Coronakrise

Wie geht es den Regionalflughäfen in Deutschland?

Ein Flugzeug am Flughafen Paderborn/Lippstadt
Ein Flugzeug am Flughafen Paderborn/Lippstadt, einem von etwa 20 Regionalflughäfen in Deutschland
Foto: dpa Picture Alliance

Die Corona-Pandemie hat die gesamte Reisebranche hart getroffen. Zeitweise lag der weltweite Flugverkehr nahezu komplett lahm, Airlines gingen pleite. Unter den dramatischen Entwicklungen leiden besonders die kleineren Flughäfen in Deutschland, die teils schon vor der Krise mit schwindenden Passagierzahlen zu kämpfen hatten. Aber wie ernst ist die Lage wirklich? TRAVELBOOK hat bei den Regionalflughäfen nachgefragt.

Regionalflughäfen spielen für Menschen, die fernab der Großstädte oder in eher ländlichen Gebieten leben, eine wichtige Rolle, nicht nur als Ausgangspunkt für (Geschäfts-)Reisen, sondern auch als Job- und Wirtschaftsmotor. Knapp 20 regionale Flughäfen gibt es in Deutschland, und alle waren laut einem Bericht der „Tagesschau“ schon vor der Coronakrise auf finanzielle Hilfen angewiesen. Zudem hätten Experten schon seit Langem die Rentabilität der kleineren Airports infrage gestellt.

Mit der Corona-Pandemie und dem nahezu lahmgelegten Flugverkehr hat sich die ohnehin schon schwierige Lage für die kleineren Flughäfen verschärft. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) forderten Mitte August gar die Schließung von sieben Regionalflughäfen, da diese aus ökonomischer und klimapolitischer Sicht „überflüssig“ seien und nicht länger staatliche Subventionen erhalten sollten. Gegen diese BUND- und FÖS-Studie gab es harsche Proteste seitens der Interessengemeinschaft der regionalen Flughäfen (IDRF) wie auch der Flughäfen selbst.

Wie geht es den Regionalflughäfen in Deutschland?

Aber wie steht es nun um die kleineren Flughäfen in Deutschland, werden sie die Krise überstehen? Thomas Mayer, Geschäftsführer der IDRF, gibt auf TRAVELBOOK-Nachfrage vorsichtig Entwarnung: „Unter den 75 Mitgliedern der IDRF gibt es derzeit keinen Flughafen, der Corona-bedingt vor einer Schließung steht.“ Es gebe zwar Einbrüche, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. „Man kann davon ausgehen, dass jene Flughäfen, deren Umsätze primär aus der Linienluftfahrt stammen, am stärksten von der Krise betroffen sind“, sagt Mayer.

Das sagen die Regionalflughäfen

Flughafen Kassel

Der Flughafen Kassel ist stark von den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie und den damit verbundenen Reisewarnungen betroffen. Derzeit gibt es daher nur jeweils zwei wöchentliche Verbindungen nach/von Sylt und Kreta. „Die deutschen Flughäfen verzeichnen seit Beginn der Krise Passagierrückgänge von mehr als 70 bis 80 Prozent. Dies trifft auch bei uns derzeit zu“, teilt Flughafen-Sprecherin Natascha Zemmin auf Nachfrage von TRAVELBOOK mit.

Dementsprechend habe auch die Zahl der Flugbewegungen abgenommen. „Wir sehen für uns Chancen, da wir neben dem touristischen Flugverkehr auch weitere Segmente am Standort abdecken. Der Bereich der allgemeinen Luftfahrt und der Business Aviation hat einen großen Anteil. Des Weiteren sind viele Unternehmen aus luftfahrtaffinen Branchen am Flughafen angesiedelt (z.B. Piper Deutschland, ZF Luftfahrttechnik usw.)“, blickt Zemmin optimistisch in die Zukunft.

Flughafen Dresden

Am Flughafen Dresden lag das Passagieraufkommen von Januar bis Juni mit 239.986 Fluggästen 66,6 Prozent unter dem Vorjahreswert. Im Monat Juni wurden 4.027 Fluggäste und damit 97,4 Prozent weniger als im Vorjahresmonat registriert. Mit 7.188 Starts und Landungen sank die Zahl der Flugbewegungen um 48,7 Prozent unter das Vorjahresniveau, heißt es in einer Pressemitteilung des Flughafens von Ende Juli dieses Jahres.

Es ist „frühzeitig ein umfassender Maßnahmenkatalog zur Krisenbewältigung aufgelegt worden, um die Betriebsfähigkeit der Airports Dresden und Leipzig/Halle zu sichern und kritische Ressourcen zu schonen. Hierzu zählen Anpassungen im Flughafenbetrieb und Kurzarbeit“, erklärt Björn-Henrik Lehmann, stellvertretender Pressesprecher bei der Mitteldeutsche Flughafen AG auf Nachfrage von TRAVELBOOK.

