festgelegt ist.

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