Okunoshima

Das giftige Geheimnis der Kaninchen-Insel

So wie wir zu Ostern überall Häschen sehen, geht es den wenigen Bewohnern Okunoshima täglich. Hunderte Kaninchen unterschiedlicher Rassen leben hier und machen das japanische Fleckchen Erde zu einem beliebten Reiseziel. Doch das Gehoppel, das heute das Auge erfreut, hat in Wahrheit einen ernsten Hintergrund. TRAVELBOOK erzählt die Geschichte der ungewöhnlichen Insel.

Auf der etwa zwei Kilometer langen japanischen Insel Okunoshima braucht man nicht lange zu warten, bis einem ein kleines Pelztier ins Blickfeld hoppelt. Hunderte Kaninchen leben hier und locken als Touristenattraktion pro Jahr etwa 100.000 Besucher an. Doch die Streichelzoo-Atmosphäre, die deren zahlreichen Youtube-Videos vermitteln, herrschte nicht immer.


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Das giftige Geheimnis von Ōkunoshima

Auch wenn man es mit aller Macht zu verhindern versuchte – ursprünglich ist Okunoshima aus einem weniger idyllischen Grund in die Geschichte eingegangen: als Ort, an dem Kriegswaffen produziert wurden. Es war 1926, als die Japaner entschieden hatten, auf der etwa vier Kilometer vom Festland entfernten Insel Giftgas zu erzeugen.

Touristen füttern die pelzigen Bewohner Okunoshimas

Foto: Getty Images

Richtig ist, dass das Kaiserreich nur wenige Monate zuvor das Genfer Protokoll unterzeichnet und entsprechend erklärt hatte, keine Bio- und Chemiewaffen zu verwenden – von deren Herstellung und Lagerung ist darin jedoch keine Rede. Dennoch musste das toxische Projekt im Geheimen stattfinden. Um es vor der Öffentlichkeit zu vertuschen, baute man auf der 70 Hektar großen Insel zunächst eine scheinbare Mega-Fischindustrie auf, mit Kühl- und Wasserentsalzungsanlagen, einer Eisfabrik und einem Kraftwerk. „Aus hygienischen Gründen“ wurde 1930 die beheimatete Fauna – Nagetiere, Füchse und Katzen – systematisch ausgerottet.

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Aus der Geschichte gelöscht!

Im Jahr 1938 wurde die Insel zu militärischem Sperrgebiet erklärt und aus den Annalen getilgt – Okunoshima verschwand aus offiziellen Landkarten, Atlanten und Registern, fand auch im Geschichtsunterricht ab sofort keine Erwähnung mehr. Züge durften entlang der Küste nur mit verhangenen Fenstern fahren, Schifffahrts- und Fährenrouten wurden geändert. Wenn es jemandem trotz der Vorsichtsmaßnahmen gelang, einen Blick auf Okunoshima zu erhaschen, konnte er höchstens ein Fabrikgelände erkennen, das offiziell im Zusammenhang mit der Fischkonservenproduktion stand.

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Der Boden, auf dem heute Kaninchen hoppeln, war früher eine Produktionsstätte von Giftgas

Foto: Getty Images

Im selben Jahr wurden Kühlanlagen und Kraftwerk gesprengt, die Anbauten blieben erhalten und tarnten die heimliche Produktion von Blausäure, Senfgas und Phosgen. Die Männer und Frauen, die für das gefährliche Geheimprojekt auf die Insel geschart wurden, waren keine ausgebildeten Kräfte, sondern hatten im Bestfall gute Noten im Naturwissenschaften bekommen. Sehr viele von ihnen starben bei der Arbeit, unzählige erlitten schwere Verletzungen, unter denen sie ihr gesamtes Leben lang leiden würden. Sie konnten natürlich nicht hinreichend medizinisch behandelt werden: „Richtige“ Ärzte lebten auf dem Festland und sollten, wie der Rest der Öffentlichkeit, bloß nicht von der Giftgasproduktion Wind bekommen. 1945 endlich beendeten die Japaner ihr giftiges Projekt.

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Wie die Hasen ursprünglich nach Okunoshima kamen, bleibt wohl für immer ein Rätsel

Foto: Getty Images
Wie kamen die Kaninchen hier her?

Was genau die Hasen nach Okunoshima verschlagen hat, ist nicht ganz klar. Einer Legende zufolge sind Gifte an den sprichwörtlichen „Versuchskaninchen“ getestet worden – aufgrund der Seuchengefahr hätten sich Ratten dazu weniger geeignet. Andere Quellen besagen, man hätte die Hasen erst nach Beseitigung der Giftgasfabriken hier ausgesetzt, um zu testen, ob die Luft wieder „rein“ ist. Anderswo wird erzählt, dass Schüler im Rahmen einer Klassenfahrt im Jahr 1971 acht Hasen auf der Insel ausgesetzt haben, die sich in den Folgejahren zahlreich vermehrt haben sollen.

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Ideale Lebensumstände für Kaninchen

Keine Seuchen, keine Giftschlangen, keine Raubtiere oder natürlichen Feinde – Hunde und Katzen sind seit einer Weile auf der Insel verboten: Der bewegten Geschichte Okunoshimas zum Trotz bot sie ihren neuen Bewohnern bald optimale Lebensumstände. Inzwischen sollen 500 Exemplare hier leben, die immerhin den wirtschaftlichen Aufschwung der Insel erhoppelt haben, es zieht immer mehr Touristen hier her. Und die dürfen nicht nur gucken, sondern auch anfassen: Die Hasen sind durch ihre Geschichte ungewöhnlich handzahm, lassen sich knuddeln und füttern – speziell in den kalten Wintermonaten, wenn ihre natürlichen Nahrungsquellen rar sind. Möhren oder Häschenfutter gibt es in den Gastronomien und Hotels Okunoshimas zu kaufen.

Und apropos Hotels: Wer die vielen Hasen selbst einmal aus der Nähe sehen möchte, hat verschiedene Unterkünfte zur Auswahl, beispielsweise das Kyukamura Okunoshima Hotel, ausßerdem gibt es Campingplätze. Städte, von denen aus Fähren nach Okunoshima ablegen, sind Tadanoumi und Omishima. Auch für ein Entertainmentprogramm ist gesorgt, unter anderem mit einem Golfplatz und dem Giftgasmuseum. Dass hiervon viele Touristen Gebrauch machen, ist allerdings zu bezweifeln: Die hoppelnde Kulisse ist wahrscheinlich die beste Unterhaltung.

Das Gift ist Geschichte: Heute können Besucher die Kaninchen auf Okunoshima bedenkenlos füttern und knuddeln. Und das tun sie...

Foto: Getty Images

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