Nach mehr als 40 Jahren Dornröschenschlaf

Wird Zyperns Geisterstadt bald wieder lebendig?

Bis vor vierzig Jahren war Varosha das größte Urlaubsparadies von Zypern. Sogar Elizabeth Taylor lag hier schon am Strand. Doch seit 1974 ist der frühere Ferienort eine verlassene Geisterstadt, abgesperrt von einem Stacheldrahtzaun. Nun gibt es Hoffnung: Die UN fördert Gespräche zwischen den griechischen und türkischen Zyprioten, und schon heißt es, eine Wiederöffnung Varoshas sei eher eine Frage von „Monaten, statt Jahren“.

Zypern ist die Insel der Aphrodite. Die Schöne entstieg hier dem schäumenden Meer, weshalb sie die „Schaumgeborene“ genannt wird. Auch Zeus verbindet man mit Zypern, sowie so manchen anderen großen Namen der griechischen Götterwelt.

Wer schon einmal auf der Insel war, kennt all die Mythen und Märchen, denn diese werden hier sehr gut gepflegt. Weil es nun mal wunderschöne Geschichten sind. Und vielleicht auch, weil die jüngere, sehr bewegte Geschichte der Insel so wenig Erfreuliches zu bieten hat – und man lieber die Bilder einer Schaumgeborenen heraufbeschwört als die von Stacheldraht.

Um den kommt man auf der Insel indes kaum herum. Zumindest nicht, wenn man sich in den Norden begibt. In Nicosia, der letzten geteilten Hauptstadt der Welt, fühlt man sich ein bisschen wie im Berlin zur Zeit der Mauer, sobald man die Seiten wechselt: vom griechischen in den türkischen Teil – vorbei an Polizisten und Maschinengewehren, an Sandsäcken und Stacheldraht, an Graffitis und kaputten Fassaden.

Sophia Loren hatte hier eine Villa

Doch während man in Nicosia den Grenzstreifen seit einigen Jahren passieren kann, geht es an dem in Varosha (auch Varosia oder Maraş) am Stadtrand von Famagusta (Gazimagusa), wenige Kilometer östlich der Hauptstadt an der Küste gelegen, keinen Schritt weiter. Was wird hier so gut geschützt? Eine gespenstische Ferienanlage gigantischen Ausmaßes, die seit mehr als 40 Jahren den Dornröschenschlaf schläft.

Gebaut wurde sie in den 1960er-Jahren. Damals entwickelte sich gerade der Massentourismus auf der Insel – und am konsequentesten tat er das in Varosha, wo der Sand besonders fein war und das Wasser besonders warm und azurblau. Mehr als 100 Hotels und Apartmenthäuser, 21 Banken, 24 Theater und Kinos sowie rund 3000 kleinere und größere Läden zählte der Ort in seinen besten Tagen. Es war die Côte d’Azur Zyperns: Elizabeth Taylor saß hier unterm Sonnenschirm, Sophia Loren hatte eine Villa am Strand.

Bilder aus der Zeit vor dem Krieg zeigt diese Dokumentation (auf Englisch/Türkisch):

Im Jahr 1973 erwirtschaftete Varosha mehr als die Hälfte der Gesamteinnahmen des Tourismusgewerbes auf der Insel. Tendenz steigend: 380 neue Gebäude – Hotels, Restaurants, Geschäfte – waren bereits in Bau. Indes: Sie sollten keine Urlauber mehr begrüßen und beherbergen dürfen.

Denn wenige Monate später marschierten türkische Truppen im Norden der Insel ein, der Zypernkonflikt eskalierte – und aus Varosha flüchteten 45.000 Menschen. Noch heute sieht man an den Fassaden die Einschusslöcher aus den Kämpfen von damals. Doch im Gegensatz zu anderen Gebieten des Nordens, wo sich vertriebene türkische Zyprer und Einwanderer aus der Türkei ansiedelten, blieb Varosha unbewohnt.

