14. Oktober 2025, 6:43 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Seit dem James-Bond-Blockbuster „GoldenEye“ von 1995 ist der Bungee-Sprung vom Verzasca-Staudamm in der Schweiz weltberühmt. Unser Autor Woon-Mo Sung hat sich wagemutig hinuntergestürzt und erzählt hier, wie es war.
Eigentlich lautet der frei übersetzte olympische Leitspruch: „Höher, schneller, weiter“. Aber in meinem Fall könnte man ihn auch um „tiefer“ ergänzen. Denn vier Jahre nach meinem ersten Bungee-Sprung juckte es mich auf einmal wieder und ich wollte mich erneut nur an einem Seil befestigt aus einer schwindelerregenden Höhe irgendwo hinunterstürzen. Beim ersten Mal flog ich 96 Meter von der österreichischen Jauntalbrücke, aber das wollte ich überbieten. Irgendwie „dreistellig-hoch“ sollte es sein. Schnell war der ikonische Bungee-Sprung am Verzasca-Staudamm gefunden und gebucht. Die Absprunghöhe? 220 Meter – Rekord in Europa!
Darum ist der Bungee-Sprung am Verzasca-Staudamm so berühmt
Gelegenheiten für angsteinflößende Sprünge gibt es viele auf der Welt. Aber nirgendwo sonst ist auch James Bond schon einmal hinuntergehüpft. Genauer gesagt in der Eröffnungssequenz des 17. Bond-Films „GoldenEye“ mit Pierce Brosnan.
Stuntman Wayne Michael war die Ehre zuteil, im Kampf gegen das Böse zu springen. Der Moment gilt laut „The Hollywood Reporter“ als einer der besten Stunts der Filmgeschichte und erst seitdem wird er auch kommerziell angeboten. Aktuell ist das Team von 007Bungy.ch dafür verantwortlich.
So war mein Bungee-Sprung vom Verzasca-Staudamm
An dieser Stelle komme ich ins Spiel. In einer impulsiven Nacht-Aktion habe ich meinen Sprung ganz einfach auf der Website des Anbieters gebucht, erst danach folgten überhaupt Flug und Hotel. 255 Schweizer Franken (etwa 270 Euro) kostet der Sprung für einen Erwachsenen ab 20 Jahren.
Die Tage vor dem großen Event verbrachte ich dann zwar im wunderschönen Locarno am Lago Maggiore, aber ähnlich wie bei einer wichtigen Prüfung saß mir der bevorstehende Bungee-Sprung vom Verzasca-Staudamm doch unangenehm im Nacken. Eine latente Angst machte sich breit und irgendwie konnte ich den schönen See und die Berge der Schweiz nicht unbeschwert genießen.
Ein Teil in meinem Kopf wiederholte ständig dieselben Fragen: „Warum tust du dir das an? Was hast du dir dabei gedacht?“ Wieder einmal wollte ich mir selbst und anderen etwas beweisen (und außerdem ist so ein Sprung einfach die ultimative Protzmöglichkeit, ich gestehe).
Der Tag des Sprungs
Am Sprungtag komme ich aufgrund der lokalen Bus- und Bahnverbindungen bei circa 38 Grad Hitze eine Stunde zu früh am Staudamm an. Schatten? Ja, eine kleine Ecke gibt es, aber ansonsten brutzeln der Beton und meine Haut gemütlich vor sich hin. Der erste Blick auf die hohen Mauern des immensen Bauwerkes lassen bereits den Puls in die Höhe schnellen – oh mein Gott, da will ich also runter? Besonders schlimm ist es, direkt am Zaun in die Tiefe zu schauen und die Höhe mit immer weicher werdenden Knien aufzusaugen.
Trotz heftigem Herzklopfen ist aber ein Rückzieher vollkommen ausgeschlossen. Ich bin bereit und fest entschlossen. Das bemerkt auch einer der anwesenden Mitarbeiter, der mir und anderen Waghalsigen eine Einweisung gab.
Der gut gelaunte Profi lässt einen flüchtigen Blick schweifen und kommentiert, dass einige von uns durchaus ängstlich aussehen: „Ihr seht nervös aus“, sagt er, „aber du nicht“, ergänzt er, während er mit dem Finger auf mich zeigt. „Du, ich bin extra aus Berlin angereist, habe viel Geld für Flug und Hotel bezahlt. Ich kann nicht zurück!“, erkläre ich.
Zum Glück nicht der Erste
Dann wird es ernst. Nachdem ich bereits einen Harnisch angezogen habe, gebe ich noch schnell einem Schweizer Pärchen, das ich kurz vorher angesprochen habe, mein Smartphone. Zwar habe ich auch eine GoPro-Videoaufnahme dazugebucht, aber ein alternativer Winkel ist immer gut. Zu meinem Glück bin ich auch nicht der erste Springer – eine Brasilianerin darf zuerst und steht mehrmals kurz davor, das Ganze abzublasen, ehe sie sich doch traut. Und überlebt.
Ja, das mag etwas zynisch klingen, aber bei ihrem Sprung hielt mein Herz kurz inne und ich machte mir für eine Sekunde Sorgen, ob das Seil auch hält. Das tat es und nun war ich zuversichtlich, dass alles gut wird. „Wer ist der Nächste?“, fragte man in die Runde.
