Umfrage zeigt

So häufig werden Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter sexuell belästigt

Flugbegleiterin im Flugzeug
Sexuelle Übergriffe auf Flugbegleiterinnen sind leider keine Seltenheit. Ein jüngerer Fall hat sich nun auf einem Lufthansa-Flug ereignet (Symbolfoto).
Foto: dpa Picture Alliance

Im Zuge des Skandals um Hollywood-Produzent Harvey Weinstein wollte die US-Flugbegleitergewerkschaft AFA wissen, wie oft Kabinenpersonal von amerikanischen Airlines Opfer von sexueller Belästigung geworden ist. Das Ergebnis ist erschreckend.

Insgesamt nahmen zwischen dem 27. Februar und 26. März 2018 mehr als 3500 Flugbegleiterinnen und Flugbegleiter von 29 US-Airlines an der AFA-Umfrage teil: 68 Prozent davon gaben an, in ihrem Berufsleben bereits sexuell belästigt worden zu sein. Zu 80 Prozent waren Frauen betroffen und zu 20 Prozent Männer.

35 Prozent der Opfer gaben an, 2017 mindestens einmal verbal sexuell belästigt worden zu sein, bei 18 Prozent kam es sogar zur körperlicher Belästigung.

Trotz der offenbar weiten Verbreitung bei den 29 US-Airlines bleiben die meisten Taten ohne Folgen, denn: Nur sieben Prozent der belästigten Flugbegleiter gaben an, dass sie die Vorfälle gemeldet hätten.

AFA-Präsidentin Sara Nelson erklärte in einem Statement, diese Umfrage zeige, wie alltäglich die Belästigung von Flugbegleitern auch in Zeiten von #MeToo sei. „Es ist an der Zeit, dass wir alle – Airlines, Gewerkschaften, Regulierungsbehörden, Gesetzgeber und Passagiere – diesem Verhalten, das nicht länger gebilligt werden kann, ein Ende bereiten.“ Die Würde und das Wohlergehen der Flugbegleiter und die Sicherheit der Passagiere hänge davon ab.

Grabsch-Vorfall auf Lufthansa-Flug

Zwar beziehen sich die Umfrage-Ergebnisse auf US-Flugbegleiter, doch es ist davon auszugehen, dass das Problem auch in Europa besteht. Im März gab es auch auf einem Flug von Hamburg nach München der Lufthansa einen Vorfall: Ein Passagier hatte einer Flugbegleiterin einen Klaps auf den Hintern gegeben. Als der Kapitän des Flugs davon erfahren hat, soll er sich über den Lautsprecher der Maschine eingeschaltet haben, laut „Focus Online“ mit folgenden Worten: Ein Zeuge hatte den Vorfall publik gemacht. Ob der Mann dem Aufruf des Kapitäns nach- und ins Cockpit gekommen ist, ist nicht bekannt, und auch nicht, ob Anzeige erstattet wurde. Auf Nachfrage von TRAVELBOOK sagte Lufthansa-Pressesprecher Jörg Waber, dass man es sehr begrüße, wenn derartige Vorkommnisse durch Zeugen in die Öffentlichkeit gelangen. Dadurch sollen Betroffene ermutigt werden, auch ihr Schweigen zu brechen – Übergriffe dürften nicht als Kavaliersdelikt geduldet werden.

„Unsere Flugbegleiter und Purser werden für den Umgang mit sexueller Belästigung an Bord geschult. Leistet ein Passagier den Anweisungen der Crew keine Folge, kann der Kapitän eine Zwischenlandung durchführen und ihn vom Flug ausschließen.“ Jeder gemeldete Vorfall werde überprüft, wie Waber uns versichert. Der Passagier müsse, neben einer Anzeige, im Einzelfall auch damit rechnen, generell von Flügen der Lufthansa ausgeschlossen zu werden.

Jede vierte Flugbegleiterin wurde schon belästigt

Was haarsträubende Ausnahmen darstellen sollte, ist schon vielen weiblichen Crew-Mitgliedern widerfahren, wie die jüngste Studie zeigt. Auch auf TRAVELBOOK-Nachfrage gestehen mehrere Flugbegleiterinnen, bereits sexuell belästigt worden zu sein. Grund dafür könnte sein, wie eine von ihnen vermutet, dass viele Fluggäste ein falsches Verständnis von dem Flugbegleiter-Beruf haben. „Dabei sind wir nicht nur da, um Getränke zu verteilen, sondern um für Ihre Sicherheit zu sorgen.“

Britta K., Flugbegleiterin bei der Lufthansa, hat die gleiche übergriffige Situation erlebt wie die Kollegin auf dem Flug von Hamburg nach München. Wie sie uns berichtet, habe ein Passagier ihr auf einer europäischen Kurzstrecke einen Klaps auf den Po gegeben. Zum Glück habe sich die Szene beim Einstieg ereignet, sprich noch am Boden. Nachdem sie den Piloten darüber informiert hatte, wurde der Fluggast noch der Maschine verwiesen.

Eine weitere Lufthansa-Kollegin, die nicht namentlich genannt werden will, erzählt von einem Erlebnis auf einem Flug von San Francisco nach Frankfurt. Ein Passagier habe sie um einen Liter Orangensaft gebeten, in den er ihrer Überzeugung nach selbst mitgebrachten Alkohol hineingemischt haben soll. Beim Landeanflug saß die Flugbegleiterin dem Passagier, der nun stark angeheitert war, gegenüber. „Er fing an, mein Knie zu streicheln und mich auszufragen“, erzählt sie TRAVELBOOK. Sie habe ihm mitgeteilt, dass sie glücklich verheiratet sei, „woraufhin er entgegnete, dass er hofft, mein Mann besorge es mir so richtig. Es war eine extrem unangenehme Situation, weil ich auf meinem Sitz bleiben musste“.

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Wie verhält man sich richtig?

Wie Lufthansa-Sprecher Waber TRAVELBOOK mitteilt, werden derartige Grenzüberschreitungen nur selten gemeldet. „Wir müssen davon ausgehen, dass gerade junge Menschen es besonders schwer haben, sich zu offenbaren, weil sie noch unsicher sind und um ihre Karriere fürchten.“ Und auch die anonyme Insiderin vom Kabinenservice bestätigt, dass viele Mitarbeiterinnen nicht wüssten, wie sie auf Übergriffe reagieren sollten. Oft verschwiegen sie die Vorfälle – man wolle „keine große Sache daraus machen oder als Sensibelchen abgestempelt“ werden. Bei Statuskunden überlege man aus anderen Gründen zweimal, ob man sich rührt: „Sie sind für die Firma wahnsinnig wichtig“, so der traurige Hintergrund.