Drake-Passage

Durch die gefährlichste Wasserstraße der Welt

Jörg Enssle kämpfte auf einem Segeltörn mit Sechs-Meter-Wellen, durchquerte den stürmischsten Wasserweg der Welt: die Drake-Passage. 815 gefürchtete Kilometer von Feuerland bis in die Antarktis. Der Kampf hat sich gelohnt. Nirgends sonst kommt man Walen und Pinguinen so nah.

Von Sira Huwiler

Der Himmel ist grau. Wellen klatschen gegen das 19 Meter lange Segelboot. Seit fünf Tagen weit und breit kein anderes Schiff, kein anderes Lebenszeichen. Jörg Enssle (55) steht mit wasserdichter Ski-Jacke und tief ins bärtige Gesicht gezogener Wollmütze an Deck. Er hat Wachdienst, hält Ausschau nach umherschwimmenden Eisschollen: „Die sogenannten Growler sind zu klein fürs Radar. Sie sind unsere größte Gefahr“, hatte der Chef-Skipper der Antarktis-Expedition Wolf Kloos bei der Einführung gewarnt. „Wenn uns so einer böse erwischt und kein Boot in der Nähe ist, haben wir ernsthafte Schwierigkeiten.“

Eigentlich ist Jörg Enssle Orgelbauer aus Sipplingen am Bodensee. Doch im Februar hat der Hobby-Skipper drei Wochen lang das Abenteuer seines Lebens gewagt: Die Durchquerung der Drake-Passage, der gefürchtetsten Wasserstraße der Welt!

Startpunkt ist am 24. Januar die chilenische Insel Navarino. Zwölf Personen sind an Bord der kleinen Ketch, getauft auf den Namen „St. Maria Australis“. Darunter zwei professionelle Skipper. Spitze Berge und geisterhafte Schiffswracks säumen die ersten Seemeilen entlang der zerklüfteten Feuerland-Inseln Richtung Kap Hoorn.

Jörg Enssle (Mitte, in gelb) und seine Crew-Kollegen auf einem Beiboot. Er hält dicke Seile in der Hand, mit denen man das Segelschiff im Sturm fest bindet.

Foto: Enssle

Diese südlichste Spitze des südamerikanischen Kontinents ist einer der größten Schiffsfriedhöfe der Welt. Über 800 Schiffe sollen hier gesunken oder auf Grund gelaufen sein. Zehntausende Menschen sind zwischen den rauen Wellen hier am Ende der Welt gestorben. „Da wird einem gleich zu Beginn der Reise bewusst, dass dieses Abenteuer nicht ganz ungefährlich ist,“ sagt Jörg Enssle. Wrackteile ragen in den Horizont – wie die rostigen Überreste eines abgenagten Hühnerknochens, die zur Vorsicht mahnen.

Es sind 440 Seemeilen, rund 815 Kilometer von Kap Hoorn bis zur Nordspitze der Antarktischen Halbinsel. „Die Antarktis kostet keinen Eintritt, der Preis ist die Drake-Passage“, ist der Lieblingsspruch vieler Expeditionsleiter in diesen Gewässern.

Für fünf Tage kein Land mehr in Sicht für die Expeditions- Teilnehmer auf der „St. Maria Australis“.

Foto: Enssle

Und das ist kein Scherz: Riesige Tiefdruckgebiete kreisen hier fast täglich von West nach Ost über die See. Wellen von zehn Metern und höher sind keine Seltenheit. „Nachts schnallt man sich in der Koje fest, damit man bei starkem Seegang nicht aus dem Bett geschleudert wird,“ erklärt Jörg Enssle. „Auf rauer See spürt man eben die Kraft der Natur, genau diese Herausforderungen reizen mich so.“

Wilde Schneestürme im Spätsommer

Antarktis-Expeditionen sind nur in den Sommermonaten der Südhalbkugel möglich. Ab November beginnt das Packeis zu schmilzen, schon im März erstarrt die Natur wieder in eisigem Glanz. An Bord der „St. Maria Australis“ ist zum Zeitpunkt von Enssles Expedition, Anfang Februar, schon fast Spätsommer. „Doch sobald das Schiff antarktische Gewässer erreicht, wird es auf einmal komplett neblig und kalt“, sagt Jörg Enssle. Das Wasser hat dann nur noch zwei Grad, immer mehr Eisschollen säumen den Weg.

