In der Arktis

Was sich hinter diesen Mauern verbirgt, kann die Welt retten

Tief im ewigen Eis der Arktis liegt der „Svalbard Global Seed Vault“, ein unterirdischer Tresor. In seinem Inneren ruhen Schätze, die unbezahlbar sind: Samen von Nahrungspflanzen aus aller Welt. Bei einer globalen Katastrophe könnten sie dafür sorgen, dass die Menschheit überlebt.

Eine kantige Konstruktion ragt aus der schneebedeckten Landschaft von Spitzbergen, jener rauhen norwegischen Inselgruppe im Arktischen Ozean, nur rund 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt. Touristen haben hier keinen Zugang, doch sie staunen, wenn sie ihn auf dem Weg zum Flughafen oder bei einer Sightseeing-Tour von außen betrachten: den vielleicht wichtigsten Bunker der Welt. 

Da öffentlich finanzierte Gebäude in Norwegen immer auch Kunst Platz geben sollen, ziert eine Lichtinstallation den Eingang

Foto: dpa Picture-Alliance

Lebenswichtige Pflanzen aus aller Welt

Tatsächlich darf fast kein Mensch den riesigen Bunker betreten, der 120 Meter tief in einem früheren Kohlebergwerk im eiskalten Sandstein verborgen liegt. Selbst die wenigen befugten Wissenschafter öffnen ihn nur selten. Denn in den riesigen unterirdischen Hallen wird nur für den Fall der Fälle das vielleicht wichtigste Gut der Menschheit sicher verwahrt: Saaten von Nahrungspflanzen, die unser Überleben bedeuten.

Der „Svalbard Global Seed Vault“, zu deutsch „Weltweiter Saatgut-Tresor auf Spitzbergen“ ist eine Art Lebensversicherung der Welt, gefüllt mit Backup-Sicherungskopien unserer Nahrungspflanzen in all ihrer Vielfalt. Es sind Pflanzensamen von allen möglichen Getreide-, Gemüse- und Obstsorten, Nüssen und anderen Nutzpflanzen, und zwar aus aller Welt: Aserbaidschan, Deutschland, Sri Lanka und sogar Nordkorea.

Die Pflanzensamen werden auf Spitzbergen nur als Sicherungskopien gelagert, zusätzlich zu den Beständen in den einzelnen jeweiligen Herkunftsländern. Bisher haben 1.400 Saatgut-Banken Samen im Tresor auf Spitzbergen hinterlegt. Dieses Saatgut bleibt, ähnlich wie bei einem Bank-Schließfach, Eigentum der jeweiligen Länder, die es dort lagern.

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Im arktischen Meer herrscht ständiger Frost – selbst wenn die Kühlsysteme ausfallen, bleibt die Temperatur in den Lagerhallen unter Null, sodass die Pflanzensamen nicht auftauen

Foto: dpa Picture-Alliance

„Arche Noah“ mit 2,25 Milliarden Samen

„An diesem Ort spielt Politik keine Rolle“, sagt ein Sprecher in einem Video-Beitrag aus dem Inneren des Bunkers. In dem Projekt des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt geht es allein um die langfristige Lagerung von Saatgut. Ziel ist eine möglichst vollständige Bewahrung der 21 wichtigsten Nutzpflanzenarten wie Weizen, Reis, Mais, Kartoffeln, Äpfel, Maniok oder Kokosnuss sowie ihrer Sortenvielfalt.

Im Falle von Katastrophen bleiben diese Pflanzensorten hier erhalten und können erneut angebaut und nachgezüchtet werden. Bis zu 4,5 Millionen Samenproben mit jeweils 500 Samen finden hier Platz, also insgesamt 2,25 Milliarden Samen, tiefgefroren und wasserdicht eingeschweißt verpackt. In Medienberichten wird der Tresor daher auch als „Arche Noah“  bejubelt.

bei minus 18 Grad Jahrtausende haltbar

Der Ort für den unterirdischen Gebäudekomplex am Platåberget, auf deutsch Plateauberg, nahe der Stadt Longyearbyen, wurde mit Bedacht gewählt. Hier gibt es keine tektonischen Bewegungen, also keine Erdbeben. Außerdem herrscht in dieser Klimazone ständige Eiseskälte.

Dieser so genannte Permafrostboden würde das wertvolle Saatgut selbst dann kalt genug zum Aufbewahren erhalten, wenn bei einer Katastrophe die Kühlsysteme ausfallen sollten. Diese sorgen in den unterirdischen Lagerhallen normalerweise für eine Temperatur von minus 18 Grad. Bei einem Totalausfall wären es durch den Permafrostboden immer noch minus drei Grad.

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Bei solchen Temperaturen hält sich Saatgut laut Expertenschätzungen Jahrzehnte oder sogar Jahrtausende. Während Sonnenblumensamen beispielsweise etwa 55 Jahre haltbar sind, sind es bei Erbsensamen mehr als 10.000 Jahre. Die gealterten Samen werden laufend ersetzt. Die jährlichen Betriebskosten belaufen sich laut einem Bericht der „Die Zeit“ auf rund 250.000 Euro.

Nur wenige Wissenschaftler dürfen den Tresor betreten, der normalerweise von Schweden aus über Fernbetrieb gesteuert wird

Foto: dpa Picture-Alliance

Gesichert gegen Katastrophen

Die drei 27 Meter langen Lagerhallen sind mit dicken Doppel-Stahltüren und armiertem Beton versehen, um notfalls auch Flugzeugabstürze oder einen Atomkrieg zu überstehen. Die Lage von 130 Metern über dem aktuellen Meeresspiegel wurde gewählt, damit der Tresor auch dann nicht überschwemmt wird, wenn durch den Klimawandel die Polarkappen schmelzen.

Kritiker sehen dennoch Risiken durch Erderwärmung: So taute der Permafrostboden am Eingang laut einem Bericht von „Spiegel Online“ bereits kurz nach der Fertigstellung im Sommer 2008 auf, wodurch die Statik gefährdet war. Der Stahlmantel, der sich verformte, musste nachgebessert werden. Dennoch dürften die Samen hier besser gelagert sein als sonstwo auf der Erde.

Erstes Saatgut bereits verwendet

Durch den Krieg in Syrien ist bereits erstmals eingelagertes Saatgut dem Tresor wieder entnommen worden: Als die Saatgutbank des „International Center for Agricultural Research in the Dry Areas“ ihren Sitz von Aleppo nach Beirut verlegen musste, kam es zu Problemen. Durch die Saaten, die zur Sicherheit zusätzlich in Spitzbergen aufbewahrt worden waren, konnten Verluste aufgefangen und verhindert werden.

(mgr)

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