„Pilot hat Gin statt Wasser getrunken“

Die schrägsten Ausreden der Airlines bei Verspätungen

Wenn ein Flug Verspätung hat oder gar ganz annulliert wird, ist das für die Passagiere immer ein großes Ärgernis. Meistens sind Unwetter, technische Defekte oder Streiks die Ursache. Aber manchmal rechtfertigen sich Airlines vor Gericht mit ziemlich skurrilen Gründen für die Verspätung.

Nicht immer steht Flug-Passagieren eine Entschädigung zu, wenn ein Flug ausfällt oder zu spät ist. Aber es gibt Fälle, bei denen Flugreisenden durchaus Recht auf eine Ausgleichszahlung haben. Dann nämlich, wenn die Airline die Verspätung selbst verschuldet hat, bei technischen Defekten etwa. Oft kommt es über den Anspruch oder die Höhe einer Entschädigung zum Streit vor Gericht. Das Verbraucherschutzportal Fairplane, das Flugpassagiere dabei unterstützt, ihre Ausgleichsansprüche gegenüber Fluglinien einzufordern und durchzusetzen, hat zehn besonders skurrile Fälle zusammengestellt. Lesen Sie mal, wie absurd manche Airline eine Verspätung schon begründet hat – und wie die Gerichte auf manche Ausreden reagiert haben:

Fall 1: Gin statt Wasser
Eine Fluggesellschaft versuchte ihren um mehr als 24 Stunden verschobenen Flug damit zu  begründen, dass der Co-Pilot am Morgen des Abfluges im Hotel ein Glas Wasser bestellt habe und versehentlich ein Glas Gin-Tonic serviert bekam. In der weiteren Stellungnahme der Fluggesellschaft hieß es dann, dass der Pilot so durstig gewesen sei, dass er die „klare Flüssigkeit" weder am Geruch noch am Geschmack erkannt habe und erst einmal ein halbes Glas austrank. Die Fluggesellschaft war der Meinung, dass sie durch dieses unverschuldete Versehen zu keiner Ausgleichsleistung gegenüber ihren Passagieren verpflichtet sei. Dies sah das Gericht anders.

Fall 2: Ratte an Bord
Grundsätzlich gelten herrenlose und ungesicherte Tiere als Sicherheitsrisiko an Bord. Eine Fluggesellschaft versuchte sich mit dem Argument zu entlasten, dass vor dem Start eine Ratte als blinder Passagier an Bord gesichtet wurde, jedoch trotz stundenlanger Suche nicht gefunden werden konnte. „Beweisfotos“ des Nagetiers konnte die Airline nicht vorzeigen, sodass sich letztendlich nicht sicher feststellen ließ, ob der Grund der Verspätung tatsächlich in der Suche nach dem ungebetenen Gast lag.

Fall 3: Passagier löst Notrutsche aus
Manchmal kann Übereifer ins Auge gehen. Eine Fluggesellschaft argumentierte vor Gericht einmal wie folgt: Während der Sicherheitsanweisungen der Stewardess soll ein Passagier den Instruktionen zum Öffnen des Notausgangs im Flugzeug auffällig genau gefolgt sein und den theoretischen Ernstfall im Selbstversuch in die Praxis umgesetzt haben. Obwohl die Flugbegleiterin nach Angaben der Fluggesellschaft heldenhaft versuchte, sich zwischen Passagier und Notausgang zu werfen, schaffte er es, die Tür zu öffnen und die Notrutsche auszulösen. Die Reparatur zog sodann eine mehrstündige Verspätung nach sich.

Wie es sich wohl anfühlt, die Notrutsche auszulösen? Das hat ein Passagier selbst ausprobiert

Foto: shutterstock

Fall 4: Regen verhindert Reparatur
Grundsätzlich können bestimmte Wetterbedingungen für die Fluggesellschaft bei Entschädigungszahlungen entlastende Gründe darstellen. Nachdem am Flugzeug vor dem Abflug ein technischer Defekt festgestellt wurde, wandte die Airline im Klageverfahren vergeblich ein, sie habe den Flug aus wetterbedingten Gründen nicht pünktlich starten können, weil sie im Regen das Flugzeug nicht habe reparieren können. Das Gericht hat hier richtig darauf verwiesen, dass eine Reparatur für gewöhnlich im Hangar erfolge – und dort sowohl Flugzeug als auch Techniker vor Regen geschützt seien.

Fall 5: Fluggäste feierten zuviel
Im engen Rumpf eines Flugzeuges freut sich jeder Passagier über saubere Sitze und gute Luft. Entleert sich der Magen eines Mitglieds einer Partytruppe durch zu viel Alkoholkonsum, rechtfertigt dies eine länger dauernde Reinigungsaktion allemal. Die Airline dafür haftbar zu machen, lehnte das Gericht daher ab.

Fall 6: Flugbegleiterinnen müssen schlafen
Nicht nur für Piloten gelten strenge Arbeitszeitrichtlinien. Auch Flugbegleiterinnen können keine unbegrenzten Überstunden zugemutet werden. So verspätete sich schon so mancher Flug, weil die Kabinen-Crew durch eine Verspätung auf einem vorherigen Flug ihre Arbeitszeit überschritten hatte und Ersatzpersonal erst Stunden später eintraf.

