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Arbeiten in Zeiten von Corona

Flugbegleiterin: „Für die Crew ist es eine wahnsinnig belastende Situation“

Das Arbeiten unter Corona-Bedingungen hat sich für Flugbegleiter stark verändert und stellt für viele eine Belastung dar (Symbolfoto)Foto: dpa picture Alliance

Kaum eine Branche hat die Corona-Pandemie so hart getroffen wie die Luftfahrt. Zuerst war der weltweite Flugverkehr nahezu komplett lahmgelegt, Piloten und Flugbegleiter mussten in Kurzarbeit oder verloren ihren Job ganz. Zwischenzeitlich hatte sich die Lage wieder entspannt, doch mit neuen Corona-Varianten kommen auch wieder neue Einschränkungen im Flugverkehr. TRAVELBOOK hat mit Flugbegleitern in Deutschland gesprochen, wie sie die Situation wahrnehmen und wie sich das Arbeiten durch die Corona-Pandemie verändert hat.

Vor Kurzem ist in der WELT ein Artikel erschienen, in dem es um Übergriffe auf Flugbegleiter in den USA ging. Die dort erwähnten Zahlen sind erschreckend: Mehr als 5000 Fälle von körperlichen und verbalen Angriffen auf Flugbegleiter haben die USA demnach seit Jahresbeginn zu verzeichnen – einige davon sogar mit schweren Kopfverletzungen als Folge. In mehr als 70 Prozent der Fälle hätten sich Passagiere geweigert, im Flugzeug Masken zu tragen. Zum Vergleich: Im Jahr 2019, also vor Ausbruch der Corona-Pandemie, wurden lediglich 150 solcher Übergriffe auf die Flugbegleiter von US-Airlines ermittelt.

Für Deutschland liegen bislang für den Zeitraum seit Ausbruch der Corona-Pandemie keine offiziellen Zahlen zu Attacken auf das Flugpersonal durch Maskenverweigerer vor. Dass ein Passagier tätlich übergriffig werde und fixiert werden müsse, komme aber nach wie vor eher selten vor, sagt Stefan Schwerthelm von der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO), der auch Mitglied im Betriebsrat einer großen deutschen Airline ist, auf TRAVELBOOK-Nachfrage. „Es zeigt sich aber anhand der Rückmeldungen der Flugbegleiter deutlich, dass das Stress- und Aggressionspotenzial bei den Passagieren Pandemie-bedingt zugenommen hat. Es entzündet sich sehr viel um die sich ständig ändernden Hygienemaßnahmen, und vor allem um das korrekte Tragen der Masken gibt es unendliche Diskussionen. Darüber gibt es die meisten verbal-aggressiven Auseinandersetzungen an Bord, und die sind definitiv gestiegen.“

Maskenverweigerer sind größtes Problem

„Diese Maskendiskussion ist allgegenwärtig“, sagt auch die Chef-Flugbegleiterin einer großen deutschen Airline. Sie ist ebenfalls bei UFO und dort außerdem Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Gesundheit. „Der eine Passagier hat nicht die richtige Maske, einer nutzt sie als Haarnetz, der nächste als Kinnschutz. Und dann gibt es Passagiere, die zwei Stunden lang auf einer Erdnuss rumlutschen, weil man beim Essen die Maske ja abnehmen darf.“ Belastend sei das vor allem für die Kollegen, die auf der Kurzstrecke unterwegs sind. „Wenn die vier bis fünf Flüge am Tag haben und jedes Mal diese Diskussionen führen müssen – das ist extrem belastend.“

Vor allem, weil längst nicht jeder Passagier der Aufforderung nachkomme, die Maske korrekt aufzusetzen. „Die Leute werden an Bord verwarnt. Und wenn sie sich nicht an diese Vorgaben halten, dann müssen wir das den Behörden melden. Es kommt sicherlich einmal pro Woche vor, dass irgendwo auf dieser Welt die Polizei am Flieger steht.“

Auch Kevin Louwarts, Flugbegleiter bei der deutschen Lufthansa, berichtet von Problemen mit Maskenverweigerern an Bord: „Jeder dritte oder vierte Passagier, der in den Flieger einsteigt, trägt die Maske nicht richtig.“ Und immer wieder komme es vor, dass Passagiere sich trotz Aufforderung weigerten, den Mund-Nasen-Schutz korrekt zu tragen. „Von manchen Kollegen habe ich schon gehört, dass man den Passagier am Ende sogar fesseln musste.“ Diese Fixierung an den Sitz passiere als letzte Eskalationsstufe, bevor man die Behörden an der Zieldestination informiere.

