Kennen Sie die „Jeju Island“?

Das ist die meistgeflogene Flugroute der Welt

Alle acht Minuten startet ein Flugzeug auf der begehrtesten Flug-Route der Welt
Alle acht Minuten startet ein Flugzeug auf der begehrtesten Flug-Route der Welt
Foto: Getty Images

Immer mehr Leute auf der Welt machen Flugreisen, die Flugzeuge werden immer voller und die Strecken immer begehrter. Dabei sticht eine Route in Asien ganz besonders hervor. Hier starten die Flugzeuge tatsächlich im Minutentakt – und ihr Ziel ist keine Metropole wie Hongkong, Tokio oder Peking, sondern die Insel Jeju Island. TRAVELBOOK erklärt, was diesen Ort so besonders macht und welches dunkle Geheimnis sich hinter der Fassade verbirgt.

Die verkehrsreichste Flugroute der Welt wurde bekannt gegeben – und kaum jemand kennt den Zielort. Oder haben sie schon einmal von Jeju Island gehört? Wenn nicht, ist das nicht schlimm, denn immerhin liegt die Insel nicht gerade um die Ecke, sondern in Südkorea.

Auf Platz zwei folgte die Route vom Melbourne nach Sydney (Australien) mit 8,9 Millionen Passagieren, Platz drei belegt die Strecke von Saporo nach Tokio (Japan) mit 8,7 Millionen Passagieren. Von den 100 verkehrsreichsten Flugrouten waren übrigens mehr als 70 Prozent in Asien.

Doch es bleibt die Frage: Warum führt ausgerechnet die Strecke nach Jeju Island die Liste an und nicht eine Route nach Tokio, Hongkong oder Peking?

Jeju-Island gilt als DIE Flitterwochen-Insel – mit grausiger Vergangenheit

Das Eiland ist besonders bei Einheimischen ob seiner Schönheit sehr beliebt und wird mittlerweile auch „Honeymoon Island“ genannt, die Flitterwochen-Insel. Doch nur die Wenigsten, die Jeju besuchen, wissen von den Gräueln, die in der Vergangenheit hier passiert sind – dabei beginnt der Schrecken quasi schon bei der Ankunft, denn direkt unter der Landebahn befindet sich ein Massengrab.

Was Ausgrabungen im Jahr 2007 laut der „Washington Post“ zutage förderten, war das Zeugnis eines Dramas, dass die koreanische Regierung angeblich für 60 Jahre zu vertuschen versuchte, und über das niemand auch nur zu reden wagte, der an seinem Leben hing. Auf der Insel sprechen die Einheimischen noch heute nur kryptisch von „Jeju 4·3“ – gemeint ist damit der 3. April 1948, der Tag, an dem die Geschichte von Jeju mit dem Blut zehntausender Unschuldiger neu geschrieben wurde.

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Jeju Island

Der Gwaneumsa Hiking Trail ist ein beliebtes Ausflugsziel auf Jeju
Foto: Getty Images

Das Drama beginnt bereits ein Jahr früher, als die Südkoreanische Arbeiterpartei zu landesweiten Protesten aufruft, um damit eine Wiedervereinigung des seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges formell getrennten Landes zu erreichen. Auch auf Jeju gehen die Menschen auf die Straße – die Ordnungshüter, unter der Schirmherrschaft der USA, welche damals in diesem Teil von Korea als selbsternannte Krisenhelfer intervenieren, eröffnen das Feuer und töten sechs Zivilisten, Unzählige werden gefangen genommen und gefoltert. Am 3. April 1948 stürmen daraufhin frustrierte Bürger überall auf der Insel Polizeistationen, ein Vorfall, welchen der US-Militärgouverneur Major General William F. Dean zum Anlass für einen gnadenlosen „Säuberungsprozess“ nimmt: Dean vermutet, ohne jeglichen Beweis dafür zu haben, dass die Anführer des Aufstandes die bereits damals verhassten Nordkoreaner seien.

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30.000 Tote

Jeju Island

Südkoreas Präsident Moon Jae-in verbrennt während einer Zeremonie zum 70-jährigen Jahrestag des Aufstandes Weihrauch an einer Gedenkstätte auf Jeju Island
Foto: dpa Picture Alliance

Infolge des Wahnsinns, der nun auf Jeju ausbricht, lassen nach heutigen Schätzungen etwa 30.000 Menschen ihr Leben, werden laut „Atlas Obscura“ ganze Dörfer einfach ausradiert, deren Bewohner massakriert. Militärtribunale verhängen etwa 2500 Todesurteile, nicht selten vollstreckt durch Massenerschießungen – die Opfer werden einfach in Sammelgräbern wie dem unter der Flughafen-Landebahn verscharrt. Diese grausigen Ereignisse setzen sich auch noch nach Beginn des Koreakrieges fort, 1954 ist ein Zehntel der Inselbevölkerung einfach ausgelöscht, ein Drittel geflohen. Allein zwischen 1948-49 werden auf Jeju 109 Dörfer zerstört.

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Einige, wie Gonul-dong, kann man auch heute noch besuchen – beziehungsweise das, was von ihnen übrig ist. Der Professor Tae-il Kim kommt in einer Analyse zu dem Schluss, dass es auf der Insel mindestens 154 Stellen gibt, an denen Massaker verübt wurden. Ein beeindruckendes Denkmal ist zum Beispiel das Baekjoilsonjiji, der „Friedhof der 100 Ahnen“. Auch zahlreiche Höhlen, in denen sich Aufständische und Zivilisten vor der Willkür ihrer Häscher versteckten, kann man heute besichtigen. Bis die Weltöffentlichkeit von diesen schockierenden Verbrechen erfuhr, sollte es jedoch noch bis 1988 dauern – in diesem Jahr fing Professor Kim an, als junger Reporter Überlebende dieser Zeit zu interviewen, und damit dem Drama um Jeju Island ein Gesicht zu geben.

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Von der Schreckensinsel zum Ziel für frisch Verheiratete

1992 schließlich wurden in einer Höhle die sterblichen Überreste von 11 Menschen gefunden wurden, die damals von Soldaten auf besonders grausame Weise umgebracht wurden: Am Eingang der Höhle legte man ein Feuer, so dass die Geflüchteten an dem Rauch qualvoll erstickten. Dennoch dauerte es noch einmal bis 2003, bis sich die südkoreanische Regierung offiziell für die Verbrechen entschuldigte – Jeju Island war zu diesem Zeitpunkt schon längst ein beliebtes Urlaubsziel, vor allem für Honeymooner, denn begünstigt durch einen massiven Boom der Wirtschaft in den 70er und 80er Jahren konnten sich die Leute nun den Luxus einer Reise leisten. Heute gibt es auf der Insel eine Gedenkstätte, in der die Namen, das Alter und die Herkunfts-Dörfer der identifizierten Opfer verzeichnet sind.

Jeju Island

Der Strand von Seobin Baeksa ist einer der Gründe, warum Jeju Island heute bei Hochzeitsreisenden so beliebt ist
Foto: Getty Images

Zum 70. Jahrestag der Massaker gab es noch einmal eine offizielle Entschuldigung des südkoreanischen Präsidenten, auch nachträgliche Entschädigungszahlungen sind mittlerweile auf dem Tableau. Auch gibt es Bestrebungen, die Überreste der Toten aus dem Massengrab unter der Flughafen-Landebahn zu exhumieren und deren Angehörigen zu überstellen. Damit will man endlich mit der dunklen Vergangenheit von Jeju Island abschließen und sich einer hoffentlich strahlenden Zukunft zuwenden – als Südkoreas liebster Insel für Hochzeitsreisende.