Experte erklärt im Interview:

Flugverspätung oder -ausfall: Das steht Passagieren zu!

Der Flug hat Verspätung oder wurde sogar annuliert. Ein Szenario, das für alle Passagiere ärgerlich ist. Zwar lässt sich die Situation meist nicht ändern. Doch stehen einem Rechte zu, die man bei der Airline geltend machen sollte, um wenigstens finanziell entschädigt zu werden. Wie viel Geld einem wann zusteht, und was man besser vermeiden sollte, erklärt ein Experte im Interview.

Delayed und cancelled, verspätet und gestrichen: Es sind die zwei Wörter auf der Anzeigetafel am Airport, die kein Flugreisender neben seiner Flugnummer aufleuchten sehen will. Denn eine Verspätung oder gar ein Ausfall bedeutet immer Stress und Ärger. Sei es, dass man dadurch auch den Anschlussflieger verpasst, am geplanten Familienfest nicht teilnehmen kann oder ggf. auch noch in einer fremden Stadt am Flughafen übernachten muss.

Dass bei Fällen wie diesen Passagieren Entschädigungszahlungen zustehen, mag man vielleicht schon oft gehört haben, doch fordern sie viele nicht ein. Meist ist man schlichtweg froh, am Ziel angekommen zu sein – und lässt sich dann mitunter Hunderte Euro einfach entgehen.

Wer seine Rechte als Flugpassagier kennt, kann seine Ansprüche bei der Airline geltend machen. Entsprechende Services, Infos und Tipps bieten zum Beispiel Webseiten wie flightright.de, refund.me und euclaim.de und claimflights.de.

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Experte im Interview

In welchen Fällen Sie Geld von der Airline bekommen können, wie viel Entschädigung Ihnen zusteht und was Sie besser vermeiden sollten, darüber hat TRAVELBOOK mit Dr. Mirko Ulbrich gesprochen von claimflights.de gesprochen:

TRAVELBOOK: Ab wann steht mir als Passagier grundsätzlich eine Entschädigung zu?
Dr. Mirko Ulbrich: „Da unterscheidet man zwischen zwei Dingen. Erstens muss der Flug in einem Gebiet und mit einer Airline stattgefunden haben, bei der mir eine Entschädigung zusteht (siehe Tabelle). Außerdem zählt die Dauer der Verspätung.“

Start / Ziel EU-Airline Nicht-EU-Airline
Flüge außerhalb der EU nein nein
Flüge in die EU ja nein
Flüge aus der EU ja ja
Flüge in der EU ja ja

Bei wie viel Verspätung gibt's Entschädigung?
„Im Allgemeinen gibt es ab drei Stunden Verspätung eine Entschädigungszahlung – in welcher Höhe regelt die Fluggastrechteverordnung. So beträgt laut Verordnung Nr. 261/2004 bei Strecken unter 1500 Kilometern die Summe 250 Euro, zwischen 1500 und 3500 Kilometern stehen einem 400 Euro zu, bei mehr als 3500 Kilometern 600 Euro. Allerdings gibt es die 600 Euro nur dann, wenn Ankunfts- oder Abflugflughafen nicht in der EU liegen.

Bei Flug-Annullierungen oder wenn Ihnen das Boarding aufgrund einer Überbuchung des Fliegers verweigert wurde, gelten komplexe Regeln. Beispielsweise kommt es darauf an, um wie viele Stunden ein Flug nach vorne oder hinten verlegt wurde. Außerdem kommt es bei der Kompensationszahlung darauf an, wie lange man vorher über die Annullierung informiert wurde. Falls man mehr als 14 Tage im Voraus über die Annullierung informiert wurde, kann man keine Fluggastrechtekompensation erhalten. Eventuell kann der Passagier aber vom Flug zurücktreten.“

Gibt es Sonderfälle?
„Einen Sonderfall stellt höhere Gewalt dar, bei der grundsätzlich nicht entschädigt werden muss. Dazu zählen Streiks und schwere Unwetter beispielsweise.“

