Gesundheitssystem vor Kollaps

Corona in Portugal – Regierung verhängt harten Lockdown

Corona-Lage in Portugal
Masken im Freien sind in Portugal Pflicht. Aktuell gilt in dem Land der Gesundheitsnotstand und ein harter Lockdown
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Aufgrund der kontinuierlich hohen Corona-Zahlen in Portugal hat die Regierung für das ganze Land einen harten Lockdown verhängt. Was das konkret bedeutet.

Lange hat Portugal versucht, einen harten Lockdown zu vermeiden. Stattdessen setzte die Regierung auf einen Stufenplan, der je nach Infektionslage in den Landkreisen unterschiedliche Maßnahmen vorsah. Zwischenzeitlich schienen diese auch Wirkung zu zeigen, doch über die Weihnachtsfeiertage und den Jahreswechsel erlebte das Land einen dramatischen Anstieg der Neuinfektionen. Nun reagierte die Regierung um Premierminister António Costa und verhängt einen harten Lockdown, der dem im Frühjahr ähnelt, und für mindestens einen Monat gilt.

Die erste Pandemie-Phase hatte Portugal vergleichsweise gut bewältigt. Aktuell droht dem Gesundheitssystem jedoch der Kollaps, sollten die Infektionszahlen nicht entscheidend reduziert werden. Die 7-Tagesinzidenz liegt laut TRAVELBOOK-Berechnungen derzeit bei 596,04. Insgesamt gibt es in dem Land 121.815 aktive Covid-19-Infektionen. Am Mittwoch war mit 10.556 neuen Fällen binnen eines Tages ein Höchstwert erreicht worden.

Nachdem wochenlang der Norden die mit Abstand am stärksten betroffene Region war, verlagert sich das Infektionsgeschehen zunehmend auch in andere Landesteile. So stiegen die Zahlen zuletzt besonders stark im Großraum Lissabon, aber auch an der Algarve und auf den Inselgruppen Azoren und Madeira (mehr zu den Infektionszahlen lesen Sie unten). Zuletzt hatte das Robert-Koch-Institut Madeira auf die Liste der Risikoländer gesetzt. Seitdem gilt nun das gesamte Land als Risikogebiet; das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung aus.

 

Corona-Lage in Portugal – Inhaltsverzeichnis

Die geltenden Corona-Maßnahmen in Portugal

Derzeit gilt in Portugal weiter der Gesundheitsnotstand, der bereits mehrfach verlängert und nun vorerst bis zum 30. Januar anhalten soll. Der sogenannte „estado de emergência“ war bereits im Frühjahr ausgerufen worden und geht für die Bürger – einschließlich Urlauber – mit einigen wesentlichen Einschränkungen und Pflichten einher. Des Weiteren ermöglicht er es der Regierung, zahlreiche weitere Maßnahmen zu verhängen. Dazu zählen u. a. die Möglichkeit zur verpflichtenden Messung der Körpertemperatur, etwa bei der Arbeit, im Personenverkehr, in Bildungseinrichtungen, Einkaufszentren, Sport- und kulturellen Einrichtungen, sowie die Möglichkeit, Corona-Tests verpflichtend zu machen und einzufordern (etwa bei der Ein- und Ausreise, in Gesundheits- und Bildungseinrichtungen und Pflegeheimen sowie Gefängnissen).

Des Weiteren kann die Regierung für Maßnahmen notwendige Ressourcen aus dem privaten und sozialen Bereich anfordern sowie bestimmte Personengruppen aktivieren, um bei der Kontaktverfolgung zu unterstützen, zum Beispiel Lehrer, die aktuell nicht für Unterricht eingesetzt werden, oder Soldaten.

