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Warum mir Venezuelas Krise auch persönlich weh tut

Massenproteste in Venezuela
Massenproteste sind in Venezuela mittlerweile an der Tagesordnung – nicht selten gibt es dabei auch Todesopfer
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Venezuela rutscht immer tiefer in die Krise, ein Ende ist nicht in Sicht. Das macht TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann auch persönlich betroffen – denn in Venezuela hat er 2013 seine ersten Backpacker-Erfahrungen gemacht. Und dabei ein wunderbares Land kennengelernt, das für ihn bis heute das schönste Südamerikas ist.

Wohl nicht viele Reisende kennen Venezuela aus eigener Erfahrung, sondern eher aus den Meldungen, die uns aus dem südamerikanischen Land erreichen. Der deutsche Botschafter Daniel Kriener wurde ausgewiesen, eine der vielen Possen von Noch-Präsident Nicolás Maduro, der mit seinem irrationalen Machterhaltungstrieb mittlerweile nur noch für Fassungslosigkeit sorgt. Wenn es überhaupt etwas Positives an der jetzigen Situation gibt, dann ist es die Tatsache, dass die Ausmaße der Krise nun die ganze Welt auf das Land blicken lassen. Allerdings könnte bei den politisch weniger Interessierten nur allzu leicht der Eindruck entstehen, die Krise in dem an Öl so reichen Land wäre über Nacht entstanden.  Venezuela war einfach lange zu weit weg für die Menschen in Deutschland.

Eigentlich ein wunderbares Land…

Nicht jedoch für mich, denn in meinem Herzen wird Venezuela immer einen besonderen Platz haben: Ich verdanke dem Land meine ersten Backpacker-Erfahrungen, die ich 2013 vergleichsweise spät mit 30 Jahren machen durfte. Selber aus Berlin und damit aus einer Großstadt kommend, werde ich nie die Ankunft vergessen, bei der wir mit dem Auto meines Freundes Pablo etwa zwei Stunden bis zu ihm nach Hause brauchten, weil ein derart unerbittlicher Stau herrschte, dass fliegende Händler wie selbstverständlich zwischen den Autos ihre Waren verkauften und Artisten Kunststücke zum Zeitvertreib vorführten – das sei übrigens jeden Tag so, sagte Pablo damals.

Venezuela

Der selbsternannte Präsident Juan Guaidó bei einem Auftritt vor Anhängern
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Karibikflair und Piranha-Angeln

Meine erste Reise innerhalb des Landes führte mich auf die bei Touristen aus aller Welt einst sehr beliebte Karibik-Insel Isla Margarita, und ich erinnere mich an Traumstrände, selbstgeangelten Fisch und eine sorglose Woche, an deren Ende ich vier Bücher gelesen hatte und so entspannt war, dass ich barfuß in den Flieger zurück einstieg. Vielen Menschen ging es auch damals schon nicht gut, aber sie machten das Beste aus der Situation und waren sehr freundlich und aufgeschlossen.

Bei meiner nächsten Tour in die riesige und unberührte Fluss- und Sumpflandschaft der Llanos, die sich bis nach Kolumbien erstreckt, häuften sich dann bereits die Anzeichen für die Krise – ich sah sie damals jedoch nicht wirklich, war ich doch vollkommen geblendet von der majestätischen Natur Venezuelas. Wenn der Guide ein Essen zubereiten wollte und dann beiläufig bemerkte, er habe keine Milch oder keine Eier bekommen, dann war das eben so, man war ja schließlich auch mitten im Nirgendwo.

Venezuela

Der Badestrand von Pampatar auf der Isla Margarita 
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Die höchste Inflation der Welt

Von vielen bitteren Wahrheiten erfuhr ich dann im Laufe der Jahre via Facebook von meinem Freund Pablo, der ebenfalls Journalist ist. Für ihn und seine Familie wurde die Lage derart unerträglich, dass sie 2018 nach Costa Rica flüchteten, wo sie heute wieder ein ruhiges Leben führen können. Danach sehnen sich auch Millionen andere Venezolaner, die ihrem Heimatland den Rücken gekehrt haben, ja kehren mussten, um zu überleben. Denn irgendwann war es soweit, dass Mütter im Supermarkt eine Geburtsurkunde vorzeigen mussten, wenn sie Windeln für ihr Baby kaufen wollten – vorausgesetzt, es gab überhaupt welche.

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Sämtliche Waren wurden immer knapper und teurer, man musste für sie oft stundenlang anstehen – der Berufszweig der „Coleros“ blühte auf, der professionellen Schlange-Steher, die ihre Plätze in einer Warteschlange dann teuer verkaufen konnten. Geld holte man bald schon mit Schubkarren von der Bank ab, denn es verlor immer weiter an Wert; die Inflation in Venezuela ist längst die schlimmste auf der ganzen Welt. Am schwersten wiegt jedoch, dass schnell jegliche Opposition unterdrückt wurde, bereits Anfang 2014 starben bei studentischen Massenprotesten zahlreiche Menschen. Wie viele es bis heute sind, die unter dem Maduro-Regime ihr Leben lassen mussten, kann man wohl nur schätzen.