Blick durch den Zaun auf Varosha

Foto: getty images

Stattdessen zog man einen Zaun hoch und erklärte das frühere Urlaubsparadies zum militärischen Sperrgebiet. In den letzten Jahrzehnten wurde die Hotelstadt zwar immer mal wieder als Pfand und potentielles Tauschobjekt gehandelt. Doch andere touristische Zentren hatten sich auf der Insel bereits entwickelt und waren mindestens so erfolgreich wie einst Varosha.

Wer die Stadt heute mit Sondergenehmigung besuchen darf, könnte glauben, eine Atombombe hätte hier einst alles Leben ausradiert. In vielen Häusern sieht man noch, dass sie die Einwohner Hals über Kopf verließen: Kochtöpfe auf verrosteten Herdplatten, Matratzen auf Bettgestellen – in einem Autohaus stehen „Neuwagen“ zum Verkauf, Baujahr 1974. Zwischen den Häusern machen sich derweil Sträucher breit. Schlangen kriechen durchs Gebüsch, Schildkröten über den Strand. Die Häuser verfallen.

Dieses Amateurvideo zeigt Varosha, wie man es durch den Stacheldrahtzaun sehen kann:

Immer wieder fordern Initiativen, Varosha wiederzubeleben. Etwa bei dem jährlichen Gedenktag in Famagusta. Eine Reporterin des Telegraph war 2014 dabei und beschreibt, wie sich mehrere hundert Menschen versammelten und einen Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, verlasen, in der sie die Zurückgabe der Stadt an ihre früheren Einwohner forderten.

Offenbar wurden die Protestanten jetzt erhört. In den kommenden Wochen werden sich türkische und griechische Zyprioten zu von der UN geförderten Gesprächen treffen. Und es sieht so gut aus, wie lange nicht, dass diese vielleicht eine Einigung erzielen. An gutem Willen fehlt es offenbar nicht. Man sei auf der „gleichen Wellenlänge“, heißt es von griechischer Seite. Dass es eher eine Frage von „Monaten, statt Jahren“ sei, bis die Zäune fielen und Varosha wieder Touristen begrüße, von der anderen.

Blick von einem Hotelstrand in Famagusta auf die Geisterstadt Varosha im Hintergrund

Foto: getty images

Beobachter sind kritisch, müssen aber zugeben, dass in dem Jahrzehnte langen Konflikt bisher noch nie so auf Versöhnung gepolte Politiker agierten wie Nicos Anastasiades, Präsident der Republik Zypern, und Mustafa Akıncı, Präsident der nur von der Türkei anerkannten Türkischen Republik Nordzypern. Zudem ist der ökonomische Druck immens.

Eine Wiederbelebung von Varosha, dem man gern das Potential einer Copacabana oder Côte d'Azur zutraut, würde natürlich auch der Wirtschaft der Insel einen Auftrieb geben – und die hat das in der schon lange sehr angespannten Lage bitter nötig. Costas Apostolides, früherer Mitarbeiter im Planungsbüro Zyperns, sagte gegenüber der New York Times über Varosha: „Es ist gewaltig. Eine Wiedereröffnung könnte die gesamte Ökonomie der Insel regenerieren.“ Allein das Bauland wäre 5 Milliarden Euro wert.

Touristen können sich im Wasser von Famagusta aus der Sperrzone nähern

Foto: getty images

Pläne, wie das neue Varosha aussehen könnte, gibt es übrigens schon. Etwa von Architekturprofessor Jan Wampler vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), der mit einem Team von Architekten, Städteplanern, Unternehmern und Friedensaktivisten den Ort in eine modellhafte Ökostadt verwandeln möchte.

Junge Leute sollen hier Jobs finden, und die Region: eine Perspektive. Ganz Europa solle nach Varosha schauen und sich ein Beispiel nehmen an dem nachhaltigen Konzept und den alternativen Technologien. Da, wo die Zeit so lange stehen geblieben war, wolle man bald der Zeit weit voraus sein.

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Wussten Sie, dass...

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