Moskaus Drohung und die möglichen Folgen

Dürfen europäische Airlines bald nicht mehr über Russland fliegen?

Mit immer schärferen Sanktionen versucht die EU, Russland zum Einlenken im Ukraine-Konflikt zu bewegen. Moskau reagiert darauf mit der Drohung, den russischen Luftraum für europäische Airlines zu sperren. Dies wäre für die Fluglinien mit erheblichen Mehrkosten verbunden.

Nuno Alves Von Nuno Alves

Wie heikel das Thema einer möglichen Sperrung des russischen Luftraums für westliche Fluggesellschaften ist, zeigen schon die Reaktionen auf eine entsprechende TRAVELBOOK-Anfrage. Praktisch unisono hieß es bei British Airways, KLM, Air France, Lufthansa & Co., man wolle die derzeitigen Spekulationen nicht kommentieren – was angesichts der möglichen Auswirkungen einer Aussage auf den Börsenkurs der Unternehmen durchaus verständlich erscheint. Man beobachte die Situation sehr genau, erklärt beispielsweise KLM, es sei jedoch verfrüht, über eine Reaktion nachzudenken.

Sicher ist, dass Russland mit einer solchen Maßnahme einige europäische Fluglinien, die sich ohnehin in einem harten Wettbewerb mit den Golf-Airlines befinden, empfindlich treffen würde.

Rund 180-mal pro Woche fliege die Lufthansa derzeit auf den Strecken nach Japan, Korea und China über den sibirischen Luftraum, so Lufthansa-Sprecher Peter Schneckenleitner zu TRAVELBOOK.de. „Für die europäischen Airlines gäbe es als mögliche Alternative südliche und nördliche Routen Richtung Osten. Diese Umwege wären jedoch mit zusätzlichem Zeitaufwand und erheblichen Mehrkosten verbunden.“

In puncto Zeit und Kerosinverbrauch ist die transsibirische Route bei vielen Verbindungen die effizienteste. Eine etwaige Umstellung über einen längeren Zeitraum auf eine andere Route könnte für einige Fluggesellschaften bedeuten, dass sie die Verbindung aufgeben und damit den ohnehin umkämpften Markt der Asien-Destinationen Wettbewerbern wie Turkish Airlines oder den Golf-Airlines überlassen müssen.

Andere Fluglinien müssten allerdings sogar um ihre Existenz fürchten. „Für Finnair wäre ein umfassendes Überflugverbot eine Bankrott-Erklärung“, zitiert „Handesblatt Online“ Andreas Wittmer, den Geschäftsführer des Center for Aviation Competence an der Universität St. Gallen.

Mit Aussagen halten sich natürlich auch die Finnen zurück: „Da wir keine offiziellen Informationen über den Inhalt und Umfang möglicher russischer Gegen-Sanktionen haben, können wir nicht über deren Auswirkungen auf den Flugbetrieb von Finnair spekulieren“, erklärt Päivyt Tallqvist, Head of Media Relations bei Finnair, auf TRAVELBOOK-Anfrage. Sie ergänzt aber, dass die Airline einen Standard-Prozess für den Fall habe, dass der Flugbetrieb beeinträchtigt werde. Dass dieser den finanziellen Ruin verhindern kann, ist jedoch mehr als fraglich.

Bei der europäischen Flugsicherungsbehörde Eurocontrol sieht man die Sache pragmatisch: Rund 30.000 Flügen in Europa koordiniere man in Europa, erklärt ein Mitarbeiter TRAVELBOOK. Nur wenige hundert Verbindungen würden über Russland führen, deswegen hätte eine Luftraumsperrung lediglich örtliche Auswirkungen. Eurocontrol würde die Zeitfenster anpassen und den betroffenen Airlines neue Routen vorschlagen.

Für Ukrainian Airlines haben die russischen Behörden den Luftraum bereits Mitte August gesperrt. Auf der Website der Fluglinie wurden die Mehrkosten in Zusammenhang damit auf 15 bis 20 Prozent beziffert. Hinzu kämen noch Flugverspätungen.

Interessanterweise hätte die angedrohte Maßnahme auch Folgen für Russland selbst. Weil nämlich Gebühren für den Überflug eines Landes anfallen und die Russen diese Einnahmen an die staatliche Airline Aeroflot weiterreichen – laut „Welt.de“ sind das zwischen 300 und 500 Millionen Dollar jährlich – würde der Wegfall eines Teils dieses Geldes Aeroflot erheblich schaden. Und letztlich würde die Luftraumsperrung ihrerseits weitere Sanktionen seitens der USA und der EU nach sich ziehen, zu denen ebenfalls ein Überflugverbot für russische Flugzeuge gehören kann.

Ein Machtkampf, der am Ende immer nur Verlierer kennt.

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