Nach Abschuss der MH017 über der Ukraine

Wie sicher ist das Fliegen über Kriegsgebieten?

Nach dem Abschuss einer Passagiermaschine von Malaysian Airlines sind viele Flugreisende verunsichert. Wie sicher sind die Flugrouten, die über Kriegsgebiete führen? Letztlich ist es eine Frage des Vertrauens. Passagiere können nicht selbst die Route ihres Fluges planen. Nationale Behörden tragen die Verantwortung – und auch Fluggesellschaften müssen ständig das Risiko einer Strecke abschätzen.

Über den Wolken ist die Freiheit alles andere als grenzenlos. Ein Netz von Luftstraßen überzieht die Erde – einschließlich vieler Krisengebiete zwischen Nordkorea, Afghanistan, Syrien und der Ukraine. Und auf welcher dieser Luftstraßen ein Flugzeug fliegt, hängt von vielen Umständen und Entscheidungen ab. Selbst die Piloten erfahren es im letzten Detail erst relativ kurz vor dem Flug, weil wichtige Wetterdaten möglichst aktuell berechnet werden. Passagiere wissen meist auch nach der Landung nicht, wie genau sie von A nach B gekommen sind.

„Die Festlegung von Luftstraßen ist eine nationale Verantwortung“, sagt Brian Flynn, Manager des Routennetzwerkes bei Eurocontrol in Brüssel. Früher hangelten sich diese Straßen an Funkstationen am Boden entlang, mittlerweile reichen Koordinaten zur Markierung von Wegpunkten für die Navigationssysteme aus. Luftstraßen werden dadurch immer direkter – und direkt ist deswegen gut, weil der direkte Weg im Regelfall der billigste ist.

Welche Route schließlich im Flugplan eingetragen wird, hängt unter anderem vom Wetter, von der Dichte des Flugverkehrs und von der Frage ab, ob das Flugzeug zwei oder drei oder vier Triebwerke hat.

Flughöhen werden abhängig von der Streckenlänge, dem sich verändernden Gewicht des Flugzeuges und der Flugrichtung festgelegt. Und bestimmte Teile des Luftraums sind aus verschiedensten Gründen ständig oder zeitweilig gesperrt: militärische Übungsgebiete, Umweltzonen, reservierte Bereiche über Großstädten oder Naturdenkmälern – aber auch Segelflugareale.

Die Gegend im Osten der Ukraine, wo der Flug MH017 der Malaysia Airlines mutmaßlich abgeschossen wurde, war nach Angaben von Eurocontrol bis zur Flugfläche 320 gesperrt (also bis zur Höhe von 32 000 Fuß oder 9754 Metern). MH017 befand sich auf Flugfläche 330, also im Bereich des Erlaubten – nämlich knapp 305 Meter höher. Und die Boeing 777-200 war dort auch nicht alleine. „Es gab zu dieser Zeit in  großer Höhe eine ganze Menge Verkehr in dieser Gegend“, sagt Flynn. Etwa 75 Prozent aller Flüge, die normalerweise über die Ostukraine führen, fanden auch weiterhin statt.

Risiko-Abschätzung liegt bei den örtlichen Behörden

Seit Donnerstagabend haben die ukrainischen Behörden den gesamten internationalen Flugverkehr im Osten des Landes „bis in unbegrenzte Höhe“ gesperrt. Flüge über die Dnjepropetrowsk FIR (Flight Information Region) werden nicht mehr genehmigt. So steht es in den sogenannten NOTAMs (Notice to Airmen), die rund um den Globus ständig aktualisiert werden und bei der Flugplanung und von den Piloten stets in der aktuellsten Version befolgt werden müssen.

Welcher Luftraum in welchen Höhen und wie lange gesperrt wird, ist  „eine souveräne nationale Entscheidung“, sagt Flynn. Nur gelegentlich greift die zuständige UN-Agentur ICAO (International Civil Aviation Organization) ein und sperrt – beispielsweise im damaligen Jugoslawien, Libyen oder Syrien – einen Luftraum für zivile Flugzeuge. Die Abschätzung des Risikos liegt normalerweise bei den örtlichen Behörden. Israel beispielsweise hat nach den Raketenangriffen aus dem Gazastreifen bestimmte Luftstraßen geschlossen, hält andere aber für sicher.

Eurocontrol hatte Anfang April vor Flügen auf die Krim gewarnt. Nach der Annexion der Krim durch Russland war zwischen Kiew und Moskau umstritten, wer für die Luftverkehrsaufsicht zuständig ist. Da dies nicht geklärt werden konnte, riet Eurocontrol vor Flügen dorthin ab.

„Es gab überhaupt keine nationalen oder internationalen Warnungen, dass es nicht sicher sein könnte, im oberen Luftraum über der Ukraine zu fliegen“, sagt ein Experte der EU-Kommission in Brüssel.

„Das Flugzeug ist in einer völlig normalen Situation plötzlich vom Radar verschwunden“, heißt es bei Eurocontrol. Zwar wäre die MH017 nicht das erste abgeschossene Zivilflugzeug – doch hat sich bisher so ein Abschuss noch nicht in derartiger Höhe ereignet. Flugreisende könnten sich darauf verlassen, dass Fluggesellschaften und Piloten jedes erkennbare Risiko vermeiden, meint man bei Eurocontrol. An der Flugplanung könnten sie sicher nicht beteiligt werden. Flynn sieht das so: „Flugzeuge sind nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel, das es gibt.“

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Angst reicht nicht für Stornierung

Dass eine Airline eine Route über ein Krisengebiet wählt, ist kein ausreichender Grund, um einen gebuchten Flug kostenlos stornieren zu können. Darauf weist der Reiserechtler Paul Degott aus Hannover hin. „Eine diffuse Angst, dass da möglicherweise etwas passieren könnte, reicht den Gerichten als Grund nicht aus“, erklärt Degott. Über Krisengebiete wie Israel, Ägypten oder Afghanistan finde der Flugverkehr schon seit Jahren ohne Zwischenfälle mit Passagiermaschinen statt.


„Anders liegt der Fall, wenn eine konkrete Bedrohung bekannt ist, die die Airline ignoriert.“ Unternehmen, die in der aktuellen Situation weiterhin über die Ukraine fliegen wollen, müssten damit rechnen, dass ihre Gäste bei einer Stornierung vor Gericht Recht bekämen.


Viele Airlines meiden den ukrainischen Luftraum bereits seit einigen Monaten, andere wie die Lufthansa haben angekündigt, ihre Flüge bis auf weiteres umzurouten.