Nur Schiffswracks erinnern an Flüchtlingskrise

Auf Lampedusa boomt der Tourismus wieder

Die Bucht Cala Pulcino auf Lampedusa
Lampedusa war vor allem in Zusammenhang mit Flüchtlingen in den Medien. Jetzt boomt der Tourismus auf der Insel.
Foto: Getty Images

Alle Augen richten sich gerade auf das sizilianische Catania, wo gerettete Migranten ihr Schiff nicht verlassen dürfen. Eine Flugstunde entfernt liegt mit Lampedusa ein früherer Brennpunkt der Flüchtlingskrise. Inzwischen boomt der Tourismus auf der Insel wieder, auf der nur noch Schiffwracks an die schwere Zeit erinnern.

Die Wracks gammeln teils seit Jahren vor sich hin und sind Zeugen der Flüchtlingskrise, die das Schicksal der italienischen Insel so stark geprägt hat wie kaum einen anderen Ort in Europa.

Schiffswrack auf Lampedusa

Mit solchen Holzbooten waren Tausende Flüchtlinge nach Lampedusa übergesetzt
Foto: Getty Images

Lampedusa war Hauptanlaufziel von Migranten aus Afrika

Lampedusa ist ein etwa acht Kilometer langer sonnenverbrannter Fleck Europa im Mittelmeer vor dem afrikanischen Kontinent – nur etwa 80 Seemeilen von Tunesien entfernt. Wegen dieser Lage wurde die sizilianische Insel mit ihren etwa 5000 Einwohnern zum Hauptanlaufziel von Migranten aus Afrika. Nach dem Arabischen Frühling 2011 kamen auf einmal Zehntausende an.

Bei einem Flüchtlingsbootsunglück im Oktober 2013 waren mehr als 360 Menschen ums Leben gekommen und Lampedusa erlangte weltweit eine traurige Berühmtheit.

Der Papst war hier und warf einen Blumenkranz ins türkise Wasser, Politiker aus ganz Europa beklagten hier das Versagen der jeweils anderen Politiker in der Migrationskrise, die Insel galt sogar als Anwärter für den Friedensnobelpreis, und die einstige Bürgermeisterin Giusi Nicolini wurde von Barack Obama im Weißen Haus empfangen. Der Lampedusa-Film „Fuocoammare“ (Seefeuer) gewann 2016 bei der Berlinale den Goldenen Bären.

Von Migranten ist hier allerdings mittlerweile kaum mehr etwas zu sehen. Wie in ganz Italien sind die Ankünfte wegen des verschärften Kurses der Regierung in Rom drastisch zurückgegangen. „Es kommen viel weniger Leute an, manchmal ein paar Tunesier mit Booten am Strand“, sagt Francesco Ferri, der das Menschenrechtsprojekt „In Limine“ auf Lampedusa mitbetreut. Der Hotspot, also die Erstaufnahmestelle, in der Flüchtlinge registriert werden, ist nach einem Brand und Berichten über miserable Unterbringung derzeit teilweise geschlossen.

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Die Insel wird zum Touristenhotspot

Lampedusa verwandelt sich so von einem Migranten- zu einem Touristenhotspot. „Letztes Jahr war ein Rekordjahr“, sagt Bürgermeister Salvatore Martello. Nachdem die Urlauberzahlen in Hochzeiten der Flüchtlingskrise eingebrochen waren, zieht das Geschäft jetzt wieder an. Zwar entsteht hier sicher kein neues Mallorca, denn deutsche Urlauber sind rar. Aber Hotelbetreiber sind dennoch froh. Ein Urlauberpaar aus Norditalien erklärt, man habe ihnen versichert, dass „von denen“ – also den Migranten – mittlerweile niemand mehr zu sehen sei.

Man erzählt sich auf der Insel, dass vor Jahren ein Hotelier ins Gespräch gebracht hatte, einen Strand nur für Migranten zu öffnen – damit die Urlauber nichts von der Krise mitbekommen. Doch das ist nicht mehr nötig, denn die Flüchtlinge sind jetzt anderswo in Europa.

Statt Flüchtlingsbooten sind nun vor allem Touristenboote auf dem kristallklaren Wasser unterwegs, forschen in den Buchten nach Meeresschildkröten – so etwas wie das Wappentier Lampedusas. An den Stränden erkennt man den weißen Sand vor lauter Sonnenschirmen und Sonnenliegen nicht mehr. Auf dem Meer schaukeln die Boote der italienischen Küstenwache sachte in der Mittagssonne. Sie haben wenig zu tun.

Die Einwohner seien froh, dass sie nicht mehr im Zentrum des Medieninteresses stünden, sagt Bürgermeister Martello. Aber auch ihm ist klar, dass sich die Lage jederzeit wieder drehen kann und die Migranten wieder auf Lampedusa landen könnten.

Der Tourismus hat zwar wegen der Migration lange Einbußen gehabt, gleichzeitig profitierte die Insel in gewisser Weise auch davon. So sind selbst im Winter Besucher da: Leute von NGOs, Übersetzer, Militärs, Polizisten und Behördenmitarbeiter. Und auch politisch interessierte Urlauber erkunden diesen symbolischen Ort.

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Kaum etwas erinnert an die Flüchtlingskrise

Doch Mahnmale oder Gedenkorte sind schwer zu finden und kaum in Touristenkarten verzeichnet. „Auf Lampedusa müsste es eigentlich ein Museum für Migration geben“, sagt Antonino Taranto, der ein kleines historisches Archiv auf der Insel betreibt. Doch die Einwohner und die Kommune wollten dieses Erbe nicht annehmen. Hier sei man einzig an „Autovermietungen und neuen Bars“ interessiert, sagt Taranto.

Wo der „Garten der Erinnerung“ zu finden ist, in dem nach dem Schiffsunglück vom 3. Oktober 2013 für jedes der 366 Opfer ein Baum gepflanzt wurde, steht nirgends geschrieben. „Man fragt sich schon, wie es möglich ist, dass man einen Ort der Erinnerung vergessen kann“, so Taranto spöttisch. Aber dafür gibt es ja noch den Schiffsfriedhof. Taranto nennt ihn schlicht: Den „Friedhof der Erinnerung“.

 

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