6. Juni 2026, 15:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Als der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier im Jahr 1952 seine Wohnanlage „Cité Radieuse“ in Marseille einweihte, war das nicht nur die Vollendung eines Bauwerks, sondern die Geburt einer neuen Art zu wohnen. Eine Ikone der Moderne wurde hier geschaffen – das Haus des Verrückten! TRAVELBOOK-Autor Frank Lehmann war vor Ort und berichtet von seinen Eindrücken.
Die „Unité d’Habitation“ war der erste Prototyp seiner berühmten „Wohnmaschinen“. Es war ein radikales Konzept, das Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit in einem einzigen, vertikalen Gebäude vereinte. Insgesamt baute Le Corbusier fünf dieser Kolosse: in Marseille, Nantes-Rezé, Briey-en-Forêt und Firminy, aber auch in Berlin nahe dem Olympiastadion. Doch Marseille blieb das Vorbild, der Ort, an dem die Utopie erstmals Realität wurde. Also schauen wir es uns an: los geht es nach Südfrankreich, um dieses wundersame Haus zu entdecken.
Der „Elefant auf Stelzen“
Wir nehmen den 21er-Bus vom Marseiller Stadtzentrum und sehen sofort das Beton-Monster. Schnell wird klar, dass hier nicht ein weiterer grauer Plattenbau steht. Die Faszination ist sofort da, wenn man den grau-bunten Klotz das erste Mal erblickt. Die Marseiller nannten das Gebäude schnell „La Maison du Fada“ – „Das Haus des Verrückten“. Ein Name, der bis heute hängen blieb. Es gibt noch einen zweiten, weniger bekannten Spitznamen: „L’éléphant sur pilotis“ – der „Elefant auf Stelzen“.
Warum? Weil das Gebäude mit seinen mächtigen Betonpfeilern, den berühmten Pilotis, und der massiven, fast tierhaft wirkenden Silhouette tatsächlich an einen Elefanten erinnert, der auf dünnen Beinen balanciert. Die Stelzen heben das Gebäude vom Boden ab, schaffen Platz für einen öffentlichen Bereich darunter – und geben dem Ganzen etwas Leichtes, fast Schwebendes, trotz der 18 Stockwerke und 337 Wohnungen.
Doch wie leben die Franzosen mit diesem Betonmonument? Die Meinungen sind gespalten: Manche lieben es, weil es ein UNESCO-Weltkulturerbe ist, ein Stück lebendige Architekturgeschichte, ein Ort, an dem man morgens im Licht der aufgehenden Sonne und abends im warmen Glanz des Sonnenuntergangs wohnt. Andere finden es kalt, klobig, unpersönlich. Doch wer einmal darin gelebt hat, schwärmt oft von der einzigartigen Atmosphäre – und davon, wie es ist, in einem Denkmal zu wohnen, das täglich von Touristen bestaunt wird.
Warum jede Wohnung täglich viel Licht bekommt
Corbusiers Genialität lag im Detail: Jede der 337 Wohnungen erstreckt sich von der Ost- zur Westfassade – das bedeutet, dass jede Wohnung morgens und abends Sonnenlicht bekommt. Die Wohnungen sind zweigeschossig und so verschachtelt, dass sie sich über die gesamte Breite des Gebäudes erstrecken. Wer hier wohnt, erlebt täglich den Sonnenaufgang über den Hügeln Marseilles und den Sonnenuntergang über dem Meer.
Und dann ist da noch das Hotel Le Corbusier: 21 Zimmer, jedes ein kleines Design-Juwel der 50er-Jahre, mit originalen Möbeln und Blick über die Stadt oder das Meer. Die Preise beginnen bei ca. 120 Euro pro Nacht, und wer hier schläft, wohnt buchstäblich in einem Denkmal. Das hoteleigene Restaurant „Le Ventre de l’Architecte“ serviert kreative französische Küche – natürlich in einem Raum, der selbst ein Kunstwerk ist.
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Das Café, der Concierge und das Besucherbuch
Ist es einfach, dieses Gebäude zu erkunden? Ja, kinderleicht, wir gehen einfach hinein. Der Concierge kontrolliert freundlich, aber bestimmt, wer ein und aus geht. Besucher müssen