Umfrage mit erschreckenden Ergebnissen

So häufig werden Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter sexuell belästigt

Flugbegleiter sexuelle Belästigung
Eine Umfrage zeigt: Viele Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter werden an ihrem Arbeitsplatz sexuell belästigt
Foto: Getty Images

Die Unabhängige Flugbegleiter Organisation (UFO) hat mehr als 1000 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter deutscher Airlines anonym gefragt, wie häufig sie an ihrem Arbeitsplatz schon sexuell belästigt wurden. Das Ergebnis ist erschreckend.

Rund 52 Prozent der weiblichen Flugbegleiterinnen gaben in der UFO-Umfrage an, schon einmal bei der Arbeit Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein – das ist etwas mehr als jede zweite Frau. Bei den Männern waren es rund 44 Prozent, von den Diversen beantwortete sogar jeder Dritte (75 Prozent) die Frage nach sexueller Belästigung am Arbeitsplatz mit Ja.

Wer sind die Täter?

Bei der zwischen Dezember 2018 bis Ende März 2019 durchgeführten Befragung gaben knapp 46 Prozent des Kabinenpersonals an, dass die Übergriffe durch Vorgesetzte an Bord stattgefunden hätten. In rund 26 Prozent der Fälle waren die Täter direkte Kolleg*innen und rund 25 Prozent der Übergriffe erfolgten durch Passagiere. „Mit Sorge betrachten wir, dass bei dem Thema sexuelle Belästigung die Übergriffe von Vorgesetzten überwiegend genannt werden“, teilte UFO mit. Offensichtlich würden die bestehenden hierarchischen Strukturen von einer Vielzahl von Mitarbeitern ausgenutzt.

Kaum jemand meldet die Vorfälle

Im Vergleich zu anderen Berufen komme sexuelle Belästigung bei Flugbegleiter*innen überdurchschnittlich häufig vor. Laut UFO liege das an einer „Objektifizierung“, die in der Flugbranche seit Beginn an stattgefunden habe. „Bis heute sieht man in der Werbung und in sozialen Medien immer wieder Kolleginnen in kurzem Uniformrock, offenen Haaren und rotem Lippenstift verführerisch in die Kamera lächeln.“ Auch zeigten vor allem männliche Mitarbeiter auf ihren Instagram-Accounts „nackte Tatsachen“, was zu einer „Sexualisierung der Kabinenmitarbeiter*innen in der allgemeinen Wahrnehmung sowohl bei Kolleg*innen als auch bei Passagieren“ führe, heißt in der Mitteilung von UFO.

Nur rund 16 Prozent der Betroffenen gaben in der Umfrage an, den erlebten Vorfall gemeldet zu haben. Vor allem aus Angst vor beruflichen Konsequenzen und persönlichen Nachteilen entscheiden sich UFO zufolge viele dazu, zu schweigen.

Alarmierende Umfrage-Ergebnisse auch in den USA

Im Zuge des Skandals um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein hat die US-Flugbegleitergewerkschaft AFA Anfang 2018 ebenfalls unter dem Kabinenpersonal eine Umfrage zu sexueller Belästigung an Bord durchgeführt. Die Ergebnisse sind noch alarmierender: 68 Prozent der mehr als 3500 Umfrageteilnehmer gaben an, in ihrem Berufsleben bereits sexuell belästigt worden zu sein. Zu 80 Prozent waren Frauen betroffen und zu 20 Prozent Männer.

35 Prozent der Opfer gaben an, 2017 mindestens einmal verbal sexuell belästigt worden zu sein, bei 18 Prozent kam es sogar zur körperlicher Belästigung.

Trotz der offenbar weiten Verbreitung bei den 29 US-Airlines bleiben die meisten Taten ohne Folgen, denn: Nur sieben Prozent der belästigten Flugbegleiter gaben an, dass sie die Vorfälle gemeldet hätten.

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AFA-Präsidentin Sara Nelson erklärte in einem Statement, diese Umfrage zeige, wie alltäglich die Belästigung von Flugbegleitern auch in Zeiten von #MeToo sei. „Es ist an der Zeit, dass wir alle – Airlines, Gewerkschaften, Regulierungsbehörden, Gesetzgeber und Passagiere – diesem Verhalten, das nicht länger gebilligt werden kann, ein Ende bereiten.“ Die Würde und das Wohlergehen der Flugbegleiter und die Sicherheit der Passagiere hänge davon ab.