Rund um die antarktische Halbinsel sieht man immer wieder kleine Hütten, die meist Forschungs-Stationen sind.

Foto: Enssle

Das 40 Tonnen schwere Segelschiff tänzelt ununterbrochen. Sechs Meter hohe Wellen peitschen durch den Schneesturm. Vom Rettungsboot bis zum kleinsten Gegenstand ist für die Durchquerung der Passage alles mit dicken Seilen festgeschnallt. Lose Gegenstände würde die Gischt bei orkanartigen Windstärken zwischen zehn und elf einfach wegspülen.

Nachts halten ein 60 Kilo-Anker und eine  tonnenschwere Kette das Boot sicher in einer Bucht. „Man stabilisiert das Schiff mit starken Seilen an allen Seiten“, erklärt Jörg Enssle. „Kein Seil darf reißen, sonst droht das Schiff an die scharfen Felsen getrieben zu werden.“
Zwei der zwölf Menschen an Bord, ein Argentinier und ein Australier, werden seekrank, müssen sich ständig übergeben. „Die Flüssigkeitszufuhr ist dann am wichtigsten“, sagt Enssle. Wer gerade Wachdienst hat, übernimmt zusätzlich zum Ausguck die Versorgung der beiden Mitreisenden.

Die Situation ist extrem. Alle sind erschöpft. Nach sechs Tagen sind die 815 gefürchteten Kilometer endlich geschafft: Land in Sicht! „Und was für ein schönes!“, sagt Jörg Enssle.

Hohe schneebedeckte Berge säumen die antarktische Halbinsel und locken Robben- und Piguinarten, die es nur hier in den Gewässern der Südpolgerion gibt.

Foto: Enssle

Warmer Vulkansand und wilde Antarktis

Zehn Tage lang erkunden Jörg Enssle und die anderen Crew-Mitgieder die Inselwelt rund um die antarktischen Halbinsel. „Pelzrobben, Pinguine, Seeleoparden, 15 Meter große Buckelwale, die sich bis auf zwei Meter nah ans Boot heran trauen – diese Tiererlebnisse waren einmalig!“, sagt er. „Plötzlich kommt neben Dir ein riesiger Kopf aus dem Wasser und schaut dich direkt an.“

Eine große Wal-Schwanzflosse ragt aus dem antarktischen Meer. Die kühlen Temperaturen im eiskalten Wasser bieten optimale Futterbedingungen – Plankton garantiert.

Foto: Enssle

Auf der Vulkan-Insel Deception blubbert und brodelt es unter jedem Steinchen. Rauch- Wölkchen säumen den Strand. „Der schwarze Sandboden war ganz warm“, sagt Enssle. „Das erstaunt einen doch ziemlich in der Antarktis.“ Es gibt sogar heiße Quellen, in denen man baden kann.

Die Gruppe wandert über Felsen und Gletscher zu einer Pinguin-Kollonie. „Das waren tausende Tiere“, sagt er begeistert. „Und die Pinguine waren ganz neugierig, kamen richtig nah an uns heran.“ Stundenlang hätte er die Vögel beobachten können: Zügel-, Esel-, Magellanpinguine, sogar einen Kaiserpinguin sieht Jörg Enssle. „Man kann beobachten, wie sie sich begrüßen oder streiten. Das waren unbeschreiblich tolle Momente, die jede Drake-Passagen-Durchquerung rechtfertigen!

Ganz nah kam Jörg Enssle an die neugierigen Piguine rund um die antarktische Halbinsel heran.

Foto: Enssle

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