Nach der Corona-bedingten Zwangspause gibt es vom Flughafen Dresden wieder Flugverbindungen nach und von Amsterdam, London, Frankfurt, München, Düsseldorf, Köln/Bonn und Stuttgart sowie zu beliebten Urlaubszielen im Mittelmeer und am Schwarzen Meer. „Die rasche Wiederaufnahme wichtiger Flugverbindungen in der Corona-Zeit spricht für den Bedarf“, sagt Lehmann zu den Zukunftschancen des Airports.

Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden

Der Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden verzeichnet seit Beginn der Corona-Krise einen Rückgang der Passagierzahlen im Vergleich zum Juli, August und September des Vorjahres zwischen 65 und 75 Prozent, erklärt Manfred Jung, Geschäftsführer der Baden-Airpark GmbH, gegenüber TRAVELBOOK. Die Flugbewegungen seien je nach Monat um 10 bis 30 Prozent gesunken, da Rettungsflüge, Organtransporte, Frachtflüge und Business Aviation den Großteil der rund 37.000 Flugbewegungen Jahr am Airport Karlsruhe/Baden Baden ausmachten.

Da die Fluggesellschaften ihr gesamtes Flugangebot entsprechend der Reisewarnungen und Risikogebiete stetig reduziert hätten, seien insbesondere Flüge zu europäischen Zielen wie Italien und Spanien, aber auch nach Israel oder Moskau gestrichen worden. Bisher habe der Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden keine staatlichen Hilfen erhalten, laut Jung seien aber seit April und noch bis März 2021 alle Mitarbeiter*innen der Baden-Airpark GmbH in Kurzarbeit. „Die Liquidität der Gesellschaft ist mindestens bis Ende 2021 gesichert. Die Zukunftschancen sind von der allgemeinen weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie, der Entwicklung im Luftverkehr, der Entwicklung des Tourismus und nicht zuletzt auch von der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region des Einzugsgebietes abhängig“, sagt Jung.

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Airport Paderborn/Lippstadt

Der Airport Paderborn/Lippstadt verzeichnet aktuell einen Rückgang der Passagierzahlen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 85 Prozent. Aufgrund der geringen Nachfrage zu Reisezielen, die als Risikogebiete gelten bzw. für die Reisewarnungen bestehen, gibt es von Paderborn/Lippstadt aktuell keine Flüge auf die Kanarischen Inseln, nach Mallorca und Ägypten. „Auch die Flüge zum Lufthansa Drehkreuz München werden seit dem 23. September bis zum 25. Oktober aus Kapazitätsgründen ausgesetzt“, teilt Flughafen-Sprecherin Janin Detjen auf Nachfrage von TRAVELBOOK mit. Insbesondere aufgrund massiv rückläufiger Flugbewegungen infolge der Corona-Krise sei eine umfangreiche Unternehmenssanierung notwendig geworden. Aus diesem Grund habe der Flughafen Paderborn-Lippstadt am 23. September beim Amtsgericht Paderborn einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt.

Wie aber geht es weiter mit dem Flughafen Paderborn/Lippstadt? „Der Flughafen hat ein Sanierungskonzept erarbeitet, um Erlöse und Kosten auch in Zeiten mit deutlich weniger Flugverkehr in Einklang zu bringen. In dem Sanierungskonzept ist vorgesehen, dass der Paderborn/Lippstadt Airport den Status eines Verkehrsflughafens mit Flugsicherung behält und weiterhin 24 Stunden am Tag in Betrieb sein wird“, sagt Detjen weiter.

Angesichts der geringeren Flugbewegungen sei es jedoch kaufmännisch nicht vertretbar, die Kapazitäten für die Flugzeugabfertigung im bisherigen Umfang vorzuhalten. „Sobald der Bedarf wieder zunimmt, wird es möglich sein, die Infrastruktur des Flughafens sukzessive bis zu ihrer Kapazitätsgrenze von deutlich mehr als 1 Mio. Passagieren jährlich auszulasten“, ist die Flughafen-Sprecherin optimistisch.

Flughafen Münster/Osnabrück

Der Flughafen Münster/Osnabrück hat in diesem Jahr rund 70 Prozent seiner Fluggäste gegenüber dem Vorjahr eingebüßt. „Damit befinden wir genau im Schnitt in Relation zu den anderen Flughäfen in Deutschland“, sagt Andrés Heinemann, Leiter Marketing und Kommunikation beim Flughafen Münster/Osnabrück. Die Zahl der Flugbewegungen sei hingegen nur um gut 30 Prozent zurückgegangen. Das liege daran, dass die sogenannte Allgemeine Luftfahrt (u. a. Business-, Privat-, Ambulanz- und Hilfsflüge) kaum rückläufig war. „Insgesamt performt der Flughafen Münster/Osnabrück damit etwas besser als der Durchschnitt der Verkehrsflughäfen in Deutschland“, lautet die Einschätzung Heinemanns.

