Mit dem Segel-Kapitän in die Antarktis

„Was hinter dem Felsen passiert, weiß man nie“

Meterhohe Wellen, heftiger Wind, die Seekrankheit – „das ist der Eintrittspreis, den du für die Antarktis zahlen musst”, sagt der Kapitän. Doch das ist es wert, denn eine Reise in die Antarktis ist eine Reise in eine andere Welt.

Von N. Seeliger

„Was hinter diesem Felsen passiert, weiß man nie.”Acht Worte von Kapitän Klaas Gaastra, die mich Segel-Novizen der südlichen Ozeane noch einmal deutlich daran erinnern, wohin unsere Reise geht. Ins Ungewisse.

Am Vortag sind wir mit der holländischen Bark Europa im argentinischen Ushuaia ausgelaufen. Jetzt passieren wir unter Segeln die Isla Nueva, die Südspitze des amerikanischen Kontinents. Das berüchtigte Kap Horn lassen wir in etlichen Seemeilen Entfernung Steuerbord liegen. Drei Ozeane prallen hier aufeinander. Dazu Tiefdruckgebiete aneinandergereiht wie eine Perlenschnur.

Die Wellen erheben sich auf gut acht Meter

Windstärke 7 bis 8 Beaufort. Die Wellen erheben sich auf gut acht Meter. Willkommen in der Drake Passage. Crew und Gäste gehen zum Ausguck oder stehen im Wachdienst am Ruder – sofern sie nicht von der Seekrankheit außer Gefecht gesetzt wurden. Die Ablösung kommt alle 20 Minuten. Der heftige Wind und nur fünf Grad Celsius – hier kommt auch unsere Hightech-Kleidung an ihre Grenzen.

Kapitän Klaas: „Die hohen Wellen, der Wind, die Seekrankheit – das ist der Eintrittspreis, den du für die Antarktis zahlen musst. Diese fast 500 Meilen Drake Passage machen dir klar, dass du auf dem Weg in eine andere Welt bist.” Eine Welt, die ganz sicher seine ist.

Der mit dem Eis tanzt! Kapitän Klaas Gaastra fährt mit der Europa seit 2000 in die antarktischen Gewässer

Foto: Nioclàs Seeliger


Wettergegerbtes Gesicht. Vollbart. Lange Haare. Klaas wirkt wie ein überlebender Gefährte der ersten Südpolbezwinger Roald Amundsen und Robert Falcon Scott. Der Holländer gehört hierher. Wie sein Schiff: Zerbrechlich wirkt die Bark Europa (1911 in Hamburg als Feuerschiff gebaut) neben den riesigen Kreuzfahrtpötten auf den Ozeanen – trotz ihrer 56 Meter und dem bis zu 33 Meter hohen Masten – und zieht doch entspannt durch die Wellenberge.

Die Crew an Bord (17 Frauen und Männer) ist international: Holländer, Deutsche, Briten, Argentinier. Auch die 39 Gäste kommen aus der ganzen Welt.Und für die „Touristen“ gilt: Nichts muss, alles kann! Vielen genügt es, im Deckshaus zu sitzen und geschützt hinter Glas die wilde See zu bestaunen. Andere zieht es raus zum Segelsetzen, um die Drake wirklich zu spüren.

Wie riecht die Antarktis?

Ich sitze gerade auf der Großuntermars-Rah, als ich drei Tage nach der Abreise aus Ushuaia die Antarktis rieche. Es ist der Gestank von Guano, dem Kot der Pinguine, der von den vorgelagerten Inseln herüber weht.

Warten auf den Segel-Bus? Ein junger Gentoo-Pinguin (Esels-Pinguin) in der Mauser

Foto: Nioclàs Seeliger

Am nächsten Morgen stehe ich mittendrin. Die Vulkaninsel Barrientos Island ist bevölkert von tausenden Esels- und Zügelpinguinen. Der Besuch der großen Zweibeiner amüsiert die Vögel sichtlich. Neugierig kommen die ersten näher. Angst vor Menschen scheinen sie nicht zu kennen. Eine Erfahrung, die wir in der Antarktis fast täglich machen: ob mit Buckelwalen, See-Elefanten, Seeleoparden oder eben Pinguinen.

