Auf der Ilha Grande entstand die organisierte Kriminalität

Auf dieser Trauminsel begann Brasiliens Albtraum

Lebensfreude, offene Menschen, eine bunte, vielfältige Natur, Traumstrände – Brasilien bietet alles für einen Traumreise. Dennoch zögern viele bei dem Gedanken an einen Urlaub in dem südamerikanischen Land, aus Angst vor skrupellosen Verbrechern, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Was nur wenige Europäer wissen: Brasiliens organisierte Kriminalität hat ihren Ursprung auf einer paradiesischen Insel, 108 Kilometer Luftlinie von Rio de Janeiro entfernt. Ihr Name: Ilha Grande, die große Insel.

Nuno Alves Von Nuno Alves

Es gibt einige Menschen, für die käme ein Urlaub in Brasilien nie infrage, zu groß ist ihre Angst, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Dabei hat nicht zuletzt die WM gezeigt, dass dieses von Gewalt geprägte Bild verzerrt ist. Man wird nicht gleich erschossen, wenn man im Dörfchen am Strand abends essen geht oder sich zum Sonnenuntergang in den Sand setzt.

Tatsache ist aber auch, dass sich in Großstädten wie São Paulo, Rio de Janeiro, Salvador, Porto Alegre oder Belo Horizonte eine Kultur der Angst entwickelt. Viele Brasilianer trauen sich abends nicht auf die Straße, aus Furcht vor einem Überfall. Rund 50.000 Morde verzeichnet das Land im Jahr – eine Horrorzahl. Der Großteil der Kapitalverbrechen gehen aufs Konto der Drogenbanden im Krieg um die Umschlagplätze fürs Rauschgift. Die Folge: Nach Einbruch der Dunkelheit leeren sich die Gehwege, auf den Straßen fahren Autos mit abgedunkelten Scheiben, gepanzerte Limousinen. Um so verdächtiger ist jeder, der sich bei Nacht allein zu Fuß fortbewegt. Das wird nur Lebensmüden oder Gangstern zugetraut.

Ilha Grande, das brasilianische Alcatraz

Brasiliens Albtraum begann mit dem Aufkommen der großen Verbrecherorganisationen Ende der 70er-Jahre. Die erste und eine der größten: das Comando Vermelho (Rotes Kommando), kurz CV genannt, das seit Jahrzehnten die Armenviertel von Rio de Janeiro beherrscht. Gegründet wurde die Organisation nicht etwa in irgendeiner Favela der Stadt, sondern auf einer Insel: Ilha Grande. Hier, im Atlantik, 108 Kilometer Luftlinien von Rio de Janeiro und 21 Kilometer vom Festland entfernt, lag Jahrzehnte lang das brasilianische Alcatraz. 1903 wurde dort offiziell ein Straflager gegründet – später ein Gefängnis –, das ab den 1960er-Jahren sowohl Mitglieder militanter linksextremistischer Gruppen als auch gewöhnliche Kriminelle beherbergte. Möglich wurde dies 1967 durch ein Gesetz während der Militärdiktatur (1964 – 1985), das keinen Unterschied mehr machte, ob ein Überfall oder eine Entführung politisch motiviert war oder lediglich kaum organisierte Verbrecherbanden am Werke waren. Alle Gesetzesbrecher wurden nach demselben „Gesetz der nationalen Sicherheit“ verurteilt.

Im „Teufelskessel“ entstand der Comando Vermelho

Fortan saßen auf der Ilha Grande gewöhnliche Kriminelle und linksextreme Militante auf engstem Raum zusammen. Die bislang gar nicht oder nur kaum organisierten Straßenbanditen bekamen mit, wie die Mitglieder der bewaffneten linken Gruppierungen Banküberfälle und Entführungen im Rahmen ihrer Strategie der Stadtguerilla im Laufe der Jahre perfektioniert hatten. Die Kriminellen bedienten sich bei den Militanten in puncto Struktur, Effektivität und Erfahrung.

So entstand im sogenannten „Teufelskessel“, wie das Gefängnis auch genannt wurde, das Comando Vermelho. Doch die Benennung der Organisation als Rotes Kommando hat, obwohl es das vermuten lässt, keinerlei politischen Hintergrund. Ziel des CV war es stets, die Macht im Gefängnis zu ihren Gunst zu beeinflussen. Mit Revolten – mit Gewalt. Forderungen nach Hafterleichterungen gingen meist mit Massakern an Mitgefangenen einher.

Die Zellen des Gefängnisses:

Die ersten Bosse der kriminellen Vereinigung saßen alle auf der Ilha Grande, hier wurden die Mordaufträge in und außerhalb des Gefängnisses erteilt, hier wurden Banküberfälle, Drogengeschäfte organisiert, und von hier aus breitete sich das CV aufgrund von Insassen-Verlegungen auf weitere Gefängnisse im Land aus, in die Favelas. Die organisierte Kriminalität setzte sich wie ein Virus in der brasilianischen Gesellschaft fest. Daran änderte auch die Zerstörung des Gefängnisses 1994 nichts.

Viele ehemals linksextreme Militante wiesen später die Behauptung, sie hätten bei der Geburt des CV aktiv mitgeholfen, stets zurück. Das deckt sich auch mit Aussagen der Verbrecherbosse, die angaben, man habe im Gefängnis zwar oftmals gemeinsam gegen die schlimmen Haftbedingungen gekämpft, aber ansonsten keinerlei Berührungspunkte gehabt.