Worunter Flugbegleiter in Zeiten von Corona noch leiden

Maskenverweigerer sind das eine. Aber es gibt noch mehr, was das Arbeiten in Zeiten von Corona für die Flugbegleiter zur psychischen Belastung macht: „Ich hatte ständig Angst, von unterwegs eine Corona-Mutation mitzubringen“, sagt Louwarts. „Ich wohne mit meiner Mutter zusammen, ich hatte Angst, sie anzustecken. Und dass sie dann deswegen stirbt. Während alle zu Hause bleiben und sich bestmöglich schützen, reisen wir durch die Welt und haben ständig Kontakt mit Menschen.“

Als Belastung empfindet Kevin Louwarts auch die Einreisebestimmungen an bestimmten Destinationen: „In vielen Ländern sind wir einfach nicht erwünscht, vor allem bei der hohen Inzidenz in Deutschland momentan. Man möchte uns eigentlich nur wegsperren.“ In China und anderen asiatischen Ländern zum Beispiel werde man vom Flieger abgeholt und sofort komplett mit Desinfektionsmitteln eingesprüht. „Die nehmen uns quasi die Luft zum Atmen, nur damit keine Coronaviren ins Land kommen. Dann geht es direkt in Zimmerquarantäne. Wir bekommen keinen Zimmerschlüssel, wir dürfen das Zimmer nicht verlassen. Wenn wir das doch tun, gibt es eine hohe Strafe.“

Flugbegleiter Corona
Kevin Louwarts fliegt für Lufthansa auf der Langstrecke, zuletzt in der First Class. Wegen Corona ist der Flugbegleiter zurzeit noch in Kurzarbeit, arbeitet nebenbei in einem Altenheim als Corona-Tester.Foto: privat

Flugbegleiter sind durch Corona psychisch belastet

„Man gibt wirklich seine Freiheit auf“, bestätigt auch die Chef-Flugbegleiterin, die bereits weiter oben zu Wort kam und lieber anonym bleiben möchte. „Man ist einfach ausgeliefert. Wenn du krank wirst, hast du keinen Einfluss darauf, welcher Arzt dich behandelt und in welches Krankenhaus du gebracht wirst oder welche Behandlung man dir zuteil kommen lässt.“

Man könne vor jeder Flugzeugbesatzung, die derzeit unterwegs ist, nur den Hut ziehen. „Die Kolleginnen und Kollegen da draußen, die fliegen, die leisten wirklich Großartiges. Die kämpfen wirklich an der Front. Es wird ihnen schon sehr viel abverlangt. Sie fliegen zum Teil über viele Stunden, durch verschiedene Zeitzonen, mit einer anderen Sauerstoffversorgung als am Boden, und das alles immer unter der Maske. Und dann der Service an Bord, der immer weiter hochgefahren wird, anstatt ihn zu reduzieren. All das macht psychisch mürbe.“

„Ich wünsche mir, dass alle sich impfen lassen“

Trotz aller Probleme und Bedenken: Alle Flugbegleiter, die in diesem Artikel zu Wort gekommen sind, wollen nicht aufgeben. Im Gegenteil: Sie lieben ihren Job und können es kaum erwarten, bis endlich wieder Normalität einkehrt. Lufthansa-Flugbegleiter Kevin Louwarts ist aber in jedem Fall froh, in Deutschland und nicht woanders zu arbeiten. „Es gibt so viele Länder und Airlines, wo man keine richtigen Arbeitsrechte hat, wo es keine Personalvertretung gibt und wo die Bezahlung einfach grottig schlecht ist.“ Von seinem Arbeitgeber fühlt er sich ausreichend unterstützt. „Es gibt eine Angstklausel. Wenn wir in ein bestimmtes Land nicht fliegen wollen, dann können wir auch von einem Flug zurücktreten“.

Die Chef-Flugbegleiterin sagt zum Abschluss unseres Gesprächs: „Wenn ich mir persönlich etwas wünschen darf, dann würde ich mir wirklich wünschen, dass alle Menschen sich impfen lassen. Dass alle Menschen sich regelmäßig testen lassen. Dass man Rücksicht nimmt auf die anderen. Nur so kommen wir aus dieser Pandemie wieder raus.“