In der Antarkis herrscht Rauchverbot

Die Zeiten, als abertausende Robben und Wale abgeschlachtet wurden, sind hier seit Jahrzehnten vorbei. Heute ist der Kontinent das größte Schutzgebiet der Welt. 1961 trat der Antarktis-Vertrag in Kraft, unterzeichnet von 45 Staaten. Darin ist die ausschließlich friedliche Nutzung des Kontinents geregelt. Die Antarktis gehört keiner Nation, keinem Menschen. Nur den Tieren. Wir sind hier nur geduldet. Besucher, die nichts hinterlassen dürfen, außer Fußabdrücken im Eis, die der kalte Wind bald wieder verwehen wird.

Schon kurz nach dem Ablegen in Argentinien wurden alle Kleidungsstücke mit einem Vakuumreiniger gesäubert. Nichts soll die Natur verändern. Kein eingeschleppter Pflanzensamen. Vor und nach jedem Landgang werden unsere Stiefel mit Lauge gesäubert. Und was spätestens jetzt niemanden mehr verwundert: In der Antarktis herrscht Rauchverbot.

Immer weniger Felsen. Mehr Eisberge

Weiter und weiter geht es in die geheimnisvolle weiße Welt. Immer weniger Felsen. Mehr Eisberge. Auf den Seekarten findet sich immer öfter der Begriff „unsurveyed“ („unvermessen“). Für Kapitän Klaas ist das kein Problem: „Im Jahr 2000 segelte ich das erste Mal in die Antarktis. Hier hast du drei Jahreszeiten an einem Tag. Das Wetter ändert sich so schnell und damit die Bedingungen im Eis. Dieser Kontinent ist etwas besonderes, schwer zu erreichen. Dazu die Atmosphäre. Unser Schiff sieht aus wie die der Entdecker vor über 100 Jahren. Allerdings mit eindeutig mehr Komfort innen.“

65°16'19 Süd! Der südlichste Punkt meiner Reise – unter eisigen Segeln in die Antarktis.
Das Weiß der umliegenden Gipfel spiegelt sich im windstillen Wasser. Die Schatten unserer Masten fallen auf müde vorbei treibende Eisberge. Das Meer an ihrem unteren Rand schimmert traumhaft türkis. Die Wassertemperatur beträgt hier 1,6 Grad minus.

Buckelwale recken neugierig ihre Köpfe. Begleiten das Schiff eine halbe Stunde lang. Tauchen immer wieder unter dem Rumpf der Bark Europa durch. Ihre hellen Brustflossen leuchten im kristallklaren Wasser. An Bord herrscht absolute Stille, nur gelegentlich unterbrochen vom Klicken der Kameraauslöser.

„Ein anderer Planet und doch auf unserer Erde”

Die Wahrnehmung ist total. Nichts lenkt ab. In der Antarktis funktionieren keine Handys.
Nur etwa vier Monate im Jahr (von Ende November bis Mitte März) ist der Kontinent für Menschen erträglich. Kapitän Klaas: „Der Mensch gehört hier nicht her. Ein anderer Planet und doch auf unserer Erde. Das ist der Reiz! Die Menschen wollen hierher, solange es in dieser Form noch existiert. Die Angst ist da, dass der menschliche Einfluss, die Klimaerwärmung, diesen Ort für immer kaputt macht.“

Nach 22 Tagen endet meine Reise an Bord der Europa. Von der antarktischen Halbinsel geht es zurück durch die Drake. Nachts segeln wir nur wenige Meilen an Kap Horn vorbei, dem größten Schiffsfriedhof der Welt. Und in mir reift ein Entschluss: Ich werde zurückkehren. Das weiße Paradies des Südens, es hat einen extrem hohen Suchtfaktor.

Mit Windkraft im Kielwasser der Polarforscher: Die Törns dauern 22 bis 24 Tage und kosten 6150 Euro pro Person in einer 4- bis 5-Personen-Kammer. Informationen und Buchung hier im Internet

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