Neue Survival-Serie

Mann über Bord – wie überlebt man auf dem offenen Meer?

Was tun, wenn man über Bord eines Kreuzfahrtschiffes geht und plötzlich im offenen Meer treibt? Deutschlands bekanntester Survival-Experte, Rüdiger Nehberg, verrät im Interview mit TRAVELBOOK seine besten Überlebenstipps: wie man Panik und Einsamkeit überlistet, Land errät, und warum man keine rote Kleidung tragen sollte.

FriederikeKoenig.jpg Von Friederike Koenig

Wer schon mal an Bord eines Kreuzfahrtschiffs war, kennt das: Um einen herum ist nichts als das Meer, weit und breit ist kein Land in Sicht. Spätestens bei der vorgeschriebenen Seenot-Rettungsübung überkommt den ein oder anderen dann ein mulmiges Gefühl: Was tun, wenn wirklich jemand über Bord geht, oder das Schiff sinkt und man für Stunden im Meer ausharren muss?

Trotz hoher Sicherheitsstandards auf den großen, bekannten Schiffen kann genau das vorkommen – wenn auch äußerst selten. Laut „cruisejunkie.com“ sind in den vergangenen zehn Jahren 193 Menschen über Bord gegangen, also 19 Menschen pro Jahr. Zudem besteht die Gefahr, dass ein Schiff havariert. Es ist also nie verkehrt zu wissen, was man im Notfall zu tun hätte.

Survival-Experte Rüdiger Nehberg weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, tage- und wochenlang einsam auf dem Meer unterwegs zu sein: Hier sieht man ihn auf seiner Fahrt von Mauretanien nach Brasilien. Sein Gefährt: ein selbstgebauter Baumstamm mit nur einem Segel und ohne Motor.

Foto: Rüdiger Neeberg

Auf TRAVELBOOK verrät Deutschlands bekanntester Survival-Experte, Rüdiger Nehberg, wie man im offenen Meer überlebt. Seine neun Tipps:

1. Der erste Moment: Wie soll ich mich verhalten, um Panik zu vermeiden?

Rüdiger Nehberg: „Schwimmen Sie von der Unglücksstelle weg, um dem Sog des untergehenden Schiffes zu entkommen. Wenn das Wasser kalt ist, nicht unnötig bewegen. Und keinesfalls die Garderobe ablegen – unter ihr bildet sich ein leichter Wärmemantel. Halten Sie Ausschau nach Wrackteilen als Auftriebskörper. Und verweilen Sie bei der Unglücksstelle, weil Suchtrupps einen dort am ehesten finden.“

2. Wenn im Wasser keine Gegenstände treiben, an denen ich mich festhalten kann: Wie kann ich mich stunden- bzw. tagelang über Wasser halten?

Nehberg: „Den Hemdkragen an den Hals pressen und Luft unter der Achsel hindurchpusten. Sie bildet eine Luftblase auf dem Rücken und trägt einen wie ein Rettungsring. Von Zeit zu Zeit nachblasen. Stehend im Wasser treiben und auf Rettung hoffen.“

Der menschliche Körper kühle im Wasser um ein Vielfaches schneller aus als an der Luft, so der Survival-Experte. Daher solle man sich ruhig verhalten, das sei besser als hektisches Schwimmen, weil sich unter der Garderobe kleine wärmende Luftpolster bildeten.

Nehberg weiter: „Tagelanges Schwimmen funktioniert nur in warmen Wassern und mithilfe von Treibgut, an das man sich klammern kann. Aber dort besteht auch die Gefahr der Hai-Attacken. Haien kann man allenfalls begegnen, wenn man sie sieht und anschaut und keine Angst erkennen lässt. Besonders gefährlich wird es, wenn man blutet. Auch rote Garderobe wirkt auf Haie attraktiv.“

3. Was tun gegen Müdigkeit und Kälte? Wie kann ich mich warm- und wachhalten?

„Gegen die Müdigkeit hilft sehr lange die Todesangst und der Überlebenswille, der jedem Lebewesen angeboren ist“,  erklärt Nehberg. „Auch Gedanken an geliebte Angehörige machen Mut, geben Kraft und Hoffnung.“

