Covid-19 and Peace Report

So wirkt sich Corona auf den Frieden in der Welt aus

Weltkugel mit Maske
Die Corona-Pandemie hat die Welt 2020 fest im Griff – das Institute for Economics and Peace wagt erste Prognosen
Foto: Getty Images

Die Macher des jährlichen Global Peace Index haben einen Bericht herausgegeben, in dem sie die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Welt, besonders hinsichtlich der Sicherheitslage und der ökonomischen und sozialen Folgen, darstellen. TRAVELBOOK fasst die Ergebnisse zusammen.

„2020 sieht sich die Menschheit einer der ernstesten Krisen der jüngsten Geschichte gegenüber”, schreibt das Institute for Economics (IEP) in seinem Covid-19 and Peace Report aus dem Juni 2020. Die Corona-Pandemie brach Ende 2019 in Wuhan, China, aus und verbreitete sich bis Anfang 2020 über den gesamten Erdball. Bis Ende Mai 2020 starben rund 370.000 Menschen weltweit an dem Virus. Zahlreiche Regierungen antworteten auf die Krise mit Quarantäne-Maßnahmen wie sozialer Isolation und der Schließung zahlreicher Geschäfte. Die Folge ist ein weltweiter Wirtschaftseinbruch.

Reaktions- und Anpassungsfähigkeit bestimmen, welche Länder in diesem Zeitraum am besten abschneiden”, glauben die Autoren, die davon ausgehen, dass durch die Pandemie langjährige sozioökonomische Entwicklungen mehrerer Länder rückgängig gemacht, humanitäre Krisen und möglicherweise auch Unruhen und Konflikte verschärft werden. Sie stützen ihre Erkenntnisse auf Wirtschaftsdaten und Prognosen, die im Mai 2020 verfügbar waren. 

Bestehende Probleme werden durch Krise verstärkt

Die Welt ist bereits im vergangenen Jahr merklich unfriedlicher geworden. Das ergab der Global Peace Index 2020, Travelbook berichtete. „Die 2020er Pandemie hat gezeigt, wie vernetzt, fragil und komplex das globale sozioökonomische System ist”, heißt es im Bericht. „Innerhalb weniger Wochen brachen die globalen Reise- und Handelssysteme zusammen, soziale Normen änderten sich radikal, Rechte und Freiheiten, die für selbstverständlich gehalten wurden – wie Freizügigkeit und Vereinigungsfreiheit – wurden widerrufen und soziale Werte neu ausgerichtet.” Der Welt fehle eine glaubwürdiger Ansatz, mit einer solchen Krise umzugehen, glaubt das IEP. Entsprechend sei es sehr wahrscheinlich, dass mit der Unsicherheit, den Folgen des Virus und daraus resultierenden wirtschaftlichen Verlusten, der Fokus auf Probleme gerichtet werde, die ohnehin schon unter der Oberfläche schwelten. Etwa soziale Ungleichheiten, schlechte Arbeitsbedingungen in Industrieländern und Entfremdung vom politischen System. 

Das sind die Ergebnisse des Reports kurz zusammengefasst:

  • Die Welt wird voraussichtlich in den meisten GPI-Bereichen – Sicherheit, anhaltende Konflikte und Militarisierung – nachlassen, also weniger friedlich werden. Ausnahme sind bloß die Militärausgaben, deren Ressourcen wahrscheinlich vermehrt in die Wirtschaft fließen werden.
  • Der Flugverkehr ist der sozioökonomische Faktor, der am engsten mit den Infektionszahlen von Covid-19 in Verbindung steht. Die USA, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien haben einige der höchsten Flugverkehrszahlen der Welt.
  • Bis Mai 2020 sank die weltweite Reisekapazität im Vergleich zum Dezember 2019 um rund 70 Prozent.
  • Die Krise hat zu Spannungen zwischen den USA und anderen Ländern wie China geführt, etwa über den Handel oder die Herkunft des Virus. Derartige Stimmungen werden voraussichtlich mit anhaltenden Wirtschaftsproblemen zunehmen.
  • Die Pandemie beleuchtet die globale Abhängigkeit von China hinsichtlich der Herstellung vieler Produkte. Als Reaktion zahlen Japan und Indien Firmen den Umzug aus China – die wahrscheinlich besonders den asiatischen Nachbarländern zugute kommen werden – und die USA planen mehr Fabriken im eigenen Land.
  • Europa muss mit mehr politischer Instabilität rechnen, das umfasst auch Ausschreitungen und Generalstreiks.
  • Werden die Budgets für Auslandshilfen gekürzt, werden besonders fragile und konfliktgeschüttelte Länder wie Liberia, Afghanistan, Burundi und Südsudan betroffen sein.
  • Schulden zurückzuzahlen wird mit schwächer werdenden Volkswirtschaften schwieriger. Länder mit ohnehin schlechter Bonität, wie Brasilien, Pakistan, Argentinien und Venezuela, werden Schwierigkeiten haben, mehr Geld zu leihen. Durch die Kombination aus Verschuldung und weniger Aktivität dürfte die Armut steigen und damit einhergehend die politische Instabilität und Zahl der gewaltsamen Proteste.
  • Durch nachlassende Aktivitäten in Handel, Reisen und Industrie ist weltweit der Ölpreis eingebrochen. Das wird einen Effekt auf die politischen Regime in Nahost haben, allen voran Saudi-Arabien, Irak und Iran. Kehren die Preise nicht auf ihr ursprüngliches Level zurück, könnte das zum Zusammenbruch der Schieferöl-Industrie in den USA führen.
  • Zahlreiche Länder werden Schwierigkeiten bekommen, teure Interventionen zu bezahlen. Beispiele sind Saudi-Arabiens Unterstützung im Jemen oder die türkische und russische Unterstützung in Syrien. Durch die Pandemie könnte es für den Irak schwerer werden, Aufstände des Islamischen Staats zu bekämpfen.
  • Iran rechnet mit einer Verschlechterung seiner inneren Sicherheit und fürchtet, dass das die Sanktionen der USA gegen das Land noch verschärft.
  • Die Pandemie und die schwachen Ölmärkte haben die Krise in Venezuela verschärft. Außerdem schlossen Kolumbien, Brasilien und andere Länder ihre Grenzen, so dass schutzbedürftige Venezuelaner noch mehr in Not gerieten.
  • Die Nahrungsmittelknappheit in vielen afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern wird wahrscheinlich zunehmen.
  • Der Drogenhandel und andere Formen der Kriminalität sind mit der sozialen Isolation weltweit temporär zurückgegangen. Häusliche Gewalttaten, Selbstmorde und psychische Erkrankungen haben jedoch zugenommen.
  • Das Wachstum des weltweit durchschnittlichen Bruttoinlandsprodukts für 2020 wurde wegen der Pandemie von 2,9 auf minus drei Prozent gesenkt. Auch pro Kopf wird das BIP zurückgehen. Für die Industrieländer wird ein BIP-Rückgang von sechs Prozent vorausgesagt. Zahlreiche Haushalte in den Entwicklungsländern werden dann unterhalb der Armutsgrenze liegen.
  • Als Folge von Geschäftsschließungen und Isolation sind die Arbeitslosenzahlen rasant angestiegen.

Bestehende Konflikte durch Isolation kurzzeitig verbessert, Gewalt verlagert

Als Konsequenz der Isolationsmaßnahmen sind Ausschreitungen und Kämpfe überall auf der Welt kurzzeitig zurückgegangen. Das IEP geht aber davon aus, dass das nur eine temporäre Erscheinung ist. So wurden etwa die Demonstrationen in Kolumbien und Venezuela durch auferlegte Sperren unterbrochen. Auch in Russland und Eurasien gab es weniger Aktivitäten, verhinderten die Restriktionen viele geplante Ereignisse. Russland verschob etwa das geplante Referendum zur Verlängerung von Putins Amtszeit.

Das IEP ist sicher, dass die weltweiten Protestaktionen durch die Bewegungseinschränkungen gedämpft werden, die politischen und sozialen Spannungen aber bestehen bleiben, teilweise sogar verstärkt werden. „Mit steigenden wirtschaftlichen Folgen und zunehmender Gewöhnung der Menschen an COVID-19 wird sich der zehnjährige Trend zu vermehrten Demonstrationen, Unruhen und Generalstreiks wahrscheinlich verstärken”, heißt es im Report.

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Auch hinsichtlich der Gewaltmuster hat Covid-19 Einfluss. So sind etwa die Kriminalitätsraten gesunken, waren Angriffe, Überfälle, Kämpfe und andere Gewaltverbrechen in Zeiten sozialer Isolation nicht mehr so einfach möglich. Auch der Drogenhandel ist in vielen Städten zurückgegangen. In den USA haben Drogengangs sogar einem Waffenstillstand zugestimmt, damit die Krankenhausbetten für Covid-19-Patienten frei bleiben. Auch Autounfälle und Schlägereien sind weniger geworden. Gleichzeitig haben als Reaktionen auf die Beschränkungen und den psychologischen Stress aber eben die Fälle häuslicher Gewalt und Gewalt gegen die eigene Person zugenommen.

In Lateinamerika hat die Macht der Drogenkartelle durch die Pandemie sogar noch zugenommen. Gerade an Stadträndern, wo der Staat ohnehin kaum sichtbar ist, da die Polizei zur Kontrolle der Abstandsregeln in die Stadtzentren und Vororte gerufen wurde. Teilweise sorgten die kriminellen Organisationen sogar dafür, dass die soziale Isolation eingehalten wurde.

