Kitsault in Kanada ist seit 1982 verlassen

Die Geisterstadt, die nie verfällt

Räume ohne Menschen: Kanadas geheimnisvolle Geisterstadt Kitsault ist seit 1982 verlassen – doch die Räume sind noch immer eingerichtet, als würden Menschen darin leben. TRAVELBOOK zeigt Bilder eines Fotografen, der das mysteriöse Dornröschendorf betreten hat.

In der öffentlichen Bücherei stehen die Bücher griffbereit in den Regalen. Die Einkaufswagen in dem kleinen Supermarkt reihen sich ordentlich am Eingang. Der Rasen vor den Wohnhäusern ist frisch gemäht. Auch innen sieht alles aus, als ob die Bewohner jederzeit zur Tür hineinkommen: In den Schlafzimmern sind die Betten gemacht und auf dem Wohnzimmertisch steht Kinderspielzeug, aufgeräumt in einer Kiste.

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Aber irgendetwas stimmt nicht, hier in diesem kleinen kanadischen Ort Kitsault, 1.300 Kilometer nördlich von Vancouver, gerade noch in Kanada, direkt an der Grenze zu Alaska. Kein Mensch ist auf den gepflegten Straßen unterwegs. Kein Kinderlachen dringt aus dem Gebäude der Grundschule, auch die Wohnungen sind leer. Die Tagesdecken auf den Betten sind orangefarben gemustert, wie es in den Siebzigerjahren Mode war. Der Fernseher im Wohnzimmer sieht aus wie Baujahr 1980, ebenso die technischen Geräte im Supermarkt.

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In Kitsault ist der Rasen vor den Wohnhäusern frisch gemäht

Foto: Chad Graham

Es ist, als sei man mit einer Zeitmaschine in die frühen Achzigerjahre geraten. Die gesamte Infrastruktur im Dorf ist noch vorhanden, ebenso die Einrichtungen in den Gebäuden. Nur auf dem zweiten Blick wird klar, dass hier schon seit Jahrzehnten keine Menschen mehr leben: der wasserlose Whirlpool im Freizeitzentrum, die leeren Regale im Supermarkt und in den Küchen der Wohnhäuser. Das Kultur- und Freizeitzentrum, 1982 eröffnet „für die Angestellten von Amax, ihre Familien und Freunde“, wie auf einer Tafel steht, ist verlassen. Und das, wie alles andere hier, schon seit mehr als 30 Jahren verlassen.

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Eine Stadt für Molybdän

Was ist das Geheimnis hinter diesem mysteriösen Dorf und seinem Dornröschenschlaf? Molybdän lautet das Schlüsselwort. So heißt das Metall, das hier in der Umgebung vorkommt. Es ist ein Alleskönner, das zum Beispiel zur Härtung von Stahl sowie zur Herstellung verschiedener Metallegierungen verwendet wird, aber auch als Katalysator in der Ölverarbeitung, als Schmiermittel, als Leiter in elektronischen Bauteilen, für bestimmte Solarzellen und Halogenglühlampen oder zur Imprägnierung von Stoffen, um diese schwer entflammbar zu machen. Sogar in der Röntgendiagnostik kommt Molybdän zum Einsatz.

Ein Grundproblem beim Abbau von Molybdän war es immer, die Minenarbeiter zu halten. Die Camps in der abgelegenen Gegend an der Grenze zu Alaska waren kein attraktiver Ort, um länger zu bleiben, vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Als die Firma Amax Canada die Mine im Jahr 1979 wieder betreiben wollte, beschloss sie daher, eine Mini-Stadt für ihre Arbeiter zu bauen: Kitsault – ein Ort mit den Annehmlichkeiten einer Großstadt, aber ausgelegt für eine kleine Bevölkerung von weniger als 2.000 Einwohnern.

