Teil 3 unserer Serie: So holen Sie sich Brasilien nach Hause

Von wegen nur Samba! Die bunte Musiklandschaft Brasiliens

Man muss die WM nicht im Gastgeberland erleben, um sie richtig zu genießen. Am besten holt man sich Brasilien einfach ins Haus: über die Drinks und Gerichte, die Mode und die Musik. In Teil 3 der TRAVELBOOK-Serie nehmen wir die Musik unter die Lupe und verraten unsere 11 Lieblingssongs aus Brasilien.

Wer an brasilianische Musik denkt, hat – statt Tönen im Ohr – zuweilen spezielle Bilder vor Augen. Bestenfalls sind es die leicht bekleideten Damen beim Karneval, die zu Sambarhythmen ihre Hüften schwingen. Schlimmstenfalls ist es Ailton im Dschungelcamp, der einen bis dato in Deutschland unbekannten Song ausstößt und dabei merkwürdige Bewegungen mit seinem Unterleib macht – worauf „Ai se eu te pego!“ von Michel Teló denn auch hierzulande plötzlich ein Hit wurde.

Serie: So holen Sie sich Brasilien nach Hause

Foto: getty

Auch wenn Ailton damit der deutschen Musiklandschaft vielleicht einen eher fragwürdigen Dienst erwiesen hat, so kann man dem Erfolg des Songs doch zumindest eines zugute halten: Er zeigte mal eine Seite der brasilianischen Musik jenseits von Bossa Nova und Samba – und zwar eine, die in Brasilien sehr viel mehr Menschen anspricht als die Rhythmen, die es sonst aus Südamerika in die Welt hinaus schaffen.

In dem Song von Michel Teló klingen zwei große Musikrichtungen durch. Zum einen der Forró, der aus dem Nordosten des Landes kommt und starke Ähnlichkeiten mit Polka sowie Sinti- und Roma-Musik aufweist. Getanzt wird dazu paarweise – und kein Reisender kommt in Brasilien sehr weit, ohne einmal auf diese Rhythmen getroffen, wenn nicht gar dabei zum Tanz aufgefordert worden zu sein.

Die Country-Musik Brasiliens

Ebenfalls von sehr vielen Menschen gehört wird Sertanejo (oder Música Sertaneja), eine Art Countrymusik, in der Regel vorgetragen von zwei Männern an zehnseitigen Gitarren. Die Duos wurden lange als Duplas Caipiras – zu Deutsch etwa: Duett der Landeier – verspottet, entwickelten sich aber zuweilen zu großen Stars in Land, vergleichbar mit unseren Schlagersternchen. Benannt wurde der Musikstil übrigens nach seiner Herkunft, dem ländlichen, trockenen Landesinneren Brasiliens: dem Sertão.

Menschen mit distinguiertem Musikgeschmack wenden sich hingegen lieber der Küste zu: nach Recife und Salvador da Bahia, nach Rio und São Paulo. Denn hier hat das afrikanische Erbe verschiedene, spannende Musikstile hervorgebracht, initiiert und beeinflusst. Die musikalischen Hotspots des Landes in der Übersicht:

Rio de Janeiro und São Paulo

Rio ist Samba: Um 1920 entwickelte sich hier die moderne Form des Samba und war, bevor die Musik in die bürgerlichen Kreise einzog, ein wichtiges Sprachrohr der unteren Schichten Rios. 1928 wurde in Rio de Janeiro die erste Sambaschule gegründet, in den 30ern eroberte der Samba von hier aus den Rest Brasiliens. Heute gibt es etwa 50 Sambaschulen in Rio. Und auch verschiedene Typen des Samba: neben dem eher lauten und schnellen Samba Enredo der Karnevalsumzüge etwa, den Samba Pagode, der im kleinen Kreis gespielt wird, sowie den balladenhaften Samba Canção, und das klingt dann so wie bei Lied 10 in der rechten Spalte.

In den späten 1950er-Jahren erlebte Rio eine weitere musikalische Revolution: Bossa Nova. Stilbildend: João Gilberto mit seinem leisen Gesang und seiner Art, die Gitarre zu spielen (siehe Video). Das „Girl from Ipanema” („Garota de Ipanema”) von Vinícius de Moraes und Tom Jobim machte den Bossa Nova schließlich weltberühmt.

An Bossa Nova schloss sich um 1968 die Tropicália an, auch Tropicalismo. Neben Rio war hier São Paulo ein wichtiges Zentrum. Der Tropicalismo basiert auf dem „Anthropophagischen Manifest“ des Dichters Oswald de Andrade, der 1928 einen „künstlerischen Kannibalismus“ forderte: Sämtliche Einflüsse aus dem In- und Ausland sollten aufgesogen und miteinander vereinigt werden. Die Hymne des Tropicalismo wurde das Lied „Alegria, alegria“ von Caetano Veloso. Als das Militärregime begann, unliebsame Musiker zu verfolgen und Caetano Veloso und Gilberto Gil ins Gefängnis mussten, endete die Hochphase des Tropicalismo.

