Urlauber erwartet ein Land am Tiefpunkt

Brasilien und das Ende der Lebensfreude

Wer dieser Tage nach Brasilien reist, der mag sich wundern, wo all die Unbekümmertheit geblieben ist, die das Land und seine Menschen immer auszeichnete. Stattdessen erleben Reisende ein Brasilien, das eine tiefe Depression durchlebt. Und selbst der Fußball vermag derzeit keine Linderung zu verschaffen.

Nuno Alves Von Nuno Alves

Es gab immer Dinge, die Brasilianer besser konnten als andere auf der Welt: Fußballspielen zum Beispiel. Fünf Weltmeisterschaften gewann die Seleção – die brasilianischen Profis entwickelten sich zum Exportschlager wie Kaffee und Zucker. Man leistete es sich, zu meckern, wenn die Siege der Auswahl nicht spektakulär genug waren und dem Prinzip des jogo bonito, des schönen Spiels, nicht entsprachen, aber immerhin: Man siegte.

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So sollte es auch bei der WM 2014 im eigenen Land sein; nicht überzeugend, aber vom Gefühl geleitet, Antreiber für das ganze Land zu sein, schaffte es das Team bis ins Halbfinale gegen Deutschland – mit bekanntem Ausgang. 

1:7 gegen Deutschland – das K.O. für ein ganzes Land

Es war der symbolische Knockout für eine Nation, die zu diesem Zeitpunkt schon längst am Straucheln war. Was danach folgte und bis heute andauert, verdient die Bezeichnung „brasilianische Tragödie“.

Der fünftgrößte Staat der Erde, nicht nur von Schriftsteller Stefan Zweig zum „Land der Zukunft“ erhoben, erlebt seit der Weltmeisterschaft 2014 einen Niederschlag nach dem anderen. Aus dem Hoffnungsträger in Südamerika ist ein Sorgenkind geworden. Und viele fragen sich auch, inwieweit sich ausländische Investoren über Jahre hinweg nur haben blenden lassen – von der so viel gerühmten rosigen Aussicht, die Brasilien versprach. „Hier funktioniert doch gar nichts“, hört man auf den Straßen immer wieder. 

Dilma-Anhänger demonstrieren am 17. April an der Copacabana in Rio

Foto: Getty Images

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Menschen drücken überall ihren Unmut aus

Spätestens seit der zweiten Amtszeit von Präsidentin Dilma Rousseff, die kurz nach der WM 2014 begann, offenbaren sich die politischen Abgründe Brasiliens. Kaum ein Abgeordneter, der nicht mehr oder weniger direkt von einem gigantischen Korruptionsapparat profitierte, kaum ein Großprojekt, bei dem nicht Milliarden versickert sind. Und statt schnelle Reformen umzusetzen, ist das Parlament nur mit sich selbst beschäftigt.

Die Glaubwürdigkeit des Systems befindet sich in einem Zersetzungsprozess – und mit ihr die viel beneidete Lebensfreude der Brasilianer selbst. Die Menschen drücken offen ihren Unmut aus: im Supermarkt, im Restaurant, im Café und natürlich im Internet, vor allem auf Facebook und Twitter. Dilma wird als „Lügnerin“ beschimpft, ihre Anhänger bezeichnen das Amtsenthebungsverfahren als Putsch.

Brasilien ist gespalten

Wer jetzt, kurz vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nach Brasilien reist, erlebt ein zutiefst gespaltenes Land. Auf der einen Seite Anhänger der Arbeiterpartei (PT), der Dilma und ihr Amtsvorgänger Luiz Inácio Lula da Silva angehören, auf der anderen die PT-Gegner. Einig ist man sich nur einem Punkt: dass es so nicht weitergehen kann.

In der Hauptstadt Brasília demonstrieren beide Lager fast täglich, wenn auch in zum Teil absurd kleinen Gruppen. Gerüchte machen die Runde, wonach die Arbeiterpartei den Demonstranten – angeblich Mitglieder der Partei – bis zu 300 Real (rund 81 Euro) zahlt, um an der Demo teilzunehmen, Mittagessen inklusive.

Gegner von Interimspräsident Michel Temer in São Paulo

Foto: Getty Images

„Ich habe mir schon überlegt, in die Partei einzutreten und einen Tag mitzudemonstrieren“, sagt Formiga, Touri-Guide in Brasília, gegenüber TRAVELBOOK. Natürlich meint er das eher im Scherz, denn „Dilma mag ich nicht“, gibt er zu. Allerdings verdienen die Demonstranten, wenn das Gerücht denn stimmen sollte, mehr an einem Tag als Formiga. Ende 60 ist er, und dennoch muss er in seinem alten Wagen noch jeden Tag – „selbst an Weihnachten“, wie er sagt – Touristen durch Brasília kutschieren.