Im Supermarkt stehen Kassen und Einkauswagen bereit – aber die Regale sind leer

Foto: Chad Graham

Für etwa 43 Kanadische Dollar – damals viel mehr wert als heute – entstand die Mitarbeiterstadt Kitsault mit Apartments für Singles, Häuschen für Familien, Krankenhaus, Supermarkt, Sportfachgeschäft, Kultur- und Freizeitzentrum, Kino, Kneipe, Curlingbahn, Ballspielplätzen, Schwimmbad und mehr.

Kaum gebaut und schon verlassen

Doch kaum war die Stadt fertig, sank der Preis für Molybdän in den Keller. 1982, nur 18 Monate nach der Stadtgründung, schloss die Mine. Kitsault wurde zur Geisterstadt – aber zu einer ganz besonderen: Während ähnliche Orte dem Verfall preisgegeben sind, bis die Ruinen irgendwann einem Brand zum Opfer fallen, ist Kitsault in einem guten Zustand. Die Firma Amax beschäftigte weiterhin einen Wärter für das verlassene Gelände.

2005 kaufte der jetzige Besitzer Krishnan Suthanthiran die Stadt. Der US-amerikanische Unternehmer hatte verschiedene Pläne für Kitsault, ließ Gebäude renovieren, erneuerte das Abwassersystem sowie die Wasserleitungen und: beschäftigte weiterhin den Wärter. Der mäht den Rasen, hält die Gebäude instand und hat den Schlüssel zum großen Tor, das den Zugang zur Stadt versperrt. „Zugang nur mit Genehmigung“, steht da – und daneben eine Telefonnummer.

Die Geisterstadt Kitsault liegt nur 35 Kilometer von der Grenze zu Alaska

Foto: Google Maps

Der Fotograf Chad Graham ist einer der wenigen Menschen, die Kitsault in den letzten Jahrzehnten betreten haben. Mit Erlaubnis des Besitzers durfte er 2010 gegen eine Gebühr von 20 Kanadischen Dollar und in Begleitung des Wärters die Stadt fotografisch erkunden. „Es war sehr aufregend“, sagt er TRAVELBOOK, „außer uns war keine Menschenseele da.“

Viele hätten ihn gefragt, ob er sich nicht gegruselt hätte in der verlassenden Stadt. „Dafür war ich viel zu gespannt und fasziniert. Ich habe mich ständig  gefragt, was ich als nächstes zu sehen bekomme“, so der Kanadier. Erstaunt war er auch  darüber, dass kaum Staub zu sehen war. Vielleicht werde regelmäßig geputzt. Oder der Küstenwind fegt alles sauber, mutmaßt er. „Ich würde die Stadt gerne noch weiter erkunden“, sagt er TRAVELBOOK. „Dann würde ich mir aber einen zusätzlichen Tag Zeit nehmen, um noch mehr zu sehen.“

spannende Zukunft

Was aus der Stadt wird, ist derzeit noch ungewiss. Die Molybdän-Mine, für deren Arbeiter Kitsault einst entstand, soll jetzt wieder in Betrieb genommen werden, berichtet das kanadische Nachrichtenportal globalnews.ca. Allerdings ohne die Stadt wieder für die Mitarbeiter zu öffnen: Wie das Portal berichtet, gibt es Konflikte zwischen dem jetzigen Besitzer der Mine, der sie 2008 kaufte, und dem Besitzer der Stadt.

Stein des Anstoßes: Der Minenbesitzer habe nie Interesse an der Stadt gehabt, wollte aber eine Durchfahrtstraße nutzen. Laut dem Bericht kam es zu einem Rechtsstreit, den Kitsaults Besitzer Krishnan Suthanthiran gewann. Dieser befürchte nun, dass Schadstoffe aus dem Minenbetrieb der Stadt schaden könnten.

Zu den aktuellen Plänen des neuen Besitzers gehört es, Kitsault als Basis für die Herstellung und den Export von Flüssigerdgas zu nutzen. Auf der Website der Stadt und der seiner Firma Kitsault Energy würde er Interessierte über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden halten, sagte Krishnan Suthanthiran zu TRAVELBOOK. Es bleibt also spannend.

(mgr)

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