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Gleichzeitig steigen offenbar die Formen der Kriminalität im Internet während der Pandemie. Laut dem Bericht nutzen mehr Menschen das Internet zur Informationsbeschaffung und für Einkäufe, das machen sich Cyber-Kriminelle zunutze. Google beobachtete allein eine 350-prozentige Zunahme an Phishing-Websites, also Fake-Seiten, mit denen Benutzerdaten abgefangen werden. Ähnliches berichten andere Tech-Unternehmen.

Mehr Hungernot

Die Food and Agriculture Organisation (FAO) der Vereinten Nationen warnt laut IEP vor einer „Krise in der Krise”: verstärkte Hungersnöte in einigen der fragilen Länder, zusätzlich zur Gefahr der Infektion mit Covid-19. Rund 113 Millionen Menschen in 53 Ländern waren schon vor der Pandemie nicht in der Lage, sich vernünftig zu ernähren. Besonders zahlreiche afrikanische und lateinamerikanische Länder hatten schon vor der Pandemie mit einer unsicheren Nahrungsmittelversorgung zu kämpfen. Es wird davon ausgegangen, dass die Situation durch die Krise verschlimmert wird. Besonders besorgt ist das FAO über die Lage in der Sahelregion, der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo und im Südsudan sowie in Afghanistan, Haiti, Syrien und Myanmar.

In diesen 15 Ländern war die Versorgung mit Lebensmitteln vor der Krise am unsichersten:

99. Sudan
100. Angola
101. Zambia
102. Togo
103. Haiti
104. Malawi
105. Mosambik
106. Sierra Leone
107. Syrien
108. Madagaskar
109. Tschad
110. Demokratische Republik Kongo
111. Jemen
112. Burundi
113. Venezuela

In diesen 15 Ländern gab es 2019 die größte Lebensmittelsicherheit:

1. Singapur
2. Irland
3. USA
4. Schweiz
5. Finnland
6. Norwegen
7. Schweden
8. Kanada
9. Niederlande
10. Österreich
11. Deutschland
12. Australien
13. Katar
14. Dänemark
15. Belgien

Wirtschaft und Frieden entscheidend für Erholung

Neben dem Global Peace Index gibt das Institute for Economics and Peace auch den Positive Peace Index (PPI) heraus. Mit ihm werden die Einstellungen, Institutionen und Strukturen, die friedliche Gesellschaften schaffen und aufrechterhalten, gemessen. Der Index dient als Leitlinie, die zeigt, wie sich die Friedlichkeit der Länder entwickelt, wie widerstandsfähig sie gegen etwaige Krisen und wie ihre langfristigen Erholungsaussichten sind. 

Das IEP geht davon aus, dass sich auch diese Friedens-Säulen durch die Pandemie verschlechtern werden. Besonders von der Krise betroffen sieht es die guten Beziehungen zu Nachbarstaaten und solide Geschäftsumfelder. Länder, die hier vor der Krise gute Leistungen zeigten, haben laut dem Institut die größte Wahrscheinlichkeit, sich schnell zu erholen. Besonders wichtig, um die Effekte der Viruskrise abzumildern, sind dagegen eine gut funktionierende Regierung und ein hohes Level an Humankapital.

Neben dem positiven Frieden sind auch günstige wirtschaftliche Bedingungen vor der Pandemie ein wichtiger Faktor zur Erholung der Länder. Dazu gehören niedrige Verschuldungsraten und Arbeitslosenquoten sowie geringfügigere Steuereinnahmen im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt (um Möglichkeiten zur Steuererhöhung zu bieten) und eine geringe Abhängigkeit von internationalem Handel. Die günstigsten wirtschaftlichen Vor-Krisen-Voraussetzungen zeigen China auf Platz eins, gefolgt von Indonesien, Russland, Mexiko und Australien. Deutschland liegt im Weltvergleich auf Platz 20. Am besten erholen werden sich laut IEP jedoch die Staaten, die gute Wirtschaftsbedingungen und ein hohes Level an positivem Frieden zeigen – etwas, das in vier der Top fünf (Ausnahme: Australien) nicht vorhanden ist. Deutschland steht beim PPI auf Platz 11.

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Das IEP geht davon aus, dass Pandemie und wirtschaftliche Krise die Handlungsweise einiger Länder grundlegend verändern wird. Das Institut ist sicher, dass der Fokus auf Langzeit-Initiativen zur Stärkung des positiven Friedens helfen wird, ein dynamisches und erfolgreiches soziales System zu schaffen, das zukünftige Krisen besser bewältigen kann.