Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers

Wie der neue „Heidi“-Film das Image der Schweiz verändern könnte

In diesen Tagen läuft die Neuverfilmung von „Heidi“ in den Kinos – mit Schauspieler-Legende Bruno Ganz als Alm-Öhi und den bezaubernden Jungdarstellern Quirin Agrippi als Peter und Anuk Steffen als Heidi. Auch die Schweiz mit ihren herrlichen Kulissen spielt eine große Rolle spielen. Aber eine andere als sonst.

Die Ziegen wollen nicht. Zumindest nicht der Heidi einfach so nachlaufen wie zwei treue Hündchen. Also nimmt Anuk alias Heidi die Geißen an die Leine, während sich Bruno Ganz, der den Alm-Öhi spielt, die Kiepe auf den Rücken schnallt. Dann heißt es „Kamera läuft“ und die beiden stapfen wortlos durch den Schnee, der eigentlich ein Zellstoff-Wasser-Gemisch ist, die unwilligen Ziegen im Schlepptau. Ein paar Schritte nur, eine Abbiegung, dann heißt es auch schon „Aus“. Die Szene ist im Kasten.

Das Bergidyll währt für Heidi nicht lang – bald muss sie weg: nach Frankfurt

Foto: Studiocanal/Walter Wehner

In diesen Tagen ist nun das vollendete Werk in den Kinos zu sehen, Regisseur ist der 38-jährige Alain Gsponer („Das kleine Gespenst“), das Drehbuch kommt von Petra Volpe, die sich dafür mehrere Jahre mit dem Original von Johanna Spyri auseinandergesetzt hat.

Den Filmemachern hätte es bei den Dreharbeiten eigentlich besser gefallen, wenn die Ziegen von allein gelaufen wären. Das wäre natürlicher, ursprünglicher – und damit auch mehr am Original, dem Kinderbuchklassiker von Johanna Spyri, dran gewesen. Denn genau das will diese Verfilmung, wie Bruno Ganz TRAVELBOOK bei den Dreharbeiten erklärte: „Hier wird sehr viel mehr Wert auf Realismus gelegt als das in dem etwas holzschnittartigen, sehr sauberen und sehr schönen Film von Luigi Comencini der Fall gewesen ist.“

Ein Film, der 1952 übrigens auch schon – wie jetzt die Neuverfilmung – in Latsch, dem hübschen Bergdorf in Graubünden, gedreht wurde. Und der maßgeblich das Image des ganzen Landes prägte und dies bis heute noch tut: die Schweiz als heile Welt, als Paradies mit Panoramablick – und dem rotwangingen Heidi, Inbegriff des Lieben und Guten, mittendrin. Heutzutage muss ein Fremdenverkehrsamt sehr viel Geld bewegen für so eine klare Botschaft – und so eine sympathische Botschafterin.

Mit der Realität hat dieses Image indes so wenig zu tun wie die erste Verfilmung mit der Romanvorlage. „In den 50ern wurde sehr viel mehr Wert darauf gelegt, einen Heimatfilm zu machen, in dem die Schweiz auch verklärt wird, als Heilsort erscheint“, erklärt Petra Volpe, die Drehbuchautorin, „im Roman ist das überhaupt nicht so.“ Vielmehr habe Spyri die Schweiz gezeigt, wie sie damals war – wie arm, wie verbohrt, wie konservativ. Und genau das wollen die Filmemacher jetzt auch.

Heidi genießt das Bergleben mit ihrem Opa, dem Alm-Öhi

Foto: Studiocanal/Walter Wehner

Und das schöne Bild von der Schweiz? Verliert die Alpenrepublik durch den Film ihr idyllisches „Heidi“-Image? Petra Volpe sieht das gelassen. „Im Idealfall gibt es einfach eine Farbe dazu“, sagt sie, „natürlich zeigt der Film auch die schönen Momente, für die Heidi nun mal bekannt ist. Aber auch die andere Seite.“ Damit würde man einerseits der Realität eher gerecht, erziele aber andererseits auch einen nicht unwillkommenen Nebeneffekt: Die schönen Momente würden dadurch nämlich noch ein bisschen schöner. „Meine Hoffnung ist, dass der Film zum Nachdenken anregt und auf einer tiefen Ebene greift – nicht berührt, sondern bewegt.“

Schauspieler Bruno Ganz (l.) und Regisseur Alain Gsponer (r.)

Foto: Studiocanal/Walter Wehner

Es ist übrigens nicht der erste „Heidi“-Film des Regisseurs Alain Gsponer. Bereits 1998, als Student der Filmakademie Baden-Württemberg, hatte er einen Animationsfilm mit dem Titel „Heidi“ gedreht. „Damals gab es die Diskussion, wie die Schweiz mit dem jüdischem Gold umgeht“, erklärt der Regisseur, „und das Heidi-Schweiz-Image war zu der Zeit noch sehr präsent. Ich wollte zeigen, dass das so nicht mehr stimmt.“ Mit dem jetzigen Film hat er offenbar Ähnliches vor – wenn auch nicht mit den Mitteln der Satire, sondern des Spielfilms für die ganze Familie.

Heidi und der Geissenpeter

Foto: Studiocanal/Walter Wehner

Die Reichweite einer solchen Imagekorrektur dürfte zumindest gewaltig sein. Seit der ersten Verfilmung und mit jeder weiteren – vor allem seit der Trickfilmvariante aus Japan – trägt Heidi die Schweizer Landschaften in die Welt hinaus. Heidi war die Schweiz und Heidi kannte bald jeder. Das musste auch Bruno Ganz erfahren, als er die Rolle des Alm-Öhi annahm und von Bekannten aus den verschiedensten Ländern darauf angesprochen wurde.

„Das ist unglaublich, unglaublich! Heidi ist berühmter als die Schweizer Banken oder Schokolade“, so Ganz, „alle, wirklich alle wissen, wer Heidi ist.“

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Die Reise wurde unterstützt von Studiocanal. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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