Erstmal ein Nickerchen: Das brauchen Stewardessen, wenn sie zu lange arbeiten

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Fall 7: Flugbegleiterin auf Abwegen
Eine Stewardess wollte die Flugzeugtüre öffnen, nachdem das Boarding bereits abgeschlossen war. Dabei vergaß sie, dass die Notrutschen-Funktion bereits aktiviert war. Mit Öffnen der Flugzeugtür rollte vor den verdutzten Passagieren die Notrutsche aus. Der Austausch nahm mehrere Stunden in Anspruch. Grundsätzlich trägt eine Fluggesellschaft das Risiko, wenn eine Maschine aufgrund eines Defekts nicht rechtzeitig einsetzbar ist. Dies gilt erst recht, wenn das Flugzeug durch das eigene Personal außer Gefecht gesetzt wird. So musste die Airline zahlen.

Fall 8: Schoßhund mit Flugangst
Hunde, die in eine Handtasche passen, dürfen mit bei Frauchen oder Herrchen in der Kabine fliegen. Wie bei Menschen auch, freut sich nicht jeder Vierbeiner über den bevorstehenden Flug. Empfindlichen Naturen kann sich schon Mal vor Aufregung der Magen umdrehen. Das abgebrochene Boarding sowie die mehrstündige Reinigung nahmen die Passagiere dann mit Fassung hin. In diesem Fall einigte man sich außergerichtlich.

Hunde dieser Größe dürfen mit Herrchen oder Frauchen in der Kabine fliegen. Doch nicht jedes Tierchen verträgt die Höhe

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Fall 9: Verstopfte Toilette
Ein Flugzeug muss funktionieren – auch die Toiletten. Tritt hier ein Defekt auf, gilt dieser nicht als außergewöhnlicher Umstand. Eine Airline argumentierte, dass unsachgemäßer Gebrauch der Passagiere mehrere Toiletten einer Maschine unbrauchbar machten und eine Reparatur nötig war. Die mehrstündige Verspätung sei daher ein außergewöhnlicher Umstand, und die Airline müsse daher keinen Schadenersatz zahlen. Das Gericht schloss sich diesem Argument jedoch nicht an, und die betroffenen Passagiere erhielten ihre Ausgleichszahlung.

Eine verstopfte Toilette im Flugzeug ist kein außergewöhnlicher Umstand, entschied ein Gericht

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Fall 10: Ver(w)irrte Biene
Bei einer Maschine hatte sich nach Auskunft der Airline eine Biene in ein sogenanntes Pitotrohr an der Flugzeugnase verkrochen und war zum Aussteigen nicht mehr zu überreden. Da die Fluggesellschaft die Öffnung eben jenes Pitotrohres mit einer Schutzkappe hätte versehen müssen, wurde den Passagieren im Prozess eine Entschädigung zugesprochen.

Eine Biene, die sich in den Geschwindigkeitsmesser eines Flugzeugs verirrt hatte, löste eine mehrstündige Verspätung aus

Foto: dpa Picture Alliance/Imago

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Recht auf Getränke bei Verspätung

Verspätet sich ein Flug massiv, muss sich eine Airline um kranke Passagiere kümmern und ihnen – wie anderen Passagieren auch – Speisen und Getränke zur Verfügung stellen. Tut sie das nicht, steht den kranken Passagieren Schadenersatz zu.

Ein Mann hatte einen Flug von Santo Domingo nach Frankfurt gebucht. Trotz mehrstündiger Verspätung erhielt der Diabetiker kein Wasser von der Airline. Das Amtsgericht Frankfurt sprach ihm nun Schadenersatz zu (Az.: 3 C 479/13 [36]). Darauf weist die Deutsche Gesellschaft für Reiserecht in ihrer Zeitschrift „ReiseRecht aktuell“ hin.

Das Flugzeug des Klägers sollte um 15.25 Uhr starten. Nachdem der Mann gegen 13.00 Uhr eingecheckt hatte, befand er sich im internationalen Teil des Flughafens, wo alle Geschäfte verschlossen waren. Nachdem der Start mehrfach verschoben worden war, wurde den Passagieren mitgeteilt, dass sie per Bus zum Flughafen in Punta Cana gebracht werden, um von dort abzufliegen. Der Transfer erfolgte gegen 19.00 Uhr. In der Zwischenzeit hatte der Mann, der an Diabetes mellitus leidet, trotz mehrfacher Nachfragen kein Wasser erhalten. Auch auf dem Bustransfer und am Flughafen Punta Cana bekam er nichts zu trinken. Er forderte deshalb neben der Ausgleichszahlung Schadenersatz in Höhe von 200 Euro.

Beides sprach ihm das Gericht zu. Bei einer Flugannullierung sei die Airline verpflichtet, die Passagiere mit Speisen und Getränken zu versorgen. Das habe sie aber nicht getan. Durch seine Krankheit sei dem Mann ein Schaden in Form einer Gesundheitsbeeinträchtigung entstanden. Der Auffassung der Airline, der Mann hätte sich selbst mit Wasser versorgen müssen, folgte das Gericht nicht. In die Sicherheitszonen des Flughafens dürfe man nur geringe Mengen Flüssigkeit mitnehmen.