Venezuela

Wo man Geldscheine als Serviette benutzt

Venezuela könnte mit seiner atemberaubenden Natur und traumhaften Stränden ein absolutes Urlaubsparadies sein, doch viele Touristen scheuen sich angesichts der extrem hohen Mordrate vor einer Reise ins Land. Zudem kämpft Venezuela mit einer astronomischen Inflation – und die Krise wird immer schlimmer.

Von Robin Hartmann

Tiefer, scheinbar unendlicher Dschungel, karibische Traumstrände, eine unvergleichliche Artenvielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt und Wunder der Natur wie der höchste Wasserfall der Erde: Venezuela ist wohl eines der aufregendsten und schönsten Länder in ganz Südamerika. Und dennoch kommen kaum Touristen in das Land, im Gegenteil, viele Urlauber meiden es auf ihren Reisen über den gigantischen Kontinent sogar ganz bewusst.

Leere Kühlschränke und Regale: in Venezuelas Supermärkten trauriger Alltag

Foto: Getty Images

Die Gründe für die Zurückhaltung der Touristen sind, leider, schnell erklärt: Viele haben Angst vor der Gewalt im Land. Venezuela hat aktuell die zweithöchste Mordrate auf der ganzen Welt, laut einer Studie der Organisation „United Nations on Drugs and Crime“ (UNODC) fällt hier unter 100.000 Menschen etwa jeder 50. einem Gewaltverbrechen zum Opfer. So wurden allein im Dezember 2014 nur in der Hauptstadt Caracas 468 Menschen ermordet. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Kriminalitätsrate in dem Land versechsfacht, noch dazu ist Venezuela laut Angaben der United Nations (UN) das einzige Land weltweit, in dem die Mordrate seit Beginn der Messung im Jahr 1995 kontinuierlich gestiegen ist.

Die Ursache dafür muss man wohl vor allem in der verfehlten und einseitigen Politik der venezolanischen Regierung suchen: Zwar gelang es unter dem alten Präsidenten Hugo Chávez (†2013), die Schere zwischen Arm und Reich drastisch zu verringern – doch gleichzeitig setzte man auf das Erdöl als einzigen Wirtschaftsfaktor, Kritiker und Oppositionelle wurden gnadenlos unterdrückt und nicht selten auch verfolgt. Chavez' Nachfolger Nicolás Maduro führt das Land in demselben Stil weiter, und wen man auch auf der Straße fragt, überall hört man unzufriedene Stimmen. Doch reicht das schon, um eine derartige Gewalt-Explosion zu erklären? Die bittere Wahrheit  hat wiederum mit Geld zu tun – zu wenig Geld, um genau zu sein. Nirgendwo sonst auf der ganzen Welt ist die Inflationsrate so hoch wie im von Krisen gebeutelten Venezuela, Experten übertreffen sich derzeit selbst mit Schätzungen, wie hoch sie denn nun wirklich sei.

Inflation von mehreren hundert prozent

Der venezolanische Staat selbst gibt dazu keine offiziellen Zahlen mehr heraus, doch man vermutet, dass die Inflation für dieses Jahr bis zu 200 Prozent betragen könnte – das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ hält sogar eine Inflationsrate von 808 Prozent für möglich. Im August wurde auf der Plattform Reddit ein Foto veröffentlicht, das um die Welt ging: Es zeigt eine in einen Geldschein eingewickelte Empanada. „Die Wirtschaft in Venezuela ist so kaputt, dass es billiger ist, Bargeld statt Servietten zu benutzen“, schrieb dazu der User, der das Bild hochgeladen hatte.

Dieses Foto von Reddit-Nutzer „victorinox126“ einer in einen Geldschein eingewickelten Empanada ging im August um die Welt

Foto: victorinox126 / Reddit

Pablo López Hurtado, Chefredakteur der regierungskritischen venezolanischen Zeitung „La Razón“ sagt dazu zu TRAVELBOOK: „Diese Krise trifft uns alle hier sehr hart. Grundnahrungsmittel wie Milch, Eier und Mehl sind nicht mehr verfügbar, und wenn doch, dann nur zu sehr hohen Schwarzmarktpreisen, die teilweise zehnmal so hoch sind wie die regulären Preise.“

Der Hunger hat das Land fest im Griff, fast alle Alltags-Artikel sind Mangelware

Foto: Getty Images

Bereits 2013 machte Venezuela weltweite Schlagzeilen, als in dem Land das Toilettenpapier Mangelware wurde – doch was damals für viele Unbeteiligte noch witzig geklungen haben mag, ist für die Venezolaner bittere Realität. Es fehlt eigentlich an allem, sogar Grundnahrungsmittel, Medikamente und Hygieneartikel sind immer schwerer zu bekommen. Menschen stehen jeden Tag stundenlang vor Geschäften an, nur um dann erfahren zu müssen, dass die gewünschten Waren bereits vergriffen sind. „Es ist ganz normal, das Angestellte mehrere Stunden ihres Arbeitstages mit Anstehen verbringen“, erklärt López Hurtado. Nicht Wenige verdienen sich mittlerweile sogar ihr Geld, indem sie für andere Schlange stehen – viele Restaurants stellen beispielsweise Mitarbeiter nur für diese Aufgabe ein. Diese Menschen, die aus der Not einen ganz neuen Berufszweig geschaffen haben, nennt man „Coleros“ (von spanisch „cola“=Schlange). Laut dem Institut Datanálisis verbringt aktuell jeder Venezolaner im Schnitt acht Stunden pro Woche damit, irgendwo anzustehen. Es kommt sogar vor, dass Menschen sich nur irgendwo anstellen, um ihren Platz in der Schlange dann hinter ihnen Wartenden zu verkaufen.

