Mikrostaat mitten in Schweden

Ladonien – das wohl kurioseste Mini-Land Europas

Immer mal wieder rammt jemand auf der Welt ein Schild in den Boden und gründet eine Mini-Nation. Meist gibt es dort leider nicht mehr zu besichtigen als die Hütte des Gründers uns sein gewaltiges Ego. In Südschweden jedoch liegt ein Mikroland, das jede Menge Kunst und Spaß bietet.

Von Morgane Llanque

Nicht weit entfernt von dem südschwedischen Bullerbü-Dorf Arild liegt das Naturreservat  Kullaberg. Laut dem Kinderbuchhelden Nils Holgersson kommen dort einmal im Jahr alle  Tiere zusammen, um zu feiern und Spiele zu veranstalten. Aber auch Menschen finden auf der Halbinsel einige lohnende Attraktionen: unberührte Wälder etwa, oder versteckte Felsbuchten und weiß-grün gestreifte Leuchttürme. Und im Hafen von Mölle kann man Boote mieten, um frei lebende Tümmler beim Herumtollen zu beobachten.

Die Halbinsel Kullaberg, auf der Ladonien liegt, ist ein Naturreservat. Im Meer gibt es frei lebende Delfine.

Foto: dpa picture alliance

Kehrt man Mölle und Arild den Rücken zu und macht sich in die entgegengesetzte Richtung auf, erreicht man nach einer Stunde Fußmarsch die Gaststätte Himmelstorp, ein Haus mit Reetdach, in dem man selbst gebackene Leckereien kaufen kann. Hier hört man nicht mehr viel über Tümmler und romantische Hafen-Panoramen, sondern nur noch von der unabhängigen Nation Ladonien.

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Ein Mikroland mitten in Schweden

Eine unabhängige Nation in Schweden? Seit wann? Und wo liegt sie? Gibt es eine Grenzkontrolle? Maren, eine Stockholmerin, die wie viele gestresste Großstädter Urlaub in Südschweden macht und auch gerade in Himmelstorp verschnauft, lacht hell und laut. „Nein, keine Grenzkontrolle. Und weit von hier ist es auch nicht. Aber klettern musst du, wenn du kein Boot hast. Viel klettern.“

Schlägt man sich also gestärkt von Zimtwecken und bitterem Kaffee in die Wälder, beginnt das Kraxeln. Die Erde ist feucht und kühl, heute Nacht hat es geregnet und dementsprechend viel Matsch spritzt auf die Schuhe und Kleider. Bald hören die provisorischen Holztreppen und Trampelpfade auf und man gelangt an einen ziemlich steilen und wurzeligen Hang hinab zur Küste. Durch das dichte Blätterdach schimmert das Meer. Hat man den Hang bewältigt – das Schlimmste ist der Gedanke, dass man den Hügel nachher wieder hinaufklettern muss –, überschreitet man etwas rotwangig und verschwitzt die Grenze zur unabhängigen Republik Ladonien.

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Eine Stadt aus Holz

Dort erwarten einen 75 Tonnen Treibholz. 75 Tonnen Treibholz, die sich zu hölzernen Türmen aufschichten. Verbunden sind sie untereinander durch ein ziemlich wackeliges  und vermorschtes Tunnelsystem. Die Holzscheite und Stöcke werden von verbogenen Nägeln zusammengehalten. Das Ganze sieht ein bisschen so aus wie das Inseldorf, in dem Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“ zum Häuptling eines Kannibalenstammes gewählt wird.

Ein paar schwedische Teenager klettern begeistert um die Wette. Man kann die Türme nämlich auch erklimmen. Oben angekommen wird für die Smartphone-Kameras posiert. Ein paar Elternpaare weiter unten sind angesichts des chaotischen Holzgebildes weniger enthusiastisch. Sie führen ihre Kinder durch ein Loch, das in einem der Tunnel klafft, und helfen ihnen dann über die felsige Küste zum Wasser hinunter. Zeit für ein Familienpicknick am Meer. Möwen fliegen über die Türme hinweg. Weit und breit aber kein einziger Hinweis darauf, warum es diesen Ort gibt und wer ihn erbaut hat und immer noch daran weiterbaut. Auf jeden Fall liegt der Verdacht nah, dass es sich um einen verdammt guten Mikado-Spieler handeln muss.

