Patarei

Estlands verlassenes Gefängnis des Schreckens

Über 80 Jahre galt Patarei als das schrecklichste Gefängnis in ganz Estland, Menschen wurden dort wie Vieh gehalten. Heute ist der Ort bei Touristen beliebt – nicht nur wegen seiner einmaligen Lage.

Wenn das Meer an einem schönen sonnigen Tag gegen die Küste Tallins brandet, dann bietet sich hier heutzutage nicht selten ein Anblick, der besonders den älteren Generationen der estnischen Hauptstadt das Blut in den Adern gefrieren lassen dürfte. Denn dort, wo jetzt junge, schicke Menschen sitzen, ihren Espresso schlürfen und unbeschwert miteinander lachen, befand sich bis 2002 einer der schrecklichsten Orte in ganz Estland, ja, der Welt – das Militärgefängnis Patarei.

Es gibt höchstens Dunkelziffern darüber, wie viele Menschen hier in mehr als 80 Jahren Gefängnis-Geschichte gefoltert und deportiert wurden oder gar ums Leben kamen – doch den Horror, der hier geherrscht haben muss, kann man sich auch heute noch problemlos vorstellen. Putz bröckelt von den Wänden, es riecht feucht, modrig, nach Schimmel, Gerippe von alten Betten stehen herum, bei Regen bilden sich seengroße Pfützen.

Über einem Behandlungsstuhl hängt noch die alte OP-Lampe, Putz bröckelt von den Wänden

Foto: Getty Images

Massaker und Tuberkulose

Schon als Patarei 1840 auf Anordnung des russischen Herrschers Nikolai I. nach zwölfjähriger Bauzeit fertiggestellt wurde, begann der Schrecken: Ursprünglich als Kanonenbatterie in Betrieb genommen, wurden hier ab 1864 Soldaten stationiert, die die russische Herrschaft über das unterdrückte Estland bewahren sollten. Da es aber an Trinkwasser fehlte und schon damals eine klamme Feuchtigkeit die bis zu zwei Meter dicken Mauern fest im Würgegriff hielt, erkrankten viele der hier stationierten Soldaten an Tuberkulose. 1918 bis 1920, als Estland in den Unabhängigkeitskrieg gegen die verhassten russischen Besatzer zog, wurde Patarei dann erstmals als Gefängnis genutzt. In den Städten Rakvere und Tartu kam es zu kriegsbedingten Massakern, und ein unbarmherziger Kampf tobte, während dem unzählige Menschen hinter den Mauern Patareis verschwanden – viele für immer.

Blick in einen der Gänge im Gefängnis

Foto: Getty Images

Erst dank des Eingreifens von Großbritannien und Frankreich, beides Siegermächte aus dem Ersten Weltkrieg, gelang es schließlich, die Russen zurückzuschlagen, die daraufhin die Unabhängigkeit Estlands anerkennen mussten – ein Burgfrieden, der kaum 30 Jahre lang bestehen sollte. Schon ab 1941 wurde Patarei wieder genutzt, und zwar durch die Nazis als Arbeits- und auch Konzentrationslager. Nur zwei Jahre später, nachdem Russland nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wieder die Militär-Herrschaft über Estland übernommen hatte, wurde Patarei endgültig zu einem Mahnmal des Schreckens: Tausende wurden hier ab 1945 inhaftiert, unter anderem Jaan Kross, einer der bekanntesten estnischen Schriftsteller. Von hier aus wurde Kross mit zahllosen Leidensgenossen nach Sibirien deportiert, wo er wie durch ein Wunder überlebte. Schätzungsweise jeder Vierte kam damals in den russischen Arbeitslagern, den Gulags, um.

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Zellen ohne Tageslicht

Zeitweise waren zu Sowjet-Zeiten bis zu 5000 Gefangene in Patarei untergebracht, zusammengepfercht wie Vieh: Nicht selten mussten sich bis zu 40 Häftlinge eine 16-Mann-Zelle teilen. Die Not und das Leiden in Patarei müssen unvorstellbar gewesen sein, doch es sollte noch schlimmer kommen: 1980 wurden die Olympischen Spiele nach Moskau vergeben, wobei man sich entschloss, den Segelwettbewerb nach Tallin auszulagern. Damit aber die Häftlinge in den zur Seeseite gelegenen Zellen keinesfalls irgendwelche Zeichen an die Außenwelt geben konnten, verschloss man ihre Zellenfenster einfach kurzerhand mit Stahlplatten. Diese wurden auch nach den Spielen nicht wieder entfernt, und so herrschte in Patarei 22 unendliche Jahre lang Dunkelheit, bis das Gefängnis 2002 für immer geschlossen wurde. Die letzten Gefangenen, die 2002 entlassen wurden, hatten noch unter diesen unmenschlichen Bedingungen ohne Tageslicht gelebt.

Heute können Touristen den Ort auf eigene Faust erkunden, und man hat alles getan, damit sie sich hier auch wohl fühlen. Das am Meer gelegene ehemalige Gefängnis wartet heute mit einem Café mit Liegestühlen auf, sodass man beim Kuchen-Essen durch Stacheldraht aufs Wasser gucken kann. Einige Räume des Horror-Knasts wurden mit Genehmigung der estnischen Behörden von Künstlern gestaltet, die meisten aber sind Opfer der Zeit und des touristischen Vandalismus geworden.

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Überall blättern Farbe und Putz ab

Foto: Getty Images

Seit 2007 gilt der Ort zwar offiziell als Kulturzentrum, aber eine Erkundung wird wohl dennoch jedem Besucher eine Gänsehaut über den Rücken jagen: Manche der verrosteten Betten sind heute noch bezogen, in die Zellenwände Striche eingekerbt, anhand derer die Gefangenen sich damals Kalender machten. „Das Erdgeschoss ist tatsächlich äußerst düster und fühlt sich eher wie ein Keller an“, beschreibt der Reiseblogger Patrick Hundt, der das verlassene Gefängnis besucht hat, seine Eindrücke. „Weiter oben wird es heller, doch egal ob ich die dritte Etage erkunde oder über den Hof spaziere, die Trostlosigkeit dieses Ortes ist immer unmittelbar.“

Es gibt überdies nicht Wenige, die felsenfest behaupten, in Patarei würde es spuken, die Geister der verlorenen Seelen würden noch immer das Gebäude heimsuchen. Doch auch wenn solche Geschichten wohl eher ins Reich der Märchen gehören – dieser Ort hat auch heute noch eine unheimliche Aura.

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