Grabsch-Vorfall auf Lufthansa-Flug

Im März 2018 gab es auch auf einem Flug von Hamburg nach München der Lufthansa einen Vorfall: Ein Passagier hatte einer Flugbegleiterin einen Klaps auf den Hintern gegeben. Als der Kapitän des Flugs davon erfahren hat, soll er sich über den Lautsprecher der Maschine eingeschaltet haben, laut „Focus Online“ mit folgenden Worten: Ein Zeuge hatte den Vorfall publik gemacht. Ob der Mann dem Aufruf des Kapitäns nach- und ins Cockpit gekommen ist, ist nicht bekannt, und auch nicht, ob Anzeige erstattet wurde. Auf Nachfrage von TRAVELBOOK sagte Lufthansa-Pressesprecher Jörg Waber, dass man es sehr begrüße, wenn derartige Vorkommnisse durch Zeugen in die Öffentlichkeit gelangen. Dadurch sollen Betroffene ermutigt werden, auch ihr Schweigen zu brechen – Übergriffe dürften nicht als Kavaliersdelikt geduldet werden.

„Unsere Flugbegleiter und Purser werden für den Umgang mit sexueller Belästigung an Bord geschult. Leistet ein Passagier den Anweisungen der Crew keine Folge, kann der Kapitän eine Zwischenlandung durchführen und ihn vom Flug ausschließen.“ Jeder gemeldete Vorfall werde überprüft, wie Waber uns versichert. Der Passagier müsse, neben einer Anzeige, im Einzelfall auch damit rechnen, generell von Flügen der Lufthansa ausgeschlossen zu werden.

Jede vierte Flugbegleiterin wurde schon belästigt

Was haarsträubende Ausnahmen darstellen sollte, ist schon vielen weiblichen Crew-Mitgliedern widerfahren, wie die jüngste Studie zeigt. Auch auf TRAVELBOOK-Nachfrage gestehen mehrere Flugbegleiterinnen, bereits sexuell belästigt worden zu sein. Grund dafür könnte sein, wie eine von ihnen vermutet, dass viele Fluggäste ein falsches Verständnis von dem Flugbegleiter-Beruf haben. „Dabei sind wir nicht nur da, um Getränke zu verteilen, sondern um für Ihre Sicherheit zu sorgen.“

Britta K., Flugbegleiterin bei der Lufthansa, hat die gleiche übergriffige Situation erlebt wie die Kollegin auf dem Flug von Hamburg nach München. Wie sie uns berichtet, habe ein Passagier ihr auf einer europäischen Kurzstrecke einen Klaps auf den Po gegeben. Zum Glück habe sich die Szene beim Einstieg ereignet, sprich noch am Boden. Nachdem sie den Piloten darüber informiert hatte, wurde der Fluggast noch der Maschine verwiesen.

Eine weitere Lufthansa-Kollegin, die nicht namentlich genannt werden will, erzählt von einem Erlebnis auf einem Flug von San Francisco nach Frankfurt. Ein Passagier habe sie um einen Liter Orangensaft gebeten, in den er ihrer Überzeugung nach selbst mitgebrachten Alkohol hineingemischt haben soll. Beim Landeanflug saß die Flugbegleiterin dem Passagier, der nun stark angeheitert war, gegenüber. „Er fing an, mein Knie zu streicheln und mich auszufragen“, erzählt sie TRAVELBOOK. Sie habe ihm mitgeteilt, dass sie glücklich verheiratet sei, „woraufhin er entgegnete, dass er hofft, mein Mann besorge es mir so richtig. Es war eine extrem unangenehme Situation, weil ich auf meinem Sitz bleiben musste“.

Wie verhält man sich richtig?

Wie Lufthansa-Sprecher Waber TRAVELBOOK mitteilt, werden derartige Grenzüberschreitungen nur selten gemeldet. „Wir müssen davon ausgehen, dass gerade junge Menschen es besonders schwer haben, sich zu offenbaren, weil sie noch unsicher sind und um ihre Karriere fürchten.“ Und auch die anonyme Insiderin vom Kabinenservice bestätigt, dass viele Mitarbeiterinnen nicht wüssten, wie sie auf Übergriffe reagieren sollten. Oft verschwiegen sie die Vorfälle – man wolle „keine große Sache daraus machen oder als Sensibelchen abgestempelt“ werden. Bei Statuskunden überlege man aus anderen Gründen zweimal, ob man sich rührt: „Sie sind für die Firma wahnsinnig wichtig“, so der traurige Hintergrund.