Es fehlt an allem

Die Warenknappheit treibt noch andere absurde Blüten: So müssen Eltern, die für ihren Nachwuchs Windeln kaufen wollen, eine Geburtsurkunde vorlegen. Mit 100 Bolivar, dem aktuell größten Geldschein, kann man nicht einmal mehr ein Dutzend Eier bezahlen – sofern es denn überhaupt welche gibt. Und Banken verzeichnen rapide steigende Geldtransportkosten, weil sich die Automaten aufgrund der ständigen Nachfrage und dem rasenden Wertverfall immer schneller leeren. Auch die für das Land so immens wichtigen Importe (Venezuela importiert etwa 60 Prozent aller Waren) stagnieren, da die Partnerunternehmen im Ausland in der jüngsten Vergangenheit teilweise monatelang auf Zahlungen warten mussten und daher das Vertrauen verloren – sowie teilweise auch viel Geld.

Was ist also passiert in dem Land, das auf den reichsten Erdölreserven weltweit sitzt? Venezuelas Wirtschaft ist einfach zu abhängig vom schwarzen Gold, dessen Verkauf 96 Prozent der Devisen-Einnahmen des Staates ausmacht. Somit erklärt sich auch, dass ein Löwenanteil des Staatshaushaltes von Venezuela über eben diese Einnahmen finanziert wird – die sich wiederum durch den sinkenden Ölpreis drastisch verringert haben. Zudem verfügt das Land über keine nennenswerten Devisenreserven, sodass die Importe von Lebensmitteln, Hygiene-Artikeln und Medikamenten nicht mehr in ausreichendem Umfang bezahlt werden können.

Die Inflation steigt so rapide schnell, dass die meisten Menschen täglich Geld von der Bank abheben müssen

Foto: Getty Images

Folge ist eine Negativ-Spirale: Die Ratingagentur Moodys stufte die Kreditwürdigkeit des Landes unlängst auf das Ramschniveau „Caa3“ herab und begründete dies unter anderem mit der drastisch gestiegenen Wahrscheinlichkeit einer Staatspleite. Der Internationale Währungsfond (IWF) vermutet, dass Venezuelas Bruttoinlandsprodukt 2015 um 7 Prozent schrumpfen wird – bereits im vergangenen Jahr hatte es einen Abschwung von 3,4 Prozent gegeben. Zunehmend erschwert wird eine wirtschaftliche Stabilisierung der Lage zudem durch zwei unterschiedliche Wechselkurse: Zum offiziellen Wechselkurs des sozialistischen Landes bekommt man für einen US-Dollar 6,35 Bolivar. Jedoch liegt der Schwarzmarktkurs um ein Hundertfaches darüber, bei mehr als 700 Bolivar für einen Dollar, weswegen dieser Markt floriert, während die Staatskassen brachliegen.

Arbeiten für 12 Euro im Monat

Die rapide Abwertung des venezolanischen Geldes hat auch zur Folge, dass sich viele Menschen ihr Leben nicht mehr finanzieren können: Obwohl der Mindestlohn allein 2015 bereits mehrfach angehoben wurde, verdient ein Arbeiter mit dem venezolanischen Mindestlohn gerade einmal umgerechnet 12 Euro im Monat – Tendenz fallend. Trotz zum Teil gewaltsamer Proteste gegen das System ist eine Besserung aktuell nicht in Sicht, im Gegenteil.

Wann die Supermarkt-Regale wieder voll sein werden, ist völlig offen

Foto: Getty Images

Weil im Dezember Parlamentswahlen in Venezuela anstehen, unternimmt Präsident Maduro nichts, was seiner ohnehin schwer angeschlagenen Popularität weiter schaden könnte. Und so blieben Rufe nach einer Abwertung der Währung, nach der Einführung von Geldscheinen mit höherem Nennwert oder einer Erhöhung der Benzinpreise bisher ungehört. Über eine Reduzierung der Milliarden-Subventionen denkt aber selbst Maduro mittlerweile laut nach: Denn während sein Volk hungert, ist Benzin in Venezuela so günstig wie in keinem anderen Land der Welt – für 4 Bolivares (0,005 Cent laut Schwarzmarkt-Kurs)  kann man hier einen Geländewagen volltanken. Zum Vergleich: Ein einfaches Bonbon kostet im Laden 10 Bolivares. „Meistens gibt man dem Tankwart mehr Trinkgeld, als überhaupt die Tankfüllung kostet“, so López Hurtado zu TRAVELBOOK. Er hat starke Zweifel daran, dass die Regierung überhaupt in der Lage ist, die Krise zu überwinden: „Der Staat muss endlich anerkennen, dass schwere Fehler begangen wurden und man alle Menschen mit einbinden muss, wenn man etwas verändern will. Leider sind Regierung und Opposition aber völlig zerstritten, und es sieht nicht danach aus, als ob man zu Verhandlungen bereit wäre.“ Er ist besorgt, dass diese Probleme bald zu einem „großen Knall“ führen könnten. „Was wir hier in Venezuela erleben, ist die schwerste Wirtschaftskrise weltweit.“

Immerhin: Die Webseite „Bloomberg Business“ berief sich im August auf einen nicht genannten Experten, laut dem es spätestens Anfang 2016 neue Banknoten mit einem Nennwert von 500 oder sogar 1000 Bolivar geben soll. Und so bleibt zu hoffen, dass dieses wunderschöne Land seine Krise so bald wie möglich übersteht – damit in Zukunft viele Urlauber den Dschungel, die Strände und die anderen Wunder Venezuelas in Ruhe und vor allem mit einem sicheren Gefühl besuchen können.

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