Die Oscar-Gewinnerin verrät ihre Reise-Geheimtipps

Was lieben Sie an Marokko, Caroline Link?

Vor mehr als 20 Jahren reiste Caroline Link zum ersten Mal nach Marokko – an der Seite von Dominik Graf, den sie damals gerade erst kennengelernt hatte. Jetzt hat sie dort den Film „Exit Marrakech” gedreht, der seit dem 24. Oktober in den Kinos läuft. Im Gespräch mit TRAVELBOOK erklärt die Oscar-Gewinnerin ihre Faszination an diesem Land – und verrät ihre Geheimtipps.

Cornelia Tomerius Von Cornelia Tomerius

TRAVELBOOK: „Es ist gar nicht mehr so toll hier. Alles verbaut“, sagt Ulrich Tukur in Ihrem neuen Film über Marrakesch. Schwingt da vielleicht auch etwas eigene Enttäuschung mit?
Caroline Link: In der Tat ist Marrakesch seit meinem ersten Besuch vor 22 Jahren regelrecht explodiert. Anfang der Neunziger hörte die Stadt mehr oder weniger an den Stadtmauern auf. Die ganze Neustadt gab es damals noch gar nicht. Wer heute nach Marrakesch fährt, um gewisse Bilder zu sehen, um eine gewisse Archaik und Fremdheit zu finden, ist vielleicht enttäuscht, wenn er in einer modernen Stadt ankommt. Womöglich wünscht er sich dann, dass alles noch so wäre wie vor zwanzig Jahren.

Ging es Ihnen ähnlich?
Ich finde nicht, dass wir als Europäer das Recht haben, darauf zu bestehen, dass die Menschen in unseren Urlaubsländern gefälligst im Status quo verharren sollen, nur damit wir schöne Fotos machen können. Vielmehr haben die Marokkaner das Recht darauf, sich weiter zu entwickeln – so wie ihre Städte ein Recht darauf haben, zu wachsen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn das mit Sinn und Verstand geschieht.

Ihre erste Reise nach Marokko muss einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben – schließlich beschlossen Sie 20 Jahre später, dort ihren nächsten Film zu drehen, und zwar noch bevor Sie wussten, was Sie überhaupt erzählen wollen.
Diese Reise im Frühjahr 1991 habe ich tatsächlich in starker Erinnerung, allein schon, weil es die erste Reise mit meinem jetzigen Mann war, Dominik Graf. Wir waren gerade frisch verliebt. Und weil wir genau zu der Zeit da waren, als der zweite Golfkrieg ausbrach. Allen westlichen Touristen wurde nahegelegt, das Land zu verlassen, aber wir sind geblieben. In den Hotels waren wir dann oft die einzigen Gäste, was ein bisschen unheimlich war – und eine sehr außergewöhnliche Situation.

Wie haben Sie sich damals durch das Land bewegt?
So, wie wir danach immer gereist sind: Wir haben uns ein Auto gemietet und sind damit durchs Land gefahren, ohne vorher etwas gebucht zu haben, ohne zu wissen, wo wir am Abend landen. Unser Mietwagen war ein kleiner Renault, eine ziemlich schrabbelige Kiste. Und in der sind wir dann in etwa dieselbe Strecke gefahren, wie jetzt Ben und sein Vater in „Exit Marrakech“, also vorwiegend durch den Süden des Landes.

Was fasziniert Sie so sehr an Marokko, dass Sie hier die Handlung Ihres Films verortet haben?
Was ich immer interessant fand, war diese Mischung aus Fremdheit und schwer zu deutender Gefahrenlage. Man denkt immer, es ist gefährlich, sich durch Marokko zu bewegen. Dabei ist es das gar nicht. Unsere Ängste haben natürlich viel damit zu tun, dass wir islamischen Kulturen immer auch mit Vorurteilen begegnen, stark vorgeprägt sind. Wenn ich in so einem Land bin, versuche ich mich dagegen zu wehren und zu gucken, was tatsächlich ist – statt nur Bestätigung dafür zu suchen, was ich vorher gelesen und gehört habe...

