Fast drei Viertel betroffen

Die meisten deutschen Seen in schlechtem Zustand

See bei Wüstenrot
Der erhöhte Nährstoffgehalt deutscher Gewässer, wie hier in Baden-Württemberg, sorgt für ein vermehrtes Aufkommen von Algen. Dadurch veröden die Seen.
Foto: dpa Picture Alliance

Mit den steigenden Temperaturen beginnt bei uns auch die Vorfreude auf die Badesaison. Aktuell geht jedoch ein Wermutstropfen durch die Medien. Im Großteil der deutschen Seen soll die Wasserqualität bedenklich sein.

Fast drei von vier Seen in Deutschland sind in bedenklichem Zustand. Dies gibt die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hin bekannt. Laut Politikerin Steffi Lemke (50) können nur 24 Prozent der Gewässer nach EU-Kriterien mit „gut“ bewertet werden und gerade einmal 2,3 Prozent als „sehr gut“. Der Rest liege im Bereich „mittelmäßig“ bis „schlecht“.

Deshalb sind die Seen verödet

Grund für die Vergüllung der Gewässer ist die Landwirtschaft, genauer gesagt die moderne Massentierhaltung. Das erklärt Beatrice Claus, Referentin für Fluss- und Wasserpolitik bei der Natur- und Umweltschutzorganisation WWF, auf TRAVELBOOK-Nachfrage. Der damit einhergehende Dung lande so in den deutschen Seen und Flüssen, was zu einem Nährstoffüberschuss führe. „Tiere und Pflanzen, die an nährstoffärmere Bedingungen gewohnt sind, finden dadurch keinen Lebensraum mehr.“

Finsterroter See

In Deutschlands Seen sei längst nicht die gleiche Artenvielfalt an Tieren und Pflanzen vorhanden wie früher. „Mittelfristig ist nicht absehbar, was das für uns für Folgen haben wird“, erklärt uns Umweltschützerin Claus. „In jedem Fall müssen wir versuchen, die heimischen Tiere und Pflanzen zu schützen“.
Foto: dpa Picture Alliance

Was bedeutet das für den Menschen?

Für Badegäste soll der ökologische Zustand (noch) keine Folgen haben. Zu dieser Überzeugung veranlassen Prüfungen der Europäischen Umweltagentur European Environment Agency (EEA). Jedes Jahr untersucht sie deutsche Gewässer auf ihre Badequalität, sprich auf Bakterien, die beim Menschen Krankheiten verursachen können. Der jüngste Bericht erschien im Mai 2017, demzufolge 97,8 Prozent der rund 2300 überprüften Badestellen den EU-Mindeststandards entsprechen. Fast 91 Prozent wurden sogar eine ausgezeichnete Qualität attestiert.

Aber: Mit der Zeit ist laut WWF-Expertin Claus durch die fortschreitende Vergüllung die Ansiedelung von Blaualgen möglich. Dabei handelt es sich – anders als der Name suggeriert – nicht um Algen im biologischen Sinne, sondern um Bakterien, die erst im vergangenen Sommer im Berliner Tegeler See zur tödlichen Vergiftung dreier Hunde geführt hatte. Die Tiere hatten offenbar vom kontaminierten Wasser getrunken. Wie die WWF-Referentin erklärt, wäre durch ein Vorkommen von Blaualgen langfristig auch unser Trinkwasser gefährdet.

So soll die Situation verbessert werden

Alle EU-Mitgliedsstaaten sind verpflichtet, bis spätestens 2027 ihre Gewässer in einen guten Zustand zu bringen. Dies sieht Claus jedoch als nächstes Problem und rechnet mit einem als Überarbeitung getarnten Aufweichen der Wasserrahmenrichtlinien. Stattdessen brauche es eine Aufwandssteigerung an Geld und Personal, um gegen Verstöße in der Agrarindustrie vorgehen zu können. Neben der Politik sieht Claus aber auch den Einzelnen in der Verantwortung. „Wenn der Mensch weniger Fleisch konsumiert, wird das langfristig Einfluss auf die Landwirtschaft haben.“

Themen