Was der harte Lockdown in Portugal bedeutet

Im Wesentlichen beinhaltet der harte Lockdown in Portugal die gleichen Regelungen wie im Frühling: Fast alle Geschäfte müssen schließen, mit Ausnahme der für das öffentliche Leben wichtigen Einrichtungen, die die Grundversorgung der Bevölkerung gewährleisten. Im Vergleich zum Frühjahrs-Lockdown gibt es aber einen entscheidenden Unterschied: Kindertagesstätten, Schulen und Universitäten bleiben offen. Ansonsten gelten u. a. folgende Maßnahmen:

  • Es gilt eine allgemeine Ausgangssperre. Lebensmitteleinkäufe, Apothekenbesuche oder sonstige wichtige Erledigungen (Arztbesuche, Pflege von Angehörigen etc.) sind möglich.
  • Pflicht zum Homeoffice, wo immer das möglich ist
  • Anhebung der Strafen bei Verstoß gegen Regeln
  • Schließung von Friseur- und Kosmetiksalons, Fitnessstudios und Kultureinrichtungen (Theater, Kinos, Museen etc.)
  • Schließung von Clubs, Zoos, Freizeitparks und Kasinos
  • Restaurants, Bars und Cafés dürfen nur noch einen Außerhaus-Service anbieten.
  • Individualsport bleibt weiter möglich.
  • Erstligasport sowie Sport auf Nationalauswahlsebene sind erlaubt, allerdings ohne Publikum.

Es gelten weiter folgende Regeln und Pflichten

  • Allgemeine Maskenpflicht im Freien
  • Pflicht zur Nutzung eines Mund-Nasen-Schutz in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften.
  • Einhaltung eines Mindestabstands von zwei Metern im öffentlichen Raum.
  • Dringende Empfehlung zur Installation der Corona-Warn-App „Stayaway Covid“ (Google Play | Apple App Store).
  • Der Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit ist verboten.
  • Kein Verkauf von alkoholischen Getränken an Tankstellen.

 

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Was für Reise-Rückkehrer aus Portugal gilt

Wer sich in den letzten zehn Tagen vor der Einreise nach Deutschland in einem Risikogebiet wie Portugal aufgehalten hat, muss sich direkt in eine zehntägige häusliche Quarantäne begeben. Das Verlassen der Wohnung oder das Empfangen von Besuch ist nicht erlaubt. Vor der Einreise gilt zudem die Verpflichtung, sich digital anzumelden. Dies geschieht auf der Website www.einreiseanmeldung.de und dient dazu, dass die Gesundheitsämter die Quarantänepflicht kontrollieren können. Nach Anmeldung auf der Seite erhält man eine PDF-Datei als Bestätigung. Airlines etwa sind verpflichtet zu überprüfen, ob eine solche Bestätigung vorliegt. Wenn nicht, kann der Flug nicht angetreten werden. In Ausnahmefällen ist eine Ersatzmitteilung in Papierform möglich.

Nach Einreise haben Gesundheitsämter die Möglichkeit, einen negativen Corona-Test zu verlangen, heißt es auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums. Falls ein solcher nicht vorhanden sei, kann man zum Test verpflichtet werden.

Wichtig: Selbst bei Vorliegen eines negativen Tests kann die häusliche Quarantäne frühestens nach fünf Tagen beendet werden.

Muss ich in Quarantäne, wenn ich aus Deutschland nach Portugal einreise?

Aktuell gibt es für Urlauber aus Deutschland keine Einschränkungen, wenn sie das portugiesische Festland besuchen. Heißt: keine Verpflichtung zur Quarantäne oder zu einem Corona-Test.

Um eine Kontaktverfolgung gewährleisten zu können, müssen über den Luftweg in das südwesteuropäische Land einreisende Passagiere anhand eines „Passenger Locator“-Formulars Angaben unter anderem zum Zielort und zur Erreichbarkeit während des Aufenthalts machen. Zudem wird am Flughafen per Infrarotkameras die Körpertemperatur gemessen. Übersteigt diese 38 Grad, müssen Reisende mit weiteren Untersuchungen und Quarantäne rechnen.

Für die Azoren und Madeira gelten andere Regelungen: So wird bei der Einreise ein negativer Corona-Test verlangt, der nicht älter als 72 Stunden ist. Wer keinen Test hat, kann ihn bei der Ankunft machen und muss bis zum Testergebnis in Quarantäne bleiben.

 

Die Corona-Infektionslage in Portugal

Die 7-Tages-Inzidenz in Portugal

Aktuell gibt es in Portugal insgesamt 121.815 aktive Covid-19-Infektionen. Zum Vergleich: Am 7. Dezember lag die Zahl bei 74.187.

