Zu wenig Mitarbeiter, drohende Streiks

Ist die Deutsche Bahn bereit für den Winter?

Für Passagiere werde der Winter „schlimmer als jeder Lokführerstreik”, sagt der Vorsitzende der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, dem „Focus“. Dabei sieht sich die Bahn selbst besser gewappnet für die kalte Jahreszeit als in den Jahren zuvor. Ein Check!

Vereiste Schienen, Verspätungen, Zugausfälle: In den vergangenen Jahren haben Bahn-Kunden so einiges durchgemacht. Diesen Winter sieht sich der Konzern nach eigenen Angaben besser gegen Eis und Schnee gerüstet. Die Gewerkschaft der Lokführer (GdL) steht solchen Ankündigungen skeptisch gegenüber: „Für Passagiere wird es schlimmer als jeder Lokführerstreik”, sagte GDL-Chef Claus Weselsky im Magazin „Focus“.

Fehlende Züge

Die Bahn muss auch in diesem Winter mit weniger Zügen auskommen als geplant.
Schon im Oktober hatte das Unternehmen angekündigt, dass ab Mitte Dezember auf einzelnen Strecken Intercity-Züge statt ICEs fahren. Für Fahrten nach Paris leiht sich das Unternehmen zudem einen TGV (franz. Hochgeschwindigkeitszug). Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg im Oktober: „Die Fahrzeugsituation ist äußerst angespannt.“ Hintergrund: Die Bahn wartet wegen Lieferproblemen seit zwei Jahren auf 16 neue ICE-Züge von Siemens, auch 27 Doppelstock-IC von Bombardier fehlen noch.

Zwei der neuen Siemens-Züge stehen bereits auf dem Hof der Deutschen Bahn in Berlin – allerdings werden sie bisher nur zu Schulungszwecken genutzt. „Bisher fehlt die Zulassung für die Züge“, sagte eine Bahn-Sprecherin auf TRAVELBOOK-Anfrage. Deshalb ist fraglich, ob die Züge diesen Winter überhaupt noch eingesetzt werden können.

PERSONALMANGEL

Etwa 800 zusätzliche Lokführer fehlen der Bahn laut GdL. Diese Zahl wies eine Bahn-Sprecherin im Gespräch mit TRAVELBOOK zurück. „Allein im letzten Jahr haben wir 500 neue Lokführer eingestellt, und auch in diesem Jahr sind wir an dem Thema weiter dran.“ Zudem habe man die Zahl der Ausbildungsstellen stark erhöht. „Wir steuern massiv gegen einen Personalmangel“, so die Bahn-Sprecherin.

Drohen Streiks der Lokführer?

Verspätungen zu Jahresbeginn könnten auch drohen, weil es neue Streiks im Tarifstreit geben könnte. Das schloss die Gewerkschaft jedenfalls im „Focus“ nicht aus.

So rüstet sich die Bahn gegen Eis und Schnee

Bundesweit stehen 28.000 Mitarbeiter von Bahn und Fremdfirmen bereit, um die Gleise, die 5.400 Stationen, die rund 60.000 Weichen und 14.000 Bahnübergänge vom Schnee zu befreien – laut Bahn mehrere tausend Einsatzkräfte mehr als vergangenes Jahr. Auch die Heizungen an 48.800 Weichen wurden überprüft, die Zahl der Weichenabdeckungen (schützen vor dicken Eisbrocken) um 1.500 auf 7.500 erhöht. „Unser Ziel ist es, allen Reisenden, auch an Tagen mit extremer Witterung, einen stabilen Bahnbetrieb zu bieten“, sagte Dr. Volker Kefer, Vorstand Infrastruktur und Dienstleistungen der Deutschen Bahn AG.

In Frankfurt besprühen Bahnmitarbeiter in einer deutschlandweit bislang einmaligen Testanlage ICE-Züge mit einer Glykol-Wasser-Mischung – einer Art Prophylaxe, die dafür sorgen soll, dass Schnee und Eis nicht haften bleiben. Die Bahn erwartet so 80 Prozent weniger Eis und Schnee am Zug. Vorerst werden 16 ICEs besprüht, die auf Strecken nach Paris und in die Benelux-Länder fahren. Kosten: rund 800.000 Euro. Im Frühjahr soll Bilanz gezogen werden – um dann zu entscheiden, ob noch mehr solche Anlagen aufgestellt werden.

Und das Problem mit defekten Heizungen in Waggons? Die IC-Flotte (770 Wagen) war bis Ende November zur Hälfte generalüberholt, bei der ICE-Flotte (253 Wagen) waren es mehr als 100.

Hier erhalten Reisende Auskunft

Auf www.bahn.de/aktuell können sich Bahnreisende über Verkehrsbeeinträchtigungen informieren. Auskunft gibt es auch unter der Servicenummer der Bahn: 0180 6 99 66 33 (20 ct/Anruf aus dem Festnetz, Tarif bei Mobilfunk max. 60 ct/Anruf)

Ihre Rechte als Bahn-Reisender

Wie viel Zugverspätung muss ich als Kunde akzeptieren?
Ab einer Stunde gibt es 25 Prozent vom Ticketpreis (einfache Fahrt) zurück, ab zwei Stunden 50 Prozent. Seit dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs im September 2013 gilt dies sogar, wenn die Verspätung auf höherer Gewalt wie z. B. Unwetter oder heftigem Schneefall beruht.


Was kann ich tun, wenn der Zug ganz ausfällt?

Kunden können wählen zwischen vollständiger Erstattung des Fahrpreises und Beförderung mit einem späteren Zug. Soweit erforderlich, muss die Bahn auch Mahlzeiten und Erfrischungen anbieten sowie für Hotelunterbringung inkl. Transfer sorgen.


Kann ich mir auf Kosten der Bahn Mietwagen oder Taxi nehmen?
Bei Zugausfällen oder extremen Verspätungen ist grundsätzlich auch eine Ersatzbeförderung mit anderen Verkehrsmitteln denkbar. Fragen Sie vorher nach, damit Sie nicht auf den Kosten sitzen bleiben. Einige Bahnunternehmen stellen in besonderen Fällen Taxigutscheine aus, sodass Reisende selbst nicht in Vorleistung treten müssen.

Quelle: www.soep-online.de (Schlichtungsstelle für den öffentlichen  Personenverkehr e.V.)