Seit Beginn der Corona-Krise hat es auch Flughafen Münster/Osnabrück Einschränkungen beim Flugplan gegeben, insbesondere bei Flügen zu touristischen Zielen, für die eine Reisewarnung bestand oder neu ausgerufen wurde.

Was die Zukunft des Airports betrifft, äußert sich Heinemann positiv: „Der Flughafen Münster/Osnabrück ist hervorragend in das Jahr 2020 gestartet. Bis Mitte März konnten wir ein Fluggastwachstum vom über 25 Prozent verzeichnen. Auch vom Verkehrsmix sei der Airport gut aufgestellt. Allein Lufthansa hat neun tägliche Abflüge zu den großen Umsteigeairports nach Frankfurt und München angeboten“, sagt Heinemann weiter. Hinzu komme ein umfangreiches touristisches Angebot.

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Allgäu-Airport Memmingen

Aktuell verzeichnet der Allgäu-Airport Memmingen einen Passagierrückgang von ca. 60 Prozent und im Zeitraum Januar bis August 33 Prozent weniger Flugbewegungen im Vergleich zum Vorjahr, teilt Marina Siladji, Head of Marketing & PR der Flughafen Memmingen GmbH, auf Nachfrage von TRAVELBOOK mit.

Von Anfang April bis Anfang Mai fanden am Allgäu-Airport weder Linien- noch Charterflüge statt. Anfang Mai habe Wizz Air laut Siladji wieder mit dem Flugbetrieb begonnen. Ryanair startete am 1. Juli mit den Flügen ab Memmingen. „Es wurden nach und nach die meisten Ziele wieder aufgenommen. Je nach Entwicklungen in den vergangenen Monaten und den Reisewarnungen sowie Einstufung als Risikogebiete wurden und werden Flüge reduziert oder teilweise komplett gestrichen“, sagt Siladji.

Die Sprecherin rechnet in diesem Jahr mit circa 900.000, 2021 mit rund 1,5 Millionen Passagieren. „Somit kommen wir unseren Zahlen vor Corona (2019: 1,7 Mio.) schon wieder recht nahe. Aufgrund unseres Angebotes, konzentriert auf Europa und unseres Passagiermixes […], rechnen wir mit einer vergleichsweise positiven Entwicklung in den kommenden Jahren.“

Airport Bremen

Andrea Hartmann, Pressesprecherin des Bremer Flughafens, teilt auf TRAVELBOOK-Nachfrage mit, dass wegen der Corona-Pandemie von Ende März bis 18. Mai 2020 am Bremen Airport kein Flugverkehr stattgefunden habe. „Seitdem erholen sich die Zahlen etwas, befinden sich aber dennoch noch bei einem Minus von über 70 Prozent im Vergleich zum August 2019“, sagt die Sprecherin. Ob der Flughafen kurz- bis mittelfristig auf staatliche Subventionen angewiesen sei, beantwortete die Sprecherin ausweichend: „Der Bremen Airport ist jahrelang ohne Subventionen ausgekommen.“ Bremen sei aufgrund seiner guten Anbindung, seiner Lage und keiner zu großen Flughafendichte im Umkreis ein „zukunftsfähiger und systemrelevanter Airport, der bisher unabhängig von Subventionen operierte“.

Bodensee-Airport Friedrichshafen

Auch der Bodensee-Airport in Friedrichshafen ist von der Coronakrise betroffen. „In Deutschland liegt der Rückgang bei 80 Prozent“, sagt Flughafensprecher Wolfgang John zu TRAVELBOOK. Der Flughafen Friedrichshafen sei laut externen Gutachten für die Vier-Länder-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz und das Fürstentum Liechtenstein) unverzichtbar. Allerdings sei ein Weiterbetrieb ohne zusätzlichen Finanzbedarf nicht möglich. Dieser sei derzeit in der Genehmigungsphase.

Die Antwort weiterer Flughäfen, darunter Frankfurt-Hahn, Saarbrücken und Rostock-Laage, stehen noch aus.

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Was sagt das Bundesverkehrsministerium?

Das Bundesverkehrsministerium hält sich zur Zukunftsfrage der Regionalflughäfen bedeckt. Die Folgen durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie seien „im Einzelnen noch nicht absehbar“, erklärt BMVI-Sprecherin Simone Nieke zu TRAVELBOOK. Gleiches gelte für die Frage nach zukünftigen staatlichen Unterstützungen.

IDRF-Sprecher Thomas Mayer zeigt sich, was die Zukunft der regionalen Airports angeht, optimistisch. Die kleineren Flughäfen seien innovationsfreudig und meist in den Regionen stark verwurzelt. „Wir sehen das als Chance“, sagt IDRF-Sprecher Mayer. „Sollte sich die heutige Art des Linienflugbetriebs jedoch schlecht erholen, werden wir neue Wege einer schnellen Mobilität finden müssen.“