Trotz Hochsaison kaum Urlauber

Lesbos – eine Trauminsel kämpft um mehr Touristen

Es sind derzeit schwierige Zeiten für den Tourismus auf Lesbos. Der Grund: Wegen der Flüchtlingskrise meiden Urlauber die griechische Insel. Bis zu 70 Prozent weniger Touristen verzeichnet Lesbos 2016. Viele Einwohner fürchten um ihre Zukunft – und hoffen trotzdem auf bessere Zeiten.

Von Robin Hartmann

Wer dieser Tage auf Lesbos zwischen alten Olivenbäumen wandert, in einem malerischen Küstenort im Meer badet oder die frische Küche in einem der unzähligen kleinen Restaurants genießt, der wird sich wohl fast zwangsläufig eines fragen: Wie kann es sein, dass es an einem so schönen Ort in der Hochsaison kaum Touristen gibt? Denn während andere griechische Inseln wie Kreta unter einem Besucheransturm von mehreren Millionen Menschen pro Jahr ächzen, kommen nach Lesbos gerade einmal 100.000 Urlauber. Beziehungsweise kamen, denn diesen Sommer werden es wohl noch weit weniger sein – Einheimischen wie der Fremdenführerin Elsa Eglesopoulou zufolge erwarte man bis zu 70 Prozent weniger Touristen als noch 2015.

Und während man durch wunderschöne alte Bergdörfer wie Agiassos oder Megalochori fährt, in denen Menschen wie der Schreiner Dimitris Kanaros teilweise noch die Betriebe führen, die ihre Urgroßväter einst gründeten, finden eigentlich alle Einheimischen die gleiche Erklärung für den Besucherschwund: Die Menschen hätten ein falsches Bild von der Insel, seit letztes Jahr die Berichte von der Flüchtlingswelle um die Welt gingen, die besonders Lesbos völlig unvorbereitet traf. In der Folge brach der Tourismus ein.

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Molyvos ist ein Ort mit einer über 3000-jährigen Geschichte. Momentan machen sich aber viele Einheimische Sorgen um seine Zukunft – wie auch um die der gesamten Insel.

Foto: Luiza Skrzypczynska

90 Prozent weniger Buchungen

Bis zu 65 Prozent weniger seien es allein im Mai 2016 gewesen, in manchen Gegenden von Lesbos gibt es laut Medienberichten bis zu 90 Prozent weniger Buchungen für Hotels. Laut „Deutschlandfunk“ ist die Anzahl an Charterflügen von wöchentlich 35 auf nur noch zwölf zurückgegangen. Was passiert, wenn der Flüchtlingsdeal zwischen der EU und der Türkei platzen sollte, daran möchte hier niemand denken – und zugleich ist das Thema natürlich in aller Munde.

Die Strandpromenade von Skala Eressos

Foto: Luiza Skrzypczynska

Ob abends bei einem Bier in Ladhadhika, dem belebten Szene- und Barviertel der Hauptstadt Mytilini, bei einem Essen im romantischen Hafen des Unesco-Weltkulturerbe-Ortes Molyvos oder in den hippen Strandcafés im Badeort Skala Erresou, überall debattiert man erregt über die Krise, meist gepaart mit der Hoffnung, schon bald wieder mehr Urlauber begrüßen zu können.

Flüchtlinge leben in Lagern

Das Paradoxe ist, dass zwar alle über die Flüchtlinge reden, man sie aber im Alltag auf Lesbos nirgendwo zu sehen bekommt. Die meisten von ihnen, mehr als viertausend sollen es laut „Der Standard“ noch sein, leben in einem Lager nahe dem kleinen Ort Moria. Berichten der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge bezeichnen die Flüchtlinge selbst dieses Lager als „Guantanamo“, das Lager ist von einem Elektrozaun umgeben, und überhaupt gebe es eigentlich nur 700 Plätze für die etwa 4000 Menschen. Die „FAZ“ berichtet zudem von fragwürdigen hygienischen Zuständen in dem Lager. Proteste gegen die Zustände seien von der griechischen Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern unterdrückt worden.

Obwohl die Flüchtlingspolitik laut „SZ“ eigentlich vorsieht, für diese Menschen schnell Entscheidungen bezüglich ihrer Asylanträge zu treffen, seien nicht wenige bereits seit Monaten in dem Lager, das sie zudem nur im Krankheitsfall verlassen dürften. Lesbos-Besucher würden davon auch deshalb nichts merken, weil die griechische Küstenwache nach der Ankunft von Flüchtlingen die Strandbereiche schnell wieder so aussehen lässt wie zuvor. Im Lager Kara Tepe dagegen, in dem etwa 1000 Menschen leben, sollen die Zustände etwas besser, aber längst nicht zufriedenstellend  sein.

Letztlich können die auf der Insel lebenden Griechen nur bedingt für die teils prekären Zustände in den Lagern verantwortlich gemacht werden, auch die Einwohner wollen vor allem eines: ein schnelles Ende der Krise.

Die wenigen Besucher, die derzeit nach Lesbos kommen, erleben eine Insel, die merkwürdig leer erscheint. Vieles geht dennoch seinen gewohnten Gang.