Nach dem Gefängnis-Abriss kamen die Touristen

Auf den Abriss der Strafanstalt folgte die Erschließung der Insel für Touristen. Wer heute mit dem Boot von Angra dos Reis auf dem Festland auf die Ilha Grande kommt, spürt in dem Dörfchen Vila do Abraão – Hauptort der Insel – zunächst nichts von der Vergangenheit. Ein paar Cafés und Restaurants, einige Pousadas (Pensionen) und, je nach Saison, mal mehr, mal weniger Brasilianer, die hier ein paar freie Tage verbringen.

Die am besten bewerteten Unterkünfte auf Ilha Grande

In der Nebensaison (von April bis November) bekommt man hier das fast perfekte Eiland: Abgeschiedenheit, nette (und gesprächige) Pousada-Betreiber, tropische Säfte, tropische Tiere, perfekte Strände. Die Tage gleiten hier davon. Nach zwei oder drei Nächten vergisst man, wie lang man schon auf der Insel ist. Mit einem Wort: paradiesisch!

Der Strand Lopes Mendes:

Insel ohne Bank und Bankautomat

Einen Geldautomaten oder eine Bank gibt es hier nicht. „Wir hatten das mal“, erzählt ein Einwohner. „Dann gab es einen Überfall und wir haben ihn wieder abgebaut.“ So funktioniert das Leben heute auf der Ilha Grande. Probleme gehören in die Vergangenheit, mindestens aber aufs Festland.

Spricht man Inselbewohner auf das Gefängnis an, das den Namen Instituto Penal Cândido Mendes (IPCM) trug, so bekommt man fast immer die gleichen Sätze zu hören: Das sei ungefähr zwei Stunden zu Fuß vom Ort entfernt, in Dorf Vila de Dois Rios. Das Gefängnis sei aber abgerissen.

Mutprobe für Festland-Jugendliche: Prügel mit den Ex-Insassen

Autos sind auf der Insel verboten. So bleibt Besuchern tatsächlich nur der Fußmarsch, teils durch den Urwald. Anstrengend, aber schön. Was am Ende wartet? Ein verträumter Strand, die Ruinen des Gefängnisses und ein paar Häuser, in denen heute ein paar ehemalige Mitarbeiter der Haftanstalt wohnen. Warum sie die Insel nicht verlassen haben? „Sie haben sich an das Klima hier gewöhnt“, erklärt ein Insel-Bewohner. Auch ehemalige Insassen leben noch auf der Ilha Grande. Von der Familie auf dem Festland vergessen, suchen sie hier vor allem eins: Ruhe. Manchmal, an Silvester etwa, kommen streitsüchtige Jugendliche aus Angra dos Reis, um sich mit ihnen anzulegen und zu prügeln. Eine Art Mutprobe.

Vergangenheit als Insel der Ausgestoßenen

Schon vor der Zeit als Gefängnisinsel war die Ilha Grande trotz ihrer Schönheit ein Ort des Makels: die Tamoios, der indigene Stamm, der auf der Insel lebte, wurden bekriegt und vertrieben, Piraten kamen regelmäßig auf Raubzügen vorbei, Sklaven wurden hier wie Tiere gehalten und verkauft, Cholera- und Leprakranke hierher verbannt – und später die Schwerbrecher.

Das letzte Mal war die Ilha Grande 2010 weltweit in den Schlagzeilen: als auf der Insel bei einem Erdrutsch 29 Menschen getötet wurden.

Rund 5000 Einwohner hat die Insel, viele leben vom Fischfang, doch der Tourismus ist, vor allem in Vila do Abraão, eine der wichtigsten Einnahmequellen. Trotz allem achten die Einwohner sehr darauf, ihre Insel zu schützen. Autos sind, wie bereits erwähnt, verboten. Viele der Traumstrände sind ohnehin nur mit Bootstouren und für Tagesausflüge geeignet. Und so staunt man allerorts über die Natur, die Tiere (Riesenkröten, bunte Vögel, Affen), die tropischen Pflanzen und Früchte, die man direkt vom Baum essen kann.

Mit einem Wort: ein Insel-Traum – trotz aller Makel der Vergangenheit.

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Strände und Sehenswürdigkeiten auf der Ilha Grande

22 Strände verzeichnet die offizielle Seite der Ilha Grande auf ihrer Karte. Doch es gibt natürlich viel mehr, fast 100. Besonders schön (der Link führt zu Fotos und Bewertungen):

Um coqueiro torto no caminho #praiaaventureiro #édissoqueeutofalando #ilhagrande

Ein von Karina (@teixeika) gepostetes Foto am

Neben Stränden bietet die Ilha Grande auch weitere Sehenswürdigkeiten. Hier eine Auswahl:

  • Pico do Papagaio, mit 982 Metern die zweithöchste Erhebung der Insel. Wegen der Form auch Papageien-Gipfel genannt. Der Wanderweg bis zur Spitze gehört zu den anstrengendsten Touren der Insel.
  • Gruta do Acaiá, eine Höhle, in die Meerwasser eindringt und die bei Einfall des Sonnenlichts ein einzigartiges Farbspiel offenbart.
  • Lagoa Azul (blaue Lagune), eine Art natürliches Schwimmbecken, das perfekte Tauchbedingungen und eine reiche Fischwelt bietet.
  • Farol de Castelhanos , einer der ältesten Leuchttürme an Brasiliens Küste.
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