Was ist, wenn mir durch Flug-Verspätung oder -Ausfall ein Schaden entsteht?
„Theoretisch muss auch der durch die Verspätung nachgewiesene Schaden von der Fluggesellschaft bezahlt werden – auch wenn er über die inzwischen festgelegten Beträge hinausgeht. Da es aber faktisch sehr schwer ist, einen Schaden nachzuweisen, wurden die pauschalen Entschädigungszahlungen im Februar 2004 unter anderem vom Europäischem Parlament verabschiedet, ein Jahr später traten sie in Kraft.“

Bekomme ich Essen und Unterkunft von der Airline bezahlt?
„Ja. Die Fluggesellschaft muss verpflegen, und es gibt allerlei Urteile zu dem, was angemessen ist. 'In angemessenem Umfang' heißt es im Gesetz, wobei sich 10 Euro bei drei Stunden etabliert hat. Dabei sollte man versuchen, Gutscheine von der Airline zu bekommen, anstatt das Essen selbst zu kaufen und den Betrag anschließend einzuklagen.

Ähnliches gilt auch für die Unterbringung im Hotel. Im besten Fall die Fluggesellschaft dazu auffordern, alles für einen zu organisieren und zu bezahlen. Nur im Notfall, oder wenn sich die Airline weigert, sollte man sich selbst darum kümmern und sich das Geld anschließend zurückholen.“

Werden Business-Class- und First-Class-Passagiere bevorzugt behandelt?
„Das ist nicht genau gesetzlich geregelt, aber erfahrungsgemäß: ja.“

Welche Entschädigung steht mir zu, wenn ich durch die erste Verspätung meinen Anschlussflug verpasse?
„Wenn die Teilflüge über eine Buchungsnummer gebucht wurden, werden alle Zwischenstopps wie ein Flug behandelt. Da gilt auch wieder die Faustregel, dass erst bei einer Verspätung von mehr als drei Stunden der Passagier entschädigt werden muss.“

Und wenn ich aufgrund der Verspätung mein Konzert verpasse, für das ich schon Tickets gekauft habe?
„Den Preis erstattet zu bekommen, ist generell möglich. Gerichtsurteile sagen aber, dass man für wichtige Termine entsprechend vorher anreisen muss. Mir ist kaum ein Urteil bekannt, bei dem eine solche Forderung durchgesetzt werden konnte, obwohl der Anspruch besteht. Wegen diesen Schwierigkeiten wurde die Fluggastrechteverordnung mit pauschalisierten Beträgen eingeführt. Theoretisch müsste aber das Konzertticket bezahlt werden, dies ist insbesondere bei völlig unvorhersehbaren Verspätungen wie fünf Tagen oder ähnliches möglich.“

So beschweren sich Passagiere richtig

Wer Ansprüche an die Airline stellen will, sollte zunächst den Grund für die Verspätung erfragen. So weist Ulbrich darauf hin, dass zum Beispiel ein medizinischer Notfall höhere Gewalt darstelle und Passagiere es in diesem Fall gar nicht erst versuchen müssten. Grundsätzlich gilt aber: Bordkarte aufheben und eventuell mit weiteren Zeugen seine Rechte einfordern.

So bieten die oben genannten Webseiten Musterschreiben an, die man nur noch mit seinen persönlichen Daten ausfüllt und an die Fluggesellschaft schickt. Bevor man sich jedoch einfach einen Forderungsbetrag ausdenkt, sollte man sich genau über die Höhe, die einem möglicherweise zustehen kann, informieren. Entsprechende Rechner bieten die darauf spezialisierten Webseiten flightright.de, refund.me und euclaim.de und claimflights.de ebenfalls an.

Sollte man nach zwei bis drei Wochen noch keine Antwort auf sein Schreiben erhalten haben, empfiehlt Ulbrich, einen Anwalt oder einen Service zu beauftragen, der sich auf Fluggastrechte spezialisiert hat.

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