7 Stunden – und nichts passiert

Der langweiligste Bord-Film der Welt?

British Airways erweitert sein Entertainment-Programm an Bord: um einen siebenstündigen Film, in dem nichts weiter geschieht, als dass sich ein Zug durch die norwegische Landschaft bewegt. Wer jetzt sagt, das sei ja wohl das langweiligste Bord-Video der Welt, hat noch nichts von Slow TV gehört – dem womöglich neuesten Trend über den Wolken. TRAVELBOOK zeigt den Film in voller Länge.


Gehören Sie auch zu denen, die im Flieger immer zuerst das Bordprogramm checken, sich durch die Blockbuster klicken und kalkulieren, wie viele Filme sie wohl schaffen in den paar Stunden Flugzeit? Dann dürften Sie jetzt, sofern Sie British Airways fliegen, bei einem der angebotenen Filme ins Stutzen kommen. Denn dieser Film dauert geschlagene sieben Stunden – und weitere Filme dürften Sie daneben wohl kaum schaffen.

Aber was passiert in dem XXXXL-Movie? Zugegeben: nicht viel. Zu sehen ist nämlich das, was der Lokführer im Führerstand des Zuges zu Gesicht bekommt, der von Bergen nach Oslo fährt. Also: sehr viel Landschaft, manchmal ein paar Menschen. Sehr oft aber auch: einfach nichts. Denn die Strecke führt durch diverse Tunnel – und dann gucken Zuschauer wie Lokführer minutenlang in die Röhre.

Männer, die auf Schienen starren... dürfen dabei einschlafen

Männer, die auf Schienen starren… dürfen dabei einschlafen. Foto: getty

Und es ist ja nicht so, dass die Sendezeit dann genutzt wird, um Informationen zu vermitteln, oder zumindest den Zuschauer mit sanften Melodien einzulullen. Nein, das einzige, was man zu hören bekommt, sind das monotone Klacken der Räder auf den Gleisen, ab und an ein paar Stimmen von Passagieren (dann allerdings im unverständlichen Norwegisch) sowie die Ansage der nächsten Haltestelle – der man bei Ortsnamen wie Geilo in Verbindung mit einer niedrigen persönlichen Humorschwelle zumindest noch einen gewissen Unterhaltungswert abgewinnen kann.

Doch wer soll sich das anschauen? Im Zweifelsfall: die Norweger. Denn die lieben solche Filme. Als im Juni 2011 die Reise auf einem Postschiff der Hurtigruten in der längsten TV-Sendung der Welt live übertragen wurde – in 134 Stunden Sendezeit! – guckten 3 Millionen Norweger zu, bei insgesamt ohnehin nur 5 Millionen Einwohnern eine unfassbar hohe Einschaltquote. Und auch als man die siebenstündige Bahnfahrt, die bald im Flieger zu sehen sein wird, im norwegischen Staatsfernsehen zeigte, schalteten mehr als eine Million ein.

Für alle, die es lieber etwas kürzer mögen, hier die 134 Stunden Hurtigruten zusammengefasst in 33 Sekunden:

Die Entdeckung der Langsamkeit im Doku-Genre hat inzwischen auch einen griffigen Namen: Slow TV. Wie Slow Food. Oder Slow Travel. Und Norwegen ist für Slow TV in etwa das, was Hollywood für den Blockbuster ist. Das Erfolgsrezept: lange Sendezeit, Langeweile und höchst ereignisarme Plots à la ‚Ein Feuer brennt‘, ‚Ein Pullover wird gestrickt‘, ‚Menschen spielen Schach‘.

Und Slow TV ist nicht nur was für Norweger. Auch andere Nationalitäten dürften den Film lieben lernen, glauben die Verantwortlichen für das Bordprogramm bei British Airlines: nämlich Menschen, die sonst auch stundenlang auf die Flugroute starren und es offenbar gar nicht langweilig finden, dem stilisierten Flugzeug dabei zuzusehen, wie es sich im Schneckentempo über den Screen schiebt.

Die schönste Eisenbahnstrecke der Welt

Weitere Zielgruppen: Menschen, die auch Fototapeten mögen. Bahnliebhaber natürlich. Und: Schlafwillige, die nur vor dem laufenden Fernseher wegdösen können – aber denen zu viel Aufregung den Schlaf raubt. Eine hypnotische und beruhigende Wirkung erwünscht man sich denn vom Slow TV, das man mit dem 7-Stünder nun erstmals an Bord bringt. Und dass man bei dem Film über die Zugfahrt von Bergen nach Oslo wunderbar wegdösen kann, glaubt man sofort – oder spätestens in dem Moment, als die Bahn den ersten Tunnel passiert (und das geschieht bereits in der zweiten Minute).

Dabei lohnt es sich durchaus, wach zu bleiben. Denn die Strecke zwischen Bergen und Oslo gehört zu den beeindruckendsten, die man auf Schienen zurücklegen kann, für den Reiseführer „Lonely Planet“ ist die Bergenbahn gar die „schönste Eisenbahnstrecke der Welt“. Durch atemberaubende Landschaften schlängelt sie sich und hinauf bis auf 1222 Metern Höhe: In ganz Europa gibt es keine höher gelegene städteverbindende Bahnstrecke. Am imposantesten ist der Abschnitt über die Hardangervidda, die mit rund 8000 Quadratkilometern größte Hochebene Europas.

Auf der Hardangervidda

Auf der Hardangervidda. Foto: getty

Auch die Geschichte ist imposant. 34 Jahre dauerten die Bauarbeiten an der Strecke, über 15.000 Arbeiter waren hier beschäftigt – und mussten jeden der 182 Tunnel mühsam durch das Felsgestein graben und sprengen. Allein sechs Jahre brauchte man für den Tunnel bei Gravhals. Und als die gesamte Strecke 1909 für den Personenverkehr freigegeben wurde, sagte der damalige König Haakon, dass Bergensbanen das ingenieurtechnische Meisterwerk Norwegens seiner Generation sei.

Und die Landschaft kann übrigens nicht nur langatmige Filme hervorbringen: Hollywood-Regisseur George Lucas drehte hier einst Teile von „Star Wars“, etwa in „Das Imperium schlägt zurück“, jene Schneeszenen, die auf dem fiktiven Planeten Hoth spielen.

Übrigens müssen Sie keinen Langstreckenflug bei British Airways buchen, um in den Genuss des siebenstündigen Films zu kommen. Klicken Sie einfach oben auf das Video – und folgen Sie der Bergenbahn auf ihrem Weg nach Oslo!

Folgen Sie TRAVELBOOK auf: Facebook | Twitter | Google + | Instagram | Pinterest

Themen