Lieber hungernde Bürger als Machtverlust

Rückblickend erinnere ich mich, dass sich bereits während der zwei Monate meiner Reise die Situation für die Leute angespannt hatte, die hohe Inflation deutete sich bereits an, auf der Straße bekam ich achtmal mehr Tauschwert für mein Geld als am Bankautomaten. Irgendwann kurz vor meiner Abreise im Dezember 2013 hielt Präsident Maduro im Fernsehen eine Ansprache, in der er die Leute darum bat, die Weihnachtseinkäufe dieses Jahr doch bitte etwas früher zu machen, denn dem Staat fehlten Devisen. Pablo sagte Jahre später einmal im Scherz zu mir: „Für tausend Dollar kannst du das ganze Land kaufen.“ Leider hat sich diese Tendenz in den folgenden Jahren nur verschlimmert, sich zur humanitären Katastrophe ausgewachsen.

Das Land leidet unter einem Präsidenten, der dem eigenen Volk Hilfslieferungen vorenthalten will, aus Angst, er könne seine Autorität einbüßen. Der Millionen Bürger hungern lässt. Der blindwütig an seiner Macht festhält, und dadurch bereits unzählige Leben auf dem Gewissen hat. Wenn ich daran denke, dass unter der Situation auch Menschen leiden, die ich damals kennengelernt habe, die mit mir zusammen gereist sind und dazu beigetragen haben, dass ich eine unvergessliche Zeit hatte, tut mir die Situation noch mehr weh als ohnehin schon.

Von der Inspiration zur Inflation

Als ich das Land damals im Dezember 2013 verließ, habe ich immer gedacht, ich würde bald nach Venezuela zurückkehren, besonders nach dem sprichwörtlichen Höhepunkt der Reise, meinem Trip zum höchsten Wasserfall der Welt, dem Salto Ángel, 978 Meter pure Naturgewalt. In der Gegend um den Wasserfall wurde einst Jurassic Park gedreht, ließ sich Sir Arthur Conan Doyle zu seinem berühmten Roman „The Lost World“ inspirieren.

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Venezuela

Der Salto Ángel, der höchste Wasserfall der Welt
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In der Folgezeit war ich tatsächlich noch mehrmals in Südamerika, habe auch das einst so gefährliche Kolumbien zweimal bereist – doch jedes Mal, wenn ich jemandem von meinem Wunsch erzählte, nach Venezuela zurückzukehren, kamen als Reaktionen nichts als entsetzte Warnungen.

Das schmerzt umso mehr, als dass jene, die solche Warnungen am lautesten aussprachen, Exil-Venezolaner waren oder solche, die eben geflüchtet waren – Menschen also, die es wissen müssen, weil sie den Horror selbst durchlitten haben. Für mich ist es traurig zu realisieren, dass ein Land, dass immer einen festen Platz in meinem Herzen haben wird – für mich bis heute das schönste in ganz Südamerika –, für andere ein derartiger Schauplatz des Schreckens geworden ist. Für meinen Freund Pablo freut es mich natürlich, dass er mittlerweile wieder ein ruhiges Leben führen darf, doch an viele andere Menschen von damals denke ich immer wieder wehmütig zurück und frage mich, was wohl aus ihnen geworden ist.

Millionen Menschen leiden

Ich wünsche allen und dem Land als solchem nur das Beste, und hoffe, dass sich die Situation in Venezuela so bald wie möglich wieder normalisiert. Dazu müsste aber erst einmal Präsident Maduro abtreten bzw. abgesetzt werden, und auch das immer noch mächtige Militär endlich von seinen Pfründen abrücken. Dass dies leider wenig wahrscheinlich ist, zeigt die Tatsache, dass sich genau diese Clique trotz der aktuellen Zustände immer weiter bereichert, während das Land als solches Tag für Tag Schulden im Millionenbereich anhäuft. Das ist das Bizarre: Während Millionen Menschen leiden, führt die Elite, die sogenannten „Enchufados“ (zu Deutsch: etwa „Angeschlossene“), immer noch ein Leben in Saus und Braus.

Gegengewalt darf meiner Meinung nach keine Reaktion auf Gewalt sein, weswegen ich mich persönlich gegen eine militärische Intervention aus dem Ausland aussprechen würde, die die Krise vielleicht beenden könnte. Jedoch scheint eine friedliche Lösung in immer weitere Ferne zu rücken, selbst ein Bürgerkrieg ist längst nicht mehr auszuschließen. Nicht auszudenken, was passieren würde, machte Maduro tatsächlich seine Warnungen wahr und ließe Juan Guaidó verhaften, den selbsternannten und mittlerweile von zahlreichen Staaten weltweit anerkannten Gegenpräsidenten.

Derweil haben die meisten internationalen Fluggesellschaften längst ihre Verbindungen nach Venezuela eingestellt, und es kann sich wohl kaum jemand vorstellen, dass hier in absehbarer Zeit wieder Ruhe einkehren könnte – von der Möglichkeit, das Land irgendwann wieder als Tourist besuchen zu dürfen, ganz zu schweigen. Dabei war Venezuela einst für viele Reisende eine echte Inspiration und Ursprung für Abenteuer und Lebensfreude. Man kann sich nur von Herzen wünschen, dass es eines Tages wieder so wird.

 

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