Mit dem Zug durch Europa

7 Gründe, warum Interrail in den 90ern viel schöner war

Interrail, das war international, das war Freiheit, das war Abenteuer. Als Backpacker im Zug quer durch Europa zu reisen, ist zwar auch heute noch möglich, aber lange nicht mehr so schön wie früher. TRAVELBOOK über sieben Dinge, die 90er-Jahre-Interrailer heute schmerzlich vermissen würden.

Nuno Alves Von Nuno Alves

Man, war das entschleunigt Anfang der 90er. Schulzeugnisse wurden nicht mit dem Smartphone abfotografiert, via WhatsApp an die Eltern verschickt (obwohl das sicher auch seine Vorteile hat) oder in der Hoffnung auf familiäre Likes auf Facebook gepostet, sondern noch persönlich zu Hause abgeliefert.

Nach einem Real-Life-Chat („schön, dass du versetzt wurdest, aber...“) ging man dann dazu über, endlich einen Teil der sechswöchigen Ferien zu verplanen. Entweder hatten es die Eltern versäumt, rechtzeitig ein Reisebüro aufzusuchen oder es war eben eines dieser „Nicht-Verreise-Jahre“. Billigflieger, Flugvergleichsportale, Online-Schnäppchen-Tickets, Deutsche Bahn im Internet – das alles gab’s noch nicht.

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Zum Glück hatte man mit den Kumpels schon vorher ausgemacht: Wir machen dieses Jahr Interrail. Zone E und F: Erst nach Amsterdam, dann über Paris nach Biarritz, über die französisch-spanische Grenze nach Tarragona, dann via Salamanca Richtung Lissabon und Lagos an der Algarve. Das war der grobe Plan, am Ende war’s dann sowieso eine ganze andere Route. Und aus der Gruppe von sechs bis zwölf Freunden schaffte es meist nur die Hälfte ans Ziel, das ohnehin ständig geändert wurde. Man tuckerte in den Zügen von A nach B, übte sich in Französisch, Englisch oder Spanisch, fühlte sich wie ein 90er-Jahre-Beatnik – und war frei, sozusagen Herr über seinen Reiseplan. Und das war damals schon eine Menge!

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Auch heute, 20 Jahre später, reisen Jugendliche und junge Erwachsene mit dem Interrail-Ticket durch Europa. Aber ist es dasselbe? TRAVELBOOK hat fünf Dinge zusammengestellt, die 90er-Jahre-Interrailer heute vermissen würden.

1. Die vielen Währungen im Geldbeutel

Anfang der 90er gab es sie noch: D-Mark, Francs, Peseten, Escudos, Gulden, Lire. Man rechnete und verrechnete sich, zählte die Tage in Frankreich oder Spanien, kalkulierte Tages-Budgets, um dann am Ende trotzdem einen Freund um etwas Geld anzuhauen. Typisch: Irgendwann wich die perfekte Ordnung von Tag 1 im Geldbeutel einem Scheine- und Münzen-Chaos. Dann passierte es schon mal, dass man sein französisches „Pain au chocolat“ mit Peseten bezahlen wollte. Wer die Geldbeträge in verschiedenen Währungen nicht vorausplanen konnte oder wollte, der setzte auf...

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Während einer Interrail-Reise vermischten sich im Geldbeutel die unterschiedlichsten europäischen Währungen

Foto: Corbis

2. ... Travellerschecks

Die waren quasi der Euro vor dem Euro. Zu Hause holte man sich einfach ein paar dieser Reiseschecks bei der Bank und tauschte unterwegs einfach je nach Bedarf. Durch die Einführung des Euro waren die Travellerschecks sozusagen hinfällig, zumindest in einigen der beliebtesten Interrail-Länder.

Im Europa spielen Reiseschecks heute kaum noch eine Rolle. Heute wird mit Euro bezahlt

Foto: dpa picture alliance

3. Die Altersgrenze

Früher waren alle über 26 alte Säcke. Warum? Weil sie nicht mehr „interrailen“ durften. Mittlerweile ist die Altersgrenze weg und damit auch das besondere Feeling im Zug. Saßen einst noch gleichgesinnte Gleichaltrige in Abteilen und tauschten sich über Schule, Uni und die Zukunft aus, trifft man heute auch Nostalgie-Interrailer, die a) das in der Jugend versäumte nachholen wollen, oder b) die hoffen, ein einmaliges Erlebnis aus jungen Jahren zu wiederholen.

4. Die Zonen-Einteilung

Nach links oder rechts auf der Landkarte? Und dann ging’s an die Zonen-Planung: Welche Länder will man besuchen, welche nicht? Heute gibt es nur noch den Global Pass für alle Interrail-Länder Europas (entsprechend ist der Preis!) oder den One Country Pass für ein Land. Nur zwei Optionen: entweder zu viel oder zu wenig. Das Charmante an den Zonen: Man entschied sich für ein oder zwei Länder-Pakete, die ins Budget passten, und nahm den Rest sozusagen en passant mit. Und so passierte es häufig, dass man die Zone F buchte und außerhalb Europas landete, genauer gesagt in...

5 ... Marokko

Das nordafrikanische Land war Teil des Interrail-Verbunds. Und was gibt es Abenteuerlicheres, als in den Schul- oder Semesterferien mit dem Zug bis nach Marrakesch zu reisen. Heute ist das, zumindest mit einem Interrail-Ticket, nicht mehr möglich, genauer gesagt, seit 2007.

Einst kam man mit dem Interrail-Ticket bis nach Marokko und konnte zum Beispiel Marrakesch besuchen

Foto: dpa picture alliance

6. Die niedrigen Preise

Um die 500 D-Mark (rund 250 Euro) kostete Anfang der 90er ein Vier-Wochen-Ticket für zwei Zonen. Heute muss ein Interrailer für einen ein Monat gültigen Global Pass 442 Euro hinblättern und hat dann unter Umständen Dutzende Länder gebucht, die er gar nicht besuchen will. Ja, und nicht nur das Ticket selbst ist so viel teurer als in den 90ern, auch die Preise. Vor dem Euro war alles gefühlt nur halb so teuer: der ohnehin schon billige Rotwein für die Zugfahrt, die Herbergen, die Campingplätze, der Aufschlag und die Gebühren bei reservierungspflichtigen Zügen...

7. Die Unerreichbarkeit

Saß man erst einmal im Zug, war’s das mit der Erreichbarkeit. Es gab keine Handys oder Internet-Cafés, keine GPS-Ortung, kein Skype oder Facebook. Das Festnetztelefon und die Postkarte waren die einzigen Kommunikationsmittel, um Eltern, Verwandten, Freunden und der Jugendliebe einen Gruß oder ein Lebenszeichen zu übermitteln. Kein Druck, sich mindestens viermal täglich mit Smileys oder sonstigem Stumpfsinn zu behelligen. Wer heute im Flugzeug den meditativen Moment der Unerreichbarkeit genießt, träumt von diesen Tagen und Wochen auf Schienen und Bahnhöfen, wo das exklusive Gefühl des Hier und Jetzt nicht durch eine Push-Botschaft auf dem Smartphone unterbrochen werden konnte.

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