4. Wo kriege ich im Meer Trinkwasser her?

Nehberg: „Nirgends – außer man sitzt in einem Rettungsboot, es regnet und Sie können den Regen auffangen. Man kann seinen Mund aber mit Meereswasser feucht halten: gurgeln und ausspucken. Solange es vermeidbar ist, sollte man Meereswasser nicht trinken. Sonst kollabieren die Nieren. Man kann den Durst aber stark reduzieren, indem man in den Tropen jegliches Schwitzen vermeidet. Das gelingt, wenn man die Garderobe mit Meereswasser feucht hält. Das Meereswasser ersetzt den Schweiß und nicht erforderlicher Schweiß reduziert den Durst.“

5. Soll ich versuchen, an Land zu schwimmen? Und wie kann man überhaupt herausfinden, wo es Land gibt?

Nehberg: „Wenn Land in Sicht ist, würde ich das immer versuchen. Die Flut könnte einem helfen – die Ebbe einem einen Strich durch die Rechnung machen. Land zu erraten, wenn es nicht sichtbar ist, gelingt allenfalls, wenn man typische Landvögel erblickt, die sich nicht weit aufs Meer wagen.“

6. Wie kann ich auf mich aufmerksam machen?

Nehberg: „Der Ertrinkende ist von Schiffsführern weit schlechter auszumachen, als man denkt. Man braucht Signale. Und wenn es nur ein helles Hemd ist, mit dem man winkt. Es ist erschreckend, wie selten Schwimmende entdeckt werden, weil die Schiffe mit automatischer Steuerung und sehr schnell fahren.“

7. Wie schütze ich mich vor Sonne, Regen, hohen Wellen und Sturm?

Vor Sonne schütze man sich am besten, in dem man, wenn möglich, niemals mit nacktem Oberkörper schwimme, immer die Garderobe anbehalte und den Kopf bedecke, so Nehberg.

„Hohe Wellen sind auf dem Ozean kein Problem, sie rauschen unter einem hindurch, heben den Schwimmer und setzen ihn im Tal wieder ab“, erklärt der Abenteurer. „Nur vor den Küsten überschlagen sie sich. Dann verleiht einem die Landnähe vielleicht Hoffnung und Kraft.“

Regen sei nur für den Schiffbrüchigen im Boot relevant, so Nehberg. „Mit ausgelegter Garderobe kann er das Wasser auffangen und in den Mund auswringen. Für den Schwimmer ist er kaum interessant. Das ihn umgebende Wasser reduziert den Durst fast gänzlich.“  Entmutigend sei jedoch, dass ein Schwimmer im Regen kaum noch zu entdecken sei.

8. Was tun bei einem Hai-Angriff bzw. wenn Haie in der Nähe sind?

Nehberg: „Die größten Chancen hat der nicht blutende Schwimmer. Blutende wirken auf Haie besonders attraktiv. Hilfreich ist nur, wenn man sie sieht und keine Angst erkennen lässt. Von Natur aus sind Haie vorsichtig. Schwimmen Sie auf sie zu, schreien Sie sie an, und zeigen Sie keinen Fluchtreflex – Flucht ermutigt sie, zuzupacken.“

9. Stichwort Angst und Einsamkeit: Wie kann ich mich (gedanklich) ablenken?

Nehberg: „Die Einsamkeit kann schnell in Hoffnungslosigkeit umschlagen und zur Aufgabe verführen. Hilfreich sind Gedanken an liebe Menschen, die man wiedersehen möchte. Auch Singen und das Schmieden von Zukunftsplänen verlängern das Durchhalten. Wer das Glück hat und im Boot sitzt, muss wissen, dass das Boot nur scheinbar auf der Stelle steht. Tatsächlich treibt es ständig mit den unsichtbaren Meeresströmungen. Es gibt Schiffbrüchige, die mehr als einen Monat allein auf See überlebt haben. Wichtig ist es, Signale vorzubereiten für vorbeifahrende Schiffe. Und sei es nur das flatternde Hemd.“

Weitere Tipps für Notsituationen in Einsamkeit und Zivilisation finden Sie in Rüdiger Nehbergs Büchern „Überleben ums Verrecken“, „Medizin Survival“ und „Survival Lexikon“.

In dem Buch „Überleben ums Verrecken“ (Piper-Verlag, 2005) erklärt Rüdiger Nehberg, wie man Feuer macht, Nahrung sucht, und sich bei Schlangenbissen verhält

Foto: Rüdiger Nehberg/ Piper Verlag

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