„Ich!“ Dann wird mir das Seil kurzerhand umgebunden und man bringt mich ohne große Umschweife an den Rand der Sprungplattform. Laut AGB hat man nach der Sprungfreigabe maximal drei Minuten Zeit, ansonsten entfallen die Sprungberechtigung und der Anspruch auf Rückerstattung. „Pah, die Zeit brauche ich nicht“, denke ich mir. Kurz noch versichert, ob man mich filmt und um einen Countdown gebeten.
Ein surrealer Moment
„Ok, 3, 2, 1, go!“ Es ist etwas, was ich bereits bei meinem ersten Sprung bemerkt hatte. Sobald heruntergezählt wird, legt sich in mir ein Schalter um. Jeder noch so kleine Funken Angst ist dann wie weggeblasen. Ich richte meinen Blick stur nach vorne, gehe leicht in die Knie – und stoße mich dann mit Wucht vom Boden weg nach vorn und falle in die Tiefe.
„Let’s go!“, brülle ich in dem Moment. Und für einen kurzen Moment fühlt sich die Welt schwere- und zeitlos an. Ich bekomme Schnappatmung in der Luft und spüre nichts mehr, weder die knallende Sonne, noch die im Hintergrund spielende Musik, das Gerede der Leute, mich selbst und meinen Körper. Alles ist leicht und nicht von dieser Erde.
Unter mir sehe ich das Tal und seine Büsche, Bäume und Felsen näherkommen, aber in der allerersten Sekunde, während ich springe und kurz bevor die Schwerkraft mich wirklich packt und nach unten zieht, da entferne ich mich paradoxerweise von der Welt. Ich wünschte, ich könnte diese Sekunde für immer festhalten. Ein Moment puren Friedens und voller Glückseligkeit.
7 Sekunden freier Fall
Dann setzt das Adrenalin ein, meine Augen weiten sich ganz stark und meinem Körper wird gewahr, in was für einer verrückten Situation er sich doch gerade befindet. Sieben Sekunden rase ich gen Boden der Tatsachen, sieben Sekunden wie eine Ewigkeit, in der ich doch kurz darüber nachdenke, wann denn jetzt der Widerstand des Seils einsetzt und ich abgebremst werde.
Dann spüre ich ein sanftes Drücken an den Beinen. Ich habe meinen Tiefpunkt erreicht (im Sprung, nicht im Leben) und werde direkt den halben Weg zurück wieder hochgeschleudert. Dabei komme ich auch ins Kreisen und mir wird leicht schwindelig, aber das ist mir egal. Erleichtert und voller Aufregung schreie ich einige Phrasen gen Himmel wie „F*** yeah!“ begleitet vom obligatorischen „Wohoo!“, ehe ich kopfüber langsam zur Ruhe komme. Derweil ballert mein vollkommen aufgeregter Körper mir den Schweiß durch die Poren, dass ich direkt den Eindruck gewinne, ich wäre in einen Pool gehüpft – aus Schweiß.
Nach dem Sprung ist vor dem Abhängen
Und als ob das noch nicht genug gewesen ist, schließt sich an den Thrill des Bungee-Sprungs vom Verzasca-Staudamm gleich der nächste an. Denn jetzt hänge ich da in enormer Höhe einfach an diesem Seil herum – mutterseelenallein. Fix ziehe ich mich an einem Teil des Seils hoch und kann mich so in einer halb sitzenden Position fixieren. Anschließend warte ich darauf, dass man mir von oben ein zweites Seil hinunterreicht.
Denn bei diesem Sprung in der Schweiz muss man selbst Sorge dafür tragen, dass man wieder hochgezogen wird. Und während ich auf das zweite Seil warte, genieße ich die schöne Aussicht, während ich zugleich wieder Angst bekomme. Eigentlich ging es ja darum, die Höhe zu überwinden und nicht dort zu verweilen. Einfach nur an einem Seil zu baumeln, irgendwo zwischen den Höhenmetern 100 und 200 (grob geschätzt) sorgt aber direkt für das nächste Bauchkribbeln und obwohl ich mich eigentlich entspannen darf, kralle ich mich trotzdem fest ins Seil.
„War geil“
Dann die Erlösung: Das zweite Seil erreicht mich. Leider baumeln wir beide in jeweils entgegengesetzten Richtungen und ich habe alle Hände voll zu tun, es zu ergreifen. Dann aber kann ich es in meinen Harnisch einklinken und werde hochgezogen. Vom Sprung bis zur Rückkehr auf der Plattform sind gerade einmal drei Minuten vergangen, doch die Zeit fühlte sich viel länger an. Und das war ausnahmsweise mal gut so.
Oben angekommen beglückwünschen mich die Mitarbeiter, aber mein adrenalingetränktes Gehirn realisiert noch nicht ganz klar, was gerade passiert und mein Sprachzentrum kriegt bis auf ein erschöpftes „war geil“ auch nicht mehr viel aus mir heraus.
Nur langsam sammelt es sich wieder und ich beginne langsam zu verstehen, was ich da gerade gemacht habe. Ich habe einen Bungee-Sprung vom Verzasca-Staudamm wie einst James Bond absolviert. Und es dauert nur einen Moment, bis ich denke: „Das mache ich unbedingt noch mal!“