Ritual

Warum sich viele Russen vor der Reise auf ihren Koffer setzen

Frau sitzt auf ihrem Koffer
Viele Russen würden ihr Haus nicht verlassen, bevor sie sich nicht auf ihren Koffer gesetzt haben.
Foto: Getty Images

Wenn man mit einer russischen Freundin auf Reisen geht, kann es sehr gut sein, dass sie darauf besteht sich einige Sekunden schweigend auf die vollgepackten Koffer zu setzen, bevor man zum Flughafen düst. Was steckt hinter dem Brauch?

Viele Russen erinnern sich, dass sie schon als Kinder von ihren Eltern oder Großeltern genötigt wurden, sich vor dem Beginn einer Reise auf ihren Koffer zu setzen. Dabei schloss man die Augen, schwieg und hielt einen Moment inne. Wenn es nicht der Koffer selbst war, so musste die kleine Familienmeditation zumindest in der Nähe der baldigen Aufbruchsstelle stattfinden: auf den Treppen vor der Haustür zum Beispiel.

Laut der Professorin Jean-Marie Rouhier-Willoughby handelt es sich hierbei um eine uralte Tradition der russischen Folklore, von der niemand genau weiß, wie sie entstand. Dem Online-Magazin „Quartzy“ sagte die Spezialistin für russische Kultur und Traditionen, dass der Brauch schriftlich zwar erst im frühen 19. Jahrhundert festgehalten wurde, aber vermutlich schon viel länger besteht.

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Der Brauch soll unter anderem lästige Hausgeister abschütteln

Alexander Petrov, ein russischer Soziologiestudent, erzählt TRAVELBOOK: „In meiner Familie wird das bei jeder Reise zusammen gemacht. Meine Eltern haben mir erzählt, dass es dabei um die sichere Rückkehr nach einer Reise geht.“

Nach Rouhier-Willoughby ist eine andere Theorie, dass man sich dadurch vor bösen Hausgeistern schützen wollte: „Wenn man sein Zuhause mit seinem Koffer verließ, dann aber zurückkehrte, weil man etwas vergessen hatte, würde der Hausgeist dem Reisenden angeblich die gesamte Reise folgen. Setzte man sich aber vor dem Aufbruch einen Moment auf seinen Koffer und erinnerte sich plötzlich an die ganzen Dinge, die man vergessen hatte, war das so, weil der Hausgeist einem auf diese Weise kommuniziert hat: „Du bist noch nicht ganz fertig für diese Reise.“

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Diese Theorie vertritt auch ein russischer Blogger auf seinem Blog Ask a Russian. Unter seinem Artikel über den Aberglauben mit dem Koffer kommentiert eine russische Leserin: „Ich dachte immer, meine Großeltern beten, wenn sie das tun, und meine Eltern folgen ihrem Beispiel ohne wirklich religiös dabei zu sein. Ich habe diese Tradition immer geliebt…Sie ermöglicht einem einen beruhigenden Moment, um über die Menschen nachzudenken, mit denen man gerade zusammen ist. Man stürzt nicht hastig in seine Reise, sondern verweilt ein bisschen länger dort, wo man gerade ist.“

Auch ein Abschiedsritual und eine Redewendung

Tatsächlich gibt es laut Professor Rouhier-Willoughby auch die Theorie, dass die Russen diesen Moment früher genutzt hätten, um zu einem Heiligen zu beten und ihn oder sie zu bitten, die bevorstehende Reise zu segnen.

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In dem Buch: „Tales of Hi and Bye“ von Torbjörn Lundmark, in dem der Autor Wilkommens- und Abschiedsrituale aller Länder recherchiert hat, heißt es außerdem: Zu guter Letzt ist „Auf Koffern sitzen“ eine übliche Redewendung in Russland geworden. Wenn man sagen möchte, dass man mitten im Aufbruch war, als etwas passiert ist, verwendet man diesen Ausdruck.

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