... es also anders zu machen, als die Figur Heinrich, gespielt von Ulrich Tukur. Der liegt lieber am Pool, statt sich wie sein Sohn dem fremden Land mit allen Sinnen auszusetzen.
Heinrich meint, schon so viel zu wissen, dass er nicht in einer Hütte Tee trinken muss, um zu ahnen, wie es in dieser Hütte zugeht. Er hat von allem eine Meinung. Das ist ja das schreckliche am Älterwerden: dass die Menschen schon so viele Meinungen haben – die Araber sind so und so, hier hat es noch nie geschmeckt etc. Da hat man im Kopf schon alles durchgespielt, statt lieber zu reagieren auf das, was ist. Wenn man hingegen offen bleibt, nicht so misstrauisch ist, dann kann man schöne Sachen erleben.

In Ihrem Film bekommt Heinrich ja noch die Kurve, und zwar durch seinen Sohn Ben. Kann man Ihren Film demnach als Plädoyer verstehen: für mehr Mut auf Reisen?
Ja, ich würde gern die Menschen ermutigen, etwas zu wagen. Denn wer immer auf der sicheren Seite bleibt, erlebt nicht wirklich was. Dem bestätigen sich nur alle Bilder, die er auch vorher im Kopf hatte. Wenn er aber einen Schritt weitergeht, sich offen und neugierig durch das fremde Land bewegt, ist das nicht nur sehr beglückend, sondern er lernt auch viel über die Kultur und über die Menschen, was er vorher vielleicht noch nicht wusste.

Nun hat nicht jeder einen Ben dabei. Wie schafft man es, mutig zu werden, neugierig zu bleiben?
Es kann in der Tat helfen, mit jemandem zu reisen, der vielleicht etwas mutiger ist als man selbst. Und was mir zum Beispiel eine gewisse Sicherheit gibt: Ich habe immer meine drei Medikamente dabei, eine kleine Notfallapotheke, unter anderem etwas gegen Durchfall. Und dann traue ich mich zum Beispiel auch, auf einem Markt zu essen und somit etwas zu machen, was ja auch schon ein bisschen gefährlich ist.

Apropos Essen: Nach Ihrem Film hat man den Eindruck, in Marokko gäbe es überall nur Hühnchen, aber nicht überall Bier. Ist es wirklich so traurig?
Nun, das mit dem Alkohol ist nun mal so in dieser islamischen Kultur. Und zu essen gibt es vorwiegend Tajinen – also Gerichte aus dem gleichnamigen runden Schmortopf – und da ist entweder Huhn oder Hammel drin, oder Gemüse, was oft am besten schmeckt. Diese Tajinen können sehr, sehr lecker sein – nämlich wenn die Zutaten zuvor wirklich Stunden lang vor sich hin schmoren konnten. Aber es ist leider so, dass für Touristen oft sehr schlecht gekocht wird.

Woran erkennt man in einem Restaurant, ob dort gut gekocht wird – oder es eher eine Touristenfalle ist?
Das ist oft nicht so leicht. Reiseführer können gute Tipps geben, aber führen auch zuweilen in die Irre. So sind wir zum Beispiel an unserem ersten Abend in ein namhaftes Restaurant gegangen, und Ulrich Tukur – der ja nicht nur ein Weltenbummler ist, sondern auch ein Gourmet – brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass das Huhn mit Aprikosen niemals in einer Tajine zubereitet wurde. Der Kellner, bei dem er sich beschwerte, war absolut beschämt, denn Ulli hatte Recht. Und in vielen Touristenrestaurants wird das Essen tatsächlich außerhalb der Tajinen in einem großen Topf zubereitet und nur in den Tongefäßen serviert. Das geht einfach schneller als die traditionelle Garmethode.

Für Ihren Film haben Sie sich – nach ihrer ersten Reise – erneut intensiv mit dem Land auseinandergesetzt. Was hat Sie am Ende am meisten beeindruckt?

Was mich an der arabischen Kultur wirklich beeindruckt, ist, wie wenig individualistisch die Leute denken. Sie halten zusammen, fühlen sich verantwortlich füreinander. Sie fragen nicht, was ist gut für mich, sondern was ist gut für uns? In unserer kapitalistischen Welt denkt doch jeder sehr stark nur an sein eigenes fortkommen. Dieses starke Gemeinschaftsgefühl hat mich wirklich sehr fasziniert.

Der Film „Exit Marrakech“ läuft seit 24. Oktober in den Kinos. Buch und Regie: Caroline Link. Besetzung: Ulrich Tukur, Samuel Schneider, Hafsia Herzi, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler, Clara-Marie Pazzini, Götz Schulte, Abdesslam Bouhasni und Mourad Zaoui.

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Marokko-Tipps von Caroline Link

Les Jardins de La Koutoubia: „Auf dem Dach des Hotels in Marrakesch, in dem wir übrigens auch die Szenen mit Heinrich und Ben am Pool gedreht haben, gibt es ein sehr gutes Restaurant. Überhaupt kann man im Jardins de La Koutoubia sehr gut essen.“

Al Fassia: „In Marokko schmeckt es ohnehin dort am besten, wo Hausfrauen kochen. In dem Restaurant Al Fassia in Marrakesch ist das garantiert. Hier arbeiten ausschließlich Frauen – und das Restaurant gehört zu den besten der Stadt.“

Djemaa el Fna: „Sehr gut gegessen haben wir auch immer an den Buden auf dem zentralen Platz in Marrakesch – wie überhaupt überall dort, wo Einheimische essen. Etwa auch an den kleinen Ständen am Straßenrand, wo das Fleisch in den Tajinen wirklich stundenlang vor sich hinschmort.“

Beldi Country Club:
„Ein alter Palast mit großem Rosengarten und Olivenbäumen, etwa 15 Minuten außerhalb von Marrakesch in Richtung Atlasgebirge. Eine wunderschöne Anlage, wenngleich nicht gerade billig. In den Beldi Country Club fahren viele Marrakescher allein schon deswegen, um in dem schönen, alten Pool zu baden.“

Caroline Link über Verhaltensregeln

BEI AUFDRINGLICHEN HÄNDLERN: „Es ist elementar, dass man den Menschen mit Respekt begegnet, auch wenn man vielleicht über den aufdringlichen Händler genervt ist. Wer nichts kaufen will, sollte freundlich, aber entschieden auftreten. Am besten äußert man sich lobend über die Ware, so ein Teppich zum Beispiel ist ja tatsächlich sehr viel Arbeit – und sagt dann, dass man aber gerade keinen Teppich braucht. Oder idealerweise, dass man es sich überlegt, und morgen wieder kommt.”

BEIM FEILSCHEN AUF DEM BASAR:
„Wichtig ist zu wissen, dass Handeln für die Marokkaner so etwas wie ein Spiel ist und nicht immer gleich der Versuch eines Betruges darstellt. Man muss Lust haben auf dieses Spiel, es auch etwas mit Humor sehen und darf nicht feindselig oder genervt sein, sonst sollte man es lieber lassen. Beim Verhandeln kann man davon ausgehen, dass  die Hälfte dessen, was der Händler verlangt, ein realer Preis für die Ware ist.”

Caroline Link über Wüsten und Oasen

DIE WEITE DER WÜSTE: „In der Wüste sind wir auf die höchsten Dünen gekraxelt und genossen von oben einen unglaublichen Blick über das endlose Sandmeer. Zu unseren Füßen tat sich die größte Sandwüste der Welt auf – was für ein Naturerlebnis! Das kann auch der zunehmende Tourismus nicht kaputt machen. Auch wenn es natürlich reichlich absurd ist, wenn die Touristen hier jetzt oft mit Jeeps und Quads durch die Dünen brettern – durch eine Landschaft, die man doch eher mit Meditation und Stille verbindet.“

OASEN IN DER STADT: „Das Faszinierende an den arabischen Häusern ist ja, dass sie sich von Außen nicht brüsten, irgendwas zu sein. Dass sie ihren Reichtum verstecken statt nach Außen zu zeigen. Wer davor steht, sieht meistens nur eine Wand und ein Tor. Doch wer das passiert, steht plötzlich in einer Oase – mit plätschernden Brunnen, mit Orangenbäumen, mit Rosenblüten, den verschiedensten Düften. Diese Höfe sind ein Reiz für alle Sinne, absolut bezaubernd.”

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