Salvador da Bahia

Kaum eine Stadt, die eine höhere Dichte an Musikern hat als Salvador da Bahia. Und vielzählig sind auch die Musikstile, die man mit der Region im Nordosten, Bahia, verbindet. Das kommt nicht von ungefähr, denn hier ist das afrikanische Erbe am ausgeprägtesten – rund 75 Prozent der Bevölkerung definieren sich selbst als Schwarze oder als Mulatten. Die Capoeira-Musik kommt von hier, ebenso wie Axé, das seit den 1990ern auch im Rest des Landes erfolgreich ist. Und wer nicht alles aus Salvador kommt! Bossa-Nova-Legende João Gilberto, Astrud Gilberto, Gilberto Gil, Carlinhos Brown, um nur einige zu nennen.

Touristen in Salvador da Bahia werden nicht um Olodum herumkommen – Kulturverein (für die Belange der schwarzen Bevölkerung Salvadors) und eine der bekanntesten Gruppen des Samba-Reggae, einer weiteren musikalischen Stilrichtung aus Bahia. Das Kulturzentrum von Olodum liegt direkt im historischen Zentrum der Altstadt, im Pelourinho. Weltberühmt wurde die Gruppe durch Michael Jackson, der 1995 mit den Trommlern seine Single „They Don't Care About Us“ aufnahm und im Video werbewirksam Olodum-T-Shirts auf dem Leib trägt (siehe auch rechte Spalte, Nummer 11).

Recife

Maracatú wird schon seit dem 17. Jahrhundert gespielt, und zwar mit Basstrommeln, Snaredrums, dem Schüttelinstrument Chocalho, einer Glocke und manchmal auch Flöten. Es ist die klassische Begleitmusik für den Karnevalsumzug in dieser Region. Ebenso einflussreich hier: der Rhythmus des Baião, der unter anderem dem Forró zugrunde liegt, von dem oben schon die Rede war und welcher in den 1940er-Jahren auch überregional bekannt wurde. Seit den 1980ern entwickelte sich hier in Recife der Mangue Beat, bei dem Baião- und Maracatú-Rhythmen mit Rap, Funk anderen modernen Stilen verbunden werden.

Aktuell der erfolgreichste Musiker aus Recife: Lenine. Was der macht, ist eher der MPB zuzuordnen, der Música Popular Brasileira, also der Pop-Musik Brasiliens. Und diese hat neben Lenine natürlich diverse Stars hervorgebracht. Einer der interessantesten ist Seu Jorge, den man hierzulande vielleicht eher als Schauspieler kennt („City of God”, „Tiefseetaucher”, etc.), in Brasilien aber derzeit der wohl erfolgreichste Sänger ist (siehe auch rechte Spalte, Nummer 1).

Da ein Überblick über die Musik Brasiliens zwangsweise lückenhaft bleiben muss, belassen wir es bei diesem groben Überblick und verraten in der rechten Spalte die 11 Lieblingssongs der Redaktion: zum Reinhören und Entdeckungen machen – und für alle, die noch eine passende Pausenmusik für die Halbzeit brauchen.

Lesen Sie auch die anderen Teile unserer Serie:

Teil 1: So kochen Sie brasilianisch!

Teil 2: Wie die Brasilianer ihren Caipirinha wirklich trinken

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Die 11 Lieblingssongs der Redaktion

1. Ein Song für alle, die die Sonne lieben, also: für alle!

2. Ein Bossa-Nova-Klassiker. Und das wohl schönste Duett überhaupt.

3. Einer der ganz großen Soulstimmen Brasiliens – einfach nur „beleza”, wunderschön.

4. Die schönste Band der Stadt nennt sich diese Formation. Und wie dieses Video endet, ist am Anfang nicht zu ahnen.

5. „Es gibt keine Liebe in São Paulo“, heißt dieser Song – und ist entsprechend traurig, aber sehr schön.

6. Moderner Samba aus São Paulo – nicht nur schön anzuhören.

7. Eine der ungewöhnlichsten Musikerinnen Brasiliens singt hier über London – im typischen Bossa-Nova-Stil.

8. Hier schrumpft die Sängerin auf Däumlingsgröße, aber ihre Musik bleibt: einfach groß!

9. Darf es ein bisschen jazzig werden? Und das Wasser der Kokosnuss gibt es dazu.

10. Ein kleiner, feiner Samba, vorgetragen von der berühmten Marisa Monte, die von Paulinho da Viola begleitet wird.

11. Als hätte es Michael Jackson geahnt, schrieb er vor fast zwanzig Jahren diesen Song, der heute auch gut als WM-Hymne funktionieren würde.

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