Es müssen nicht immer Fotos sein!

Die coolsten Reisebücher kommen als Comic

Die klassische Reiseliteratur bekommt zunehmend Konkurrenz. Und zwar aus dem Bereich der Graphic Novels, der Comics für Erwachsene. In diesen Tagen werden auf der Leipziger Buchmesse wieder zahlreiche Neuerscheinungen präsentiert, in denen das Reisen im Mittelpunkt steht. TRAVELBOOK über den Trend zur gezeichneten Reisereportage und die Faszination am Bilderroman aus der Fremde.

Der Reisende will permanent festhalten, was er in der Fremde sieht und erlebt. Also macht er Fotos, vielleicht ein paar Notizen. Und wenn er wieder zu Hause ist, hat er etwas, an das er seine Erinnerungen heften kann. Wenn die Fotos außergewöhnlich gut sind, wird vielleicht sogar ein Bildband daraus, für den sich ein Verlag interessiert. Sind die Notizen von literarischer Qualität, dann ein Reiseroman oder eine Reportage.

Doch daneben gibt es Reisende, die machen ihre Bilder nicht mit der Kamera, sondern mit dem Stift oder Pinsel: Zeichner, Grafiker, Illustratoren, Kunststudenten. Sie skizzieren Szenerien, porträtieren Menschen, malen Landschaften. Und was tun sie nach der Reise mit all den Bildern? Entweder packen sie die in die Schublade wie andere ihre Fotoalben. Oder: Sie machen ein Graphic Novel daraus, eine Art Comic für Erwachsene.

Der Kanadier Guy Delisle, der als Trickfilmzeichner und nicht zuletzt als Ehemann einer Ärztin ohne Grenzen ganz schön rumkommt in der Welt, war einer der ersten, der in Graphic Novels aus fremden Ländern berichtete. Und das auf so wunderbare Art und Weise, dass nach seinem Erstlingswerk, in dem er seinen Alltag in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen schildert, die Nachfrage nach weiteren grafischen Kulturstudien aus Delisles Feder groß war. Inzwischen gibt es sie aus Pjöngjang, Myanmar und Jerusalem.

Durch Nepal, Indien und Bangladesch

Auf dem deutschen Markt der Graphic Novels stieg im letzten Jahr merklich das Reisefieber: Im Frühjahr erschien im hanseatischen Carlsen-Verlag „Was kostet ein Yak?” des Hamburger Illustrators Philip Cassirer, in dem er seine Reise nach NepalIndien und Bangladesch beschreibt (siehe auch oben in der Bildergalerie) und im August kam Olivier Kuglers „Mit dem Elefantendoktor in Laos” in heraus – eine Reportage über Menschen, Elefanten und den laotischen Dschungel.

Sie möchten auch nach Indien? Dann klicken Sie hier für mehr Informationen.

In diesen Tagen nun werden auf der Leipziger Buchmesse weitere Neuerscheinungen im Genre der gezeichneten Reisebücher präsentiert. „Making Friends in Bangalore” von Sebastian Lörscher (Edition Büchergilde) zum Beispiel. Und „Der salzige Fluss” von Jan Bauer, der hier auf knapp 300 Seiten zeigt, wie er in Australien den Larapinta Trail wanderte – 500 Kilometer quer durch die Wüste im Outback (siehe auch Bildergalerie oben und hier den Trailer).

Sie waren auch schon mal auf dem Larapinta Trail? Dann teilen Sie hier Ihre Erfahrungen und Fotos!

Inzwischen bilden die Reise-Comics fast schon ein eigenes, selbstredend sehr spannendes Genre und machen der klassischen Reiseliteratur – also den Bildbänden, Reiseromanen und Reportagebüchern – zunehmend Konkurrenz. Dass sie überdies einen Beitrag zur Völkerverständigung liefern können, hat das Goethe-Institut erkannt: Im Rahmen des „Comic Transfer”-Programms werden junge Zeichner hinaus in die Welt geschickt – auf dass sie von dort in Comics und Sprechblasen berichten.

Doch neben den reinen Reiseberichten oder Notizen aus fremden Ländern gibt es zahlreiche Graphic Novels, in denen es zwar nicht vordergründig um Reisen geht, sich die Protagonisten aber im Laufe der Handlung durch fremde Länder und unbekannte Kulturen bewegen. En passant werden Stimmungen eingefangen, Landschaften beschrieben, Eigenarten erklärt.

So führt etwa die Handlung in „Das Erbe” von Rutu Modan (Carlsen), nach Warschau, die von „Die Ignoranten” von Étienne Davodeau (Egmont) in die Weinberge Frankreichs (siehe auch Bildergalerie oben). Und während der Leser der Geschichte folgt, wird er mitgenommen an Orte dieser Welt, die er garantiert so noch nie gesehen hat.

Auf der Buchmesse in Leipzig (noch bis 16. März 2014) gibt es zahlreiche Veranstaltungen zu Graphic Novels, unter anderem auch die Buchpräsentation von Jan Bauers „Der salzige Fluss”. Eine Übersicht über das Programm gibt es hier.


Was sind eigentlich Graphic Novels?

Ganz einfach gesagt: Graphic Novels sind Comics für Erwachsene. Vom Umfang, Ausmaß und in der Aufmachung sowie Struktur haben sie aber mehr mit klassischen Büchern gemein als mit den Heftcomics aus unseren Kindertagen.

Der Begriff Graphic Novel kommt von Will Eisner, der in den Siebzigerjahren sein Comic „A Contract with God” auf dem Cover mit dem Zusatz versah, dass es sich dabei um eine „Graphic Novel” handelt. Eisner wollte sein Comic als Literatur verstanden wissen und klar machen, dass er tatsächlich für Erwachsene ist.

Daraufhin hat sich ein eigenes Segment entwickelt, das formal dem Comic zuzuordnen ist und sich inhaltlich aber so stark differenziert wie die Belletristik: Da gibt es etwa Biografien, Krimis, Romane, Fantasy-Geschichten und eben auch: Reiseberichte.

Sie möchten mehr über Graphic Novels erfahren? Auf dieser Internetseite gibt es einen Überblick, zahlreiche Tipps und den Flyer „Was sind Graphic Novels?” zum Download.