Ryanair-Chaos, Air Berlin pleite…

Das Ende der Billigflüge?

Billig-Airlines
Air Berlin ist insolvent, Ryanair hat Probleme – sind die Zeiten der Low-Budget-Airlines vorbei?
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Wer heute bei Ryanair für November Flüge von Berlin nach Porto sucht, findet sie bereits für 43,98 Euro – hin und zurück! Selbst die ehrgeizigsten Schnäppchenjäger wundern sich angesichts solcher Preise, wie das überhaupt möglich sein kann. Schließlich kostet selbst ein einfaches Zugticket innerhalb Deutschlands oft mehr. Ein Flug ins rumänische Timisoara ab Berlin kostet bei Ryanair gar nur 9,98 Euro hin und zurück. Wahnsinnspreise – doch wie lange ist das noch möglich?

Tausende Flüge wurden unlängst von Ryanair gestrichen. Angeblich wandern die Piloten reihenweise ab, weil Ryanair schlecht bezahlen soll. Beides bestreitet die Airline und kündigt in einer Pressemeldung jetzt an, 2018 noch mehr günstige Tickets anzubieten und auch seine Flotte weiter aufzustocken. Auch sollen mehr Piloten angeheuert werden. Doch wie kann sich dieser Preiskampf um die Lufthoheit in Europa überhaupt rentieren, und bedeutet er am Ende vielleicht sogar das Ende der Billig-Airlines? TRAVELBOOK sprach mit Vertretern der Branche.

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Ryanair musste Tausende Flüge streichen

Ryanair musste Tausende Flüge streichen
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Niedrige Ticketpreise bedeuten für die Airlines sehr niedrige Margen

„Europa ist weltweit der wettbewerbsintensivste Markt“, sagt Ivo Rzegotta vom Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft. „In Europa werben mehr als 200 Airline-Gruppen um die Gunst der Passagiere, deutlich mehr als etwa im aufkommensstarken US-amerikanischen Markt. Mitunter übersteigt das Angebot an Sitzplätzen deutlich die Nachfrage – und das führt dann häufig auch zu billigen Ticketpreisen.“ Niedrige Ticketpreise würden auch auf die Margen drücken: So sei von einem Ticket für 100 Euro bei den deutschen Airlines 2016 im Durchschnitt nur 4,90 Euro geblieben, 2014 seien es sogar nur 90 Cent gewesen.

Das erklärt zum Teil auch, wie Air Berlin einen Schuldenberg im dreistelligen Millionenbereich anhäufen konnte, wobei das Unternehmen laut einstimmigen Medienberichten bereits seit 2008 rote Zahlen schrieb. Die Konkurrenz zur Lufthansa hatte dann zur Folge, dass auch dieses Unternehmen seine Ticketpreise vor allem für Inlandsflüge senkte und Air Berlin damit sukzessive wieder aus dem Markt drängte. Auch andere Low-Cost-Anbieter hätten Air Berlin unter Druck gesetzt, was schließlich zur Insolvenz führte. Der Anteil von Billig-Anbietern am europäischen Flugmarkt beträgt laut Airbus mehr als 40 Prozent.

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Air Berlin

Viele Kunden bleiben nach der Insolvenz von Air Berlin größtenteils auf den Kosten für ihre Tickets sitzen
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»Konsolidierung in Europa wird weiter voranschreiten

„Was wir im Augenblick erleben, sind Marktanpassungen infolge der Liberalisierung des Luftverkehrs in den 90er-Jahren“, erklärt Ivo Rzegotta. „Die Öffnung der Märkte hat die Ticketpreise sinken lassen und das Flugangebot deutlich verbessert. Für die Verbraucher war dies also erst einmal gut. Doch der scharfe Wettbewerb hat natürlich auch einen großen Kosten- und Wettbewerbsdruck bei den Unternehmen ausgelöst, auf den diese reagieren müssen.“

Diese Situation sei über die vergangenen 10 bis 20 Jahre gewachsen und habe sich dadurch verschärft, dass Billiganbieter mit einem massiv ausgeweiteten Angebot und einer aggressiven Preispolitik vorgedrungen sind. Inzwischen hätten die etablierten Netzwerkairlines aber auf die Angebote von Ryanair & Co. reagiert und eigene Low-Cost-Plattformen gegründet, beste Beispiele sind die Marken Eurowings der Lufthansa oder jüngst Joon der Air France-KLM.

Rzegotta prophezeit, dass sich dieser Markt auf lange Sicht selbst bereinigen wird: „Die Liberalisierung im europäischen Luftverkehr war an sich gut, da sich das Mobilitätsangebot für die Verbraucher deutlich verbessert hat. Aber auf Dauer müssen die Fluggesellschaften auch kostendeckende Preise am Markt durchsetzen, sonst sind sie nicht mehr wettbewerbsfähig und können auch nicht in moderne Flotten und in guten Service investieren. Daher wird die Konsolidierung in Europa auch weiter voranschreiten.“

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Muss es immer billig sein?

Für die scheinbar wahnwitzige Preispolitik hat Rzegotta aber auch eine Erklärung: „Mit Sonderangeboten und Frühbucherrabatten füllen die Fluggesellschaften die Plätze auf, die ansonsten frei bleiben würden.

Dennoch bleibt die Frage: Muss es immer billig sein? Die Diskussion, die auch bei Kleidung und Nahrungsmitteln geführt wird, lässt sich auch auf die Luftfahrt übertragen. Niedrige Preise bedeuten, dass sowohl bei den Gehältern von Airline-Mitarbeitern als auch bei der Qualität des Services gespart werden muss. Es ist, auch in puncto Umweltschutz, also wenig nachhaltig, Flüge derartig günstig anzubieten, wie es viele Airlines tun. Sie können es mit einem Steak vergleichen:

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