In der Hauptstadt Mytilini landeten in den vergangenen 20 Monaten besonders viele Flüchtlinge

Foto: Luiza Skrzypczynska

So zum Beispiel auf dem „Muschelfest“ in dem kleinen Küstenort Skala Polichnitou, das zu Ehren der Meerestiere stattfindet, die man natürlich auch probieren kann. Das ganze Dorf ist auf den Beinen, es wird bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen getanzt, orientalisch anmutende Musik wabert durch die dicke Sommerluft. Lesbos liegt nur wenige Kilometer von der Türkei entfernt, und so verbinden sich bei der Musik und auch beim Essen die besten Einflüsse aus europäischer und asiatischer Kultur zu einem einmaligen Mix.

30 Euro für einen tag Arbeit

Bei einem Glas Ouzo – der Anisschnaps wurde 1894 auf Lesbos erfunden – und gegrilltem Tintenfisch schlägt Sängerin und Tänzerin Maria aber dennoch nachdenkliche Töne an. Sie erzählt noch von anderen Problemen, zum Beispiel der hohen Jugendarbeitslosigkeit von etwa 50 Prozent. Sie selber jobbe zwar in einer Bar, doch in einer regulären Schicht verdiene sie gerade einmal 30 Euro. „Auch in Griechenland gibt es einen Mindestlohn“, erzählt sie. „Aber wer sich beschwert, findet am Ende vielleicht gar keine Arbeit mehr.“

Fischerboote vor Lesbos

Foto: Luiza Skrzypczynska

Valia Asimakopoulou, die in dem Ort Skala Eressos Apartments vermietet, berichtet von ihren Sorgen, seit die Touristen ausbleiben: „Ich habe Angst“, sagt sie, „viele hier wissen nicht mehr, wie es weiter gehen soll.“ Und dabei ist Skala Eressos noch so etwas wie ein Touristenmagnet, denn hier hat der Legende nach die antike Dichterin Sappho gelebt, die dafür „verantwortlich“ ist, dass der Name der Insel heute bezeichnend ist für die sexuelle Ausrichtung von Frauen, die andere Frauen lieben.

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Ein Pilgerort für lesbische Frauen

Sappho soll mit einigen ihrer Schülerinnen amouröse Beziehungen unterhalten haben, und daher werden homosexuelle Frauen heute als lesbisch bezeichnet – obwohl das Wort in seiner Ursprungsform nichts anderes bedeutet als „von der Insel Lesbos stammend“. Seit den 1970er-Jahren zieht Skala Eressos nun schon lesbische Frauen rund um die Welt an, und im September veranstalten sie seit etwa 1990 das „ Sappho Women's Festival “, bei dem aber natürlich auch jeder andere Gast willkommen ist.

Die Küste vor Molyvos trumpft mit einem absoluten Postkarten-Panorama auf

Foto: Luiza Skrzypczynska

Einigen Besucherinnen gefiel es offenbar sogar so gut, dass sie sich auf Lesbos niedergelassen haben. Heute wird das Bild des Ortes vor allem von der Strandpromenade bestimmt, wo hauptsächlich junge Leute entspannt in den vielen Bars und Cafés sitzen, um bei Meeresrauschen den Tag zu genießen. Die Restaurants servieren den Fang des Tages frisch zubereitet, die Sonne strahlt vom Himmel, und wie eigentlich überall auf Lesbos will die lockere Stimmung so gar nicht zu der offensichtlichen Krise passen.

Klassik gegen die Krise

Ein Zeichen für den Lebensmut und den Kampfgeist der Einwohner von Lesbos möchte die Künstlerin Lito setzen, die in dem malerischen Molyvos mit seiner 3000-jährigen Geschichte und seinem beeindruckenden Burgberg ein Festival für klassische Musik organisiert hat. Das „Molyvos International Music Festival“ wurde von Größen der Szene wie Sir Simon Rattle unterstützt, internationale Klassik-Stars wie Benedict Klöckner und die Dörken-Schwestern am Piano traten hier auf.

Der Rückkehrer

Es sind Geschichten wie die des Touristenführers Gabriel, die Hoffnung machen, dass Lesbos sich wieder erholen wird: Vor zehn Jahren gab er seinen hochbezahlten Job in Wales auf und zog gemeinsam mit seiner Frau zurück in die Heimat. „Ich verdiene jetzt zehnmal weniger als vorher“, erzählt er lachend. „Aber hier habe ich alles, was ich brauche. Wir mieten ein schönes kleines Haus, haben ein paar Hühner und ein schönes Leben.“ Gabriel fährt heute Besucher in einem Bus über die Insel, und auch er wünscht sich natürlich, dass in Zukunft wieder mehr Touristen nach Lesbos kommen.

Um das zu erreichen, lädt er einen bei einem weiteren der unzähligen Gläser Ouzo an einem milden Abend gleich zu sich nach Hause ein: „Wir haben fünf Zimmer, und nette Leute sind uns immer willkommen.“ Angesichts solcher Gastfreundlichkeit scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Touristen wiederkommen. 

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Die Reise wurde unterstützt von der Griechischen Zentrale für Fremdenverkehr. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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