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Professor Lars Vilks hat die Nation Ladonien eigenhändig aus Treibholz erbaut

Foto: dpa picture alliance

Tatsächlich ist der Gründer von Ladonien ein Universitätsprofessor namens Lars Vilks. Er begann in den 1980er-Jahren damit, ein Kunstwerk zu errichten, das er Nimis (lat. „zu viel“) taufte. Leider ohne jede offizielle Genehmigung. Nach zwei Jahren entdeckten die örtlichen Behörden das illegale Kunstwerk schließlich und teilten Vilks mit, dass die Konstruktion abgerissen werden müsse. Vilks weigerte sich jedoch. Er errichtete neben Nimis eine zweite Skulptur namens Arx, die eine steinerne Sandburg darstellt. Dann verkaufte er beide Kunstwerke öffentlichkeitswirksam zunächst an den Künstler Joseph Beuys und nach dessen Tod an die beiden Künstler Christo und Jeanne-Claude.

1996 rief Vilks die Gründung der „stolzen, freien, interaktiven“ Nation Ladonien aus. Vermutlich vor allem, um die Behörden zu ärgern. Im Laufe des Rechtsstreits wurde eine dritte Skulptur namens Omphalos, die Vilks 1999 erbaut hatte, entfernt. Mittlerweile steht sie im Museum für Moderne Kunst in Stockholm. Nach weiteren langen Jahren des Streits mit den schwedischen Behörden, in deren Verlauf Vilks auch regelmäßig hohe Strafgelder und Gerichtskosten auf sich nehmen musste, durfte der Rest von Ladonien schließlich bleiben.

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Die Nationalhymne ist das Geräusch eines fallenden Steines

Nach der erfolgreich erstrittenen „Unabhängigkeit“ richtete Vilks eine eigene Website für seine Nation ein, die Neugierige über Bevölkerung und Geschichte des Landes aufklärt. So erfährt man dort, dass es sich bei der Regierungsform von Ladonien um eine republikanische Monarchie handelt. Alle drei Jahre wird ein Präsident gewählt, derzeit handelt es sich um Christopher Matheoss. Gemeinsam mit Königin Carolyn – Männer werden gemäß Verfassung vom Thron ausgeschlossen – kümmert er sich um die Belange Ladoniens. Allerdings leben beide nicht in Ladonien selbst, Matheoss hat seinen Wohnsitz in Frankreich, Carolyn in den USA.

Die Nationalhymne von Ladonien ist laut Website das Geräusch eines Steins, den man ins Wasser wirft. Die offizielle Währung nennt sich Örtug. Ein Örtug entspricht zehn schwedischen Kronen oder umgerechnet circa einem Euro.

Laut der letzten Volkszählung 2015 haben sich mittlerweile mehr als 17.000 Menschen als Bewohner Ladoniens registriert, auch wenn kein einziger von ihnen wirklich dort residiert. In der landeseigenen Chronik kann man das politische Geschehen des Landes linear verfolgen: 2003 zum Beispiel ist vermerkt, dass Ladonien Schweden offiziell den Krieg erklärt hat. Über aktuelle Ereignisse unterrichtet Vilks selbst als Chefredakteur des „Ladonia Herold.“

Ladonien ist vor allem eins: ein richtiges Kletterparadies

Foto: dpa picture alliance
Einmal wollten 3000 Pakistaner nach Ladonien auswandern

Der schrägste reale Zwischenfall seit der Gründung von Ladonien trat ein, als 3000 Pakistaner sich über das Online-Registrierungsformular für die ladonische Staatsbürgerschaft registriert hatten und tatsächlich dorthin auswandern wollten. Erst als sie nach der ladonischen Botschaft fragten, wurde ihnen mitgeteilt, dass ein dauerhaftes Wohnen in Ladonien nicht möglich sei.

Vilks baut heute noch an den schiefen Nimis-Holztürmen. Sie sind wirklich einen Besuch wert. Und wenn es sich bei Ladonien an der Küste von Kullaberg gewissermaßen nur um eine sehr weit getriebene Satire handelt, so ist der Ort doch zumindest ein wundervoller Abenteuerspielplatz.

Als es dunkel wird und wirklich jeder hölzerne Zentimeter des Landes erkundet ist, wird es Zeit für die Umkehr. Was das angeht, ist wirklich ein Boot zu empfehlen. Beim Hinaufklettern des schlammigen Erdwalls ist der einzige Trost, der einem bleibt, das Wissen, dass Ladonien, wenn schon nicht durch eine richtige Armee, wenigstens durch die schroffe Natur gut vor etwaigen Feinden geschützt ist.

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