„Killing Tree”

Die furchtbare Geschichte hinter diesem Baum in Kambodscha

Killing Tree
Der Killing Tree in Kambodscha bringt Menschen mit seiner grausamen Geschichte zum Weinen
Foto: Getty Images

TRAVELBOOK-Autorin Anna Wengel hat die Killing Fields und das ehemalige Gefängnis S-21 in Kambodscha besucht. Die fürchterliche Geschichte dieser Orte hat sie zu Tränen gerührt. Ganz besonders der Baum, der „Killing Tree“ genannt wird. Er steht in Choeung Ek wie ein baumgewordenes Symbol für die Gräueltaten der Roten Khmer, die von 1975 bis 1979 etwa 1,7 bis 2,2 Millionen Kambodschaner töteten.

Schwindel. Ekel. Fassungslosigkeit. Tiefe Trauer. Wer hätte gedacht, dass ein Baum diese Gefühle auslösen kann?

 ”Killing Tree against which executioners beat children” (zu Deutsch etwa: Mörderbaum, gegen den Henker Kinder schlugen). Diese Geschichte erzählt auch der Audioguide. Mit mehr Worten, auch wenn ich mich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnere. Die Stimme in meinem Ohr sagt in etwa: „Sie kommen jetzt zu einem großen Baum zu Ihrer Rechten. Auch Kinder und Babys waren unter den Gefangenen. Sie wurden am Killing Tree zum Schweigen gebracht. Mit dem Kopf gegen den dicken Baumstamm geschlagen. Bis sie aufhörten zu schreien. Und zu atmen.“

Tränen schießen mir in die Augen. Rinnen über meine Wangen, tropfen auf den Weg unter mir, versiegen erst einmal nicht. Ich setze mich hin. Kann den Blick nicht von dem Baum abwenden. Mir ist schlecht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich heute so fühle. Es wird nicht das letzte Mal sein.

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„Killing Tree“ auf Kambodschas größtem Killing Field

Der „Killing Tree“ steht 17 Kilometer südlich von Phnom Penh auf den Killing Fields in Choeung Ek. In der Nähe steht ein Schaukasten unter einem anderen Baum. Kleidung liegt darin übereinander geschichtet. Es ist die Kleidung verstorbener Kinder und Erwachsener, deren körperlichen Überreste mit Tausenden anderen unter der Erde verwesen. Mehr als 17.000 Menschen wurden während der Herrschaft Pol Pots und seiner Roten Khmer genau hier umgebracht. Wieso, wussten viele von ihnen nicht.

Sie trugen Brillen, konnten eine Fremdsprache, wurden so als Teil der Bildungsschicht erkannt und ausgerottet. Vermutete Feinde der Regierung des „Demokratischen Kampucheas“, wie Pol Pot das Land nannte.

„Nach starken Regenfällen kommt es vor, dass Knochen und Kleidungsstücke in der Erde zu sehen sind”, erzählt die Stimme. Automatisch schaue ich genauer hin. Suche die Erde mit dem Blick nach Knochenstücken ab. Erst kürzlich hat es geregnet. Tatsächlich kommen hier und da kleine Stofffetzen aus der Erde.

Über und um die Erdschichten herum führen Holzstege und angelegte Wege. Ein See liegt hinter der Szenerie aus Mörderbaum und Massengräbern. Eine Bank steht davor. Einige Massengräber sind von Bambusstangen umzäunt, an denen Besucher zahlreiche bunte Armbänder befestigt haben. Tafeln informieren über die Zahl der Toten, die hier liegen. Eins dieser Gräber liegt direkt neben dem Baum.

Choeung Ek Massengrab

An vielen Massengräbern in Choeung Ek haben Besucher Armbänder befestigt
Foto: Getty Images

Überreste von Menschen überall

Die Stimme führt mich weiter. Meine Füße bewegen sich auf dem Weg, meine Gedanken bleiben vor dem Baum. Kaum kriege ich mit, was die Stimme erzählt. Zu real sind die Bilder in meinem Kopf. Zu brutal diese Geschichte.

Gedankenversunken erreiche ich das Ende der Führung. Trete barfuß in das Innere einer großen weißen Stupa – einem Gebäude, das Buddha und seine Lehre symbolisiert. Die Schuhe bleiben draußen. Eine riesige Glassäule steht hier. Bis unter die Decke voll mit tausenden Totenköpfen. Augenlose Höhlen starren mich an. Kleine bunte Punkte kennzeichnen sie als Männer, Frauen, Mädchen und Jungen verschiedener Altersstufen. Es ist still. Beängstigend irgendwie und dann auf eine irritierende Art beruhigend. Ich kann den Blick nicht von den Köpfen abwenden. Viele Minuten bleibe ich in dem Stupa. Die Ruhe tut gut.

Choeung Ek Killing Fields

Tausende Totenköpfe werden in einer Glassäule im Gedenk-Stupa in Choeung Ek aufbewahrt und den Besuchern der Killing Fields gezeigt
Foto: Getty Images

Vom S-21 auf die Killing Fields

Es sind nicht die ersten Totenköpfe, die ich heute sehe. Meine Zeitreise in Kambodschas jüngste Geschichte begann Stunden vorher im Tuol-Sleng-Genozid-Museum in Phnom Penh. An dessen Kassenhäuschen klebt ein Schild. „No Pokémon” steht da. Genauso wie viele andere kleine Warnungen. Das Museum ist ein ernsthafter Ort. Ein Ort des Gedenkens, der Erinnerung, des Schreckens. Das Tuol-Sleng-Genozid-Museum ist das ehemalige Gefängnis S-21 der Roten Khmer. Schauplatz von Verzweiflung, Folter und Tod. Pol Pot, Kaing Guek Eav, bekannt als Gefängnisleiter Duch, und ihre Gefolgsleute sperrten hier während ihrer Herrschaft 12.000 bis 20.000 Menschen ein. Viele ermordeten sie schon hier, viele andere wurden auf die Killing Fields vor der Stadt gebracht. Die Betreiber des heutigen Museums wissen von lediglich zwölf Überlebenden des S-21. So steht es auf dem Infozettel, den ich am Eingang bekomme.

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Mit einer riesigen Gruppe anderer Touristen und einem anderen Audioguide auf den Ohren, laufe ich durch die dreistöckigen Gefängnisblöcke und über den sonnengetränkten Vorplatz. Sehe Folterinstrumente und Bilder, wie sie benutzt wurden. Zellen, in denen sich ein Mensch gerade mal hinsetzen, kaum hinlegen kann. Blutspuren auf dem Boden. Stellwände voll mit Infos und Fotos. Fotos von Frauen, Männern und Kindern. Gefängnisinsassen, die hier gestorben sind. Fotos von Menschen mit offenen Augen, die gerade gestorben sind. Schädel von Toten. Unaufhörlich erzählt die Stimme in meinen Ohren, welche Gräueltaten an diesem Ort verübt wurden und wie die Menschen sich dabei gefühlt haben. Bis sie nichts mehr fühlten.

Kambodscha hat sich verändert

Wie paralysiert trete ich am Ende des Tages wieder ins Jetzt. Das heutige Kambodscha. Das kann nicht loslassen. Erinnert sich und alle die zuhören ständig an seine grausige Geschichte. Museum und Massengräber sind Mahnmale dafür, wie brutal Menschen sein können. Dafür steht auch der „Killing Tree“. Ein Symbol unglaublicher Brutalität. Und ihres Überwindens. Denn so gezeichnet Kambodscha ist, das Land mit seinen vielen warmherzigen Bewohnern hat sich verändert. Auch dafür steht der Baum.