Die 7-Tages-Inzidenz in Portugal nach Regionen im Überblick laut TRAVELBOOK-Berechnungen:

  • Portugal gesamt (einschließlich Azoren und Madeira): 596,04 
  • Großraum Lissabon: 646,53
  • Norden: 532,78
  • Algarve:487,36
  • Azoren:226,50
  • Madeira:162,04

Die Einstufung eines Landes oder einer Region als Risikogebiet erfolgt durch das RKI in einem zweistufigen Prozess: „Zunächst wird festgestellt, in welchen Staaten/Regionen es in den letzten sieben Tagen mehr als 50 Neuinfizierte pro 100.000 Einwohner gab“, heißt es auf der RKI-Seite. In einem zweiten Schritt werde nach qualitativen Kriterien festgestellt, ob für Staaten/Regionen, die den genannten Grenzwert nominell unterschritten, dennoch die Gefahr eines erhöhten Infektionsrisikos vorliege. Kriterien sind:

  • Infektionszahlen
  • Art des Ausbruchs (lokal begrenzt oder flächendeckend)
  • Testkapazitäten und durchgeführte Tests pro Einwohner
  • ergriffene Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens
  • Verlässlichkeit der Informationen

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Die Infektionslage in Portugal seit Beginn der Pandemie

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Corona-Versicherung für Portugal-Reisende

Was beinhaltet die Versicherung?

Da Portugal stark auf den Tourismus angewiesen ist, bietet das Land Reisenden gegen Gebühr nun auch eine Corona-Versicherung an – in Kooperation mit der Firma Bónus Seguros. Die Versicherung greift bei „unvorhergesehenen Ereignissen im Zusammenhang mit Covid-19“ und ermöglicht Rückerstattungen bei Flugstornierungen oder -unterbrechungen, heißt es auf der portugiesisch- bzw. englischsprachigen Webseite von Portugal Travel Insurance. Beim genaueren Blick auf die enthaltenen Leistungen fällt allerdings auf, dass diese recht allgemein gehalten sind. So wird beispielsweise eine Unterstützung bei Gepäckdiebstahl in Portugal zugesichert – was mit Covid-19 nichts zu tun hat.

Relevanter für Urlauber sind die unter dem Punkt „Vollständige Deckung bei unvorhersehbaren Situationen“ vermerkten Leistungen. Im Krankheitsfall bietet die Versicherung:

  • Deckung der Arzt- und Krankenhauskosten in Portugal
  • Deckung der Kosten für die Nachsorge bei einem Krankenhausaufenthalt
  • Deckung der Rückreisekosten im Fall einer Krankheit oder eines Unfalls

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Die Preise der Corona-Versicherung für Portugal

Die Kosten für die Versicherung richten sich nach der Dauer des Aufenthalts in Portugal.

  • bis zu 10 Tagen: 37,20 Euro pro Person
  • 10 bis 15 Tage: 43,20 Euro pro Person
  • 16 bis 30 Tage: 48,20 Euro pro Person
  • 30 bis 60 Tage: 65,20 Euro pro Person

„Die Portugiesen sind nicht mehr so diszipliniert wie im Frühjahr“

„Ich erlebe die Situation in Portugal zwar derzeit nur aus der Ferne, allerdings stehe ich im regelmäßigen Austausch mit meiner dort lebenden Familie. Meine Mutter erlebt die Situation vor Ort als immer „dramatischer“. Seit Monaten verlässt sie das Haus nur äußerst selten, um zum Supermarkt zu gehen. Die Verwandtschaft hat sie seit dem Sommer nicht mehr getroffen. Doch nicht alle Portugiesen hielten sich zuletzt derart streng an das Gebot, die Kontakte zu beschränken. Vor allem an Weihnachten und Silvester trafen sich viele Familien. Die Folgen dessen zeigen sich jetzt in den sehr hohen Infektionszahlen. Kritisch muss man auch das zögerliche Handeln der portugiesischen Regierung in den vergangenen Monaten betrachten. Um die Wirtschaft des Landes nicht noch tiefer in die Krise zu stürzen, entschloss man sich viel zu spät zum harten Lockdown. Nun droht im schlimmsten Fall beides: der wirtschaftliche Kollaps und der des Gesundheitssystems. “ – Nuno Alves, Editorial Director TRAVELBOOK