Der unbrasilianische Sarkasmus

Eigentlich steht Formiga (z. Dt. Ameise), wie sein Spitzname lautet, eine Rente zu. Doch weil er einmal selbständig gewesen sei, gebe es jetzt Probleme mit den Behörden. Solange die nicht geklärt seien, müsse er arbeiten, erklärt er uns. Wie ihm geht es vielen im Land. Den meisten fehlt das Geld, um sich Reisen oder die beworbenen Luxusgüter kaufen zu können. Selbst die im Land produzierten Lebensmittel sind dermaßen überteuert, dass viele Brasilianer sie sich nicht leisten können. „É um absurdo como o Brasil está caro“, „es ist absurd, wie teuer Brasilien derzeit ist“, sagen selbst diejenigen, die relativ gut verdienen.

Obgleich die prekär lebenden Brasilianer das Ganze mit einer gewissen Gleichmut betrachten und weiter still von der Hand in den Mund leben, wie sie es immer getan haben, wächst der offen bekundete Frust. Viele haben sich in den vergangenen Monaten einen so unbrasilianischen Sarkasmus zugelegt, und viele gehen auf die Straße. Am 31. Juli, kurz vor dem Beginn der Olympischen Spiele, planen PT-Gegner Demonstrationen im ganzen Land.   

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Beim Volk kommt von den Investitionen kaum etwas an

Optimismus ist der Frustration gewichen – und der Einsicht, das Land kriege seine Probleme schon lange nicht mehr selbst in den Griff. Nicht mal ein Hoffnungsträger unter den Politikern ist in Sicht. Das Kabinett von Michel Temer, der seit der Suspendierung von Dilma Rousseff die Regierungsgeschäfte übernommen hat, sieht sich selbst mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Und viele Brasilianer fragen sich: Wie kann etwas besser werden, wenn die, die es richten sollen, genauso im Sumpf stecken? 

„Lula ins Gefängnis!“, steht auf diesem Plakat, das eine Frau in São Paulo bei einer Demo für die Amtsenthebung von Dilma Rousseff hochhält

Foto: Getty Images

Entsprechend argwöhnisch blicken sie auf Großereignisse wie die Olympischen Spiele in Rio. Rund 10 Milliarden Euro wurden bislang in Sportstätten und die Infrastruktur der Stadt gesteckt, nun ist Rio hochverschuldet – gerade erst wurde der finanzielle Notstand ausgerufen – und, was noch schlimmer ist, von den Investitionen kam bei den Einwohnern kaum etwas an. Es fehlt am Geld für Ärzte und Lehrer. „Man verbaut uns unsere Zukunft, nur weil Milliarden in Sportstätten investiert werden mussten“, sagt die 16-jährige Schülerin María Cunha der Nachrichtenagentur dpa.

Hinzu kommt das zum Teil etwas hochgekochte Problem mit dem Zika-Virus. Selbst eine Olympia-Verlegung wird von internationalen Stimmen offen in Erwägung gezogen – und Brasilien hat dem keine Gegenargumente mehr entgegenzusetzen.

Hoffnung auf bessere Zeiten

Es scheint, als habe das Land die Hoheit aus der Hand gegeben, die eigene Lage realistisch einzuschätzen. Stattdessen entscheiden andere, wie fähig Brasilien ist, Urlauber vor Kriminalität, Zika-Virus und anderen Gefahren zu schützen. Und die Brasilianer empören sich darüber nicht einmal, im Gegenteil: Sie stimmen in den Chor mit ein, der den Niedergang des Landes besingt. Selbst der Fußball steckt in einer tiefen Krise. Bei der Copa América schied man in der Vorrunde aus, Hoffnungsträger Neymar wird der Steuerhinterziehung verdächtigt, der brasilianische Fußball-Verband kämpft selbst mit Filz und Korruption.

Den einst so lebensfrohen Brasilianern stehen schwierige Jahre bevor. Es wird lange dauern, bis das Land politisch und wirtschaftlich – und auch fußballerisch – mit den mächtigen Nationen mithalten kann. Eigentlich hatte man sich bereits an diesem Punkt gewähnt, bevor das Kartenhäuschen unverhofft in sich zusammenfiel. Aber auch das ist Brasilien: Man hofft – mal wieder – auf bessere Zeiten. Und die werden kommen.

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