Der neue Film von Oscar-Gewinnerin Caroline Link

Marrakesch berauscht das deutsche Kino

Nach dem internationalen Erfolg von „Nirgendwo in Afrika“ präsentiert Oscar-Preisträgerin Caroline Link in ihrem neusten Kinofilm „Exit Marrakech“ ein Familiendrama vor der Kulisse des Orients – und entführt die Zuschauer in ein Marokko jenseits der Klischees und voller Faszination

Cornelia Tomerius Von Cornelia Tomerius

Ben ist genervt. Draußen vor dem Autofenster zieht Marrakesch vorbei, mit all seinen Düften und Reizen, Stimmen und Klängen – und er bekommt noch nicht mal das Fenster auf. Da kann er den Knopf drücken so oft er will. Den einzigen Effekt, den er damit erzielt ist, dass der Chauffeur mit den Augen rollt.

Schließlich reicht es Ben. Er fordert den Fahrer auf, anzuhalten, springt aus dem Auto und stürzt sich ins orientalische Gewühl. Hatte nicht Dr. Breuer, der Internatsleiter gesagt, Ben solle was erleben in seinen Ferien, wenn er sie schon unfreiwillig mit seinem Vater in Marokko verbringen muss, statt mit seinen Freunden in Nizza? Na also.

Und so reißt er also aus und lässt sich treiben durch die fremde Metropole, vorbei an hupenden Autos und Slalom fahrenden Mopeds, um schließlich genau dort zu landen, wo ohnehin jeder Marrakesch-Reisende hin muss: auf dem Djemaa el Fna, dem zentralen Marktplatz – so groß wie sechs Fußballfelder und so mystisch und magisch wie alle Märchen aus 1001 Nacht zusammen. Hier gibt es sie noch, die Gaukler und Quacksalber, die Wahrsager und Magier, Schlangenbeschwörer und Geschichtenerzähler. Hier liegen tausend Gerüche in der Luft, vereinen sich die Rhythmen von Tamburinen und Trommeln zum Herzschlag der Stadt.

„Hast Du einen Tag in Marokko, dann verbringe ihn in Marrakesch“, sagt ein Sprichwort. „Hast Du nur eine Stunde, verbringe sie auf dem Djamaa al-Fna.“ Nur logisch also, dass die Regisseurin Caroline Link in „Exit Marrakech“ auch ihren jungen Helden – übrigens fabelhaft gespielt von Samuel Schneider – über den berühmten Platz schickt. Und das tut sie denn auch so früh wie möglich. Als wollte sie das touristische Marrakesch ganz schnell hinter sich lassen – um ihren Protagonisten dann endlich in dem „wahren“ Marokko abtauchen zu lassen, in einem Marrakesch jenseits von Klischees und Orient-Kitsch.

Und so sieht man Ben bald auf einem Moped durch die Stadt brausen, geradewegs hinein in das Abenteuer seines Lebens. Er durchstreift dunkle Gassen, schummerige Kaschemmen und ärmliche Kammern. Er verschenkt seine Jacke an Straßenjungs und sein Herz an eine junge Prostituierte. Schließlich haut er ab aus der Ödnis des Luxushotels, in dem sein Vater (Ulrich Tukur) am Pool abhängt, und folgt seiner Geliebten in das Berberdorf im Atlasgebirge, wo deren Familie lebt – und wo mit der Ankunft des Deutschen unweigerlich Kulturen aufeinander prallen.

Caroline Link, die ihre Dramen gern in fremde Welten verortet – wie in Kenia in „Nirgendwo in Afrika“ oder in der Welt der Gehörlosen in „Jenseits der Stille“ – nimmt in ihrem neuesten Film den Zuschauer nun also mit nach Marokko, in das Land, das sie vor zwanzig Jahren mit ihrem Mann, dem Filmregisseur Dominik Graf, zum ersten Mal bereiste und das sie „sehr intensiv in Erinnerung“ hatte.

Zu einer intensiven Erfahrung wird Marokko nun auch für die Kinosbesucher. Denn Caroline Link präsentiert ihnen sehr authentische Bilder, zeigt vielmehr die Realität, statt die Romantik. Mit dem Effekt, dass dieses Marokko der Caroline Link für den Zuschauer fast spannender ist, als die Vater-Sohn-Geschichte.

„Die Fantasie ist besser als die Realität“, hat der Vater am Anfang des Films gesagt. „Die Realität ist besser als die Fantasie“, schreibt der Sohn später an den Vater, als seine Reise schon lange zu einem filmreifen Abenteuer geworden ist. Doch da ist der Zuschauer durch die erfundene Geschichte, die Caroline Link in „Exit Marrakech“ erzählt, der Realität Marokkos schon ein gutes Stück näher gekommen.

Am 24. Oktober kommt „Exit Marrakech“ in die Kinos. Buch und Regie: Caroline Link. Besetzung: Ulrich Tukur, Samuel Schneider, Hafsia Herzi, Marie-Lou Sellem, Josef Bierbichler, Clara-Marie Pazzini, Götz Schulte, Abdesslam Bouhasni und Mourad Zaoui.

SAMUEL SCHNEIDER ÜBER DIE DREHARBEITEN

ÜBER DIE HITZE: „Zum Glück konnten wir uns allmählich akklimatisieren. Im Atlasgebirge trug ich anfangs noch meine Winterjacke. Später waren es dann bis zu 50 Grad, das war schon anstrengend. Aber wir haben es wie die Marokkaner gemacht: Morgens zwei Liter Wasser trinken, danach nur noch Minztee. So ist der Körper auf die Hitze vorbereitet.“

ÜBER VERSTECKTE KAMERAS: „Wir haben sogar mit versteckter Kamera in den Mellas gedreht, den Rotlichtvierteln von Marrakesch. Das war sicher nicht ganz ungefährlich. Ich laufe da original durch, mit Kopfhörer im Ohr. Da ist nichts gestellt. Oder auch am Djeema el Fna, wenn ich von Fremden angesprochen werde – das ist alles echt. Es war eine richtige Reise, so wie auch der Film für Ben eine Reise ist.“

Samuel Schneider spielt in „Exit Marrakech“ den 17-Jährigen Ben, Sohn von Heinrich (Ulrich Tukur).

ULRICH TUKUR ÜBER DEN DREHORT

ÜBER MAROKKO: „Ich habe schon mehrmals in Marokko gearbeitet. Es ist ein unbeschreiblich schönes Land, das über eine atemberaubende landschaftliche Vielfalt verfügt.“

ÜBER MARRAKESCH FRÜHER: „Ende der achtziger Jahre hielt ich mich für einige Wochen in Marrakesch auf. Es gab noch keine mobilen Telefone, Satellitenschüsseln und kein Internet. Es war eine andere Stadt.“

ÜBER MARRAKESCH HEUTE: „Sie (die Stadt) ist natürlich immer noch bunt und wunderschön, aber die Globalisierung hat auch nach ihr gegriffen und mit dem Geld und dem Massentourismus ist das Archaische, Unheimliche und Einzigartige der maghrebinischen Welt verschwunden.“

Ulrich Tukur spielt in „Exit Marrakech“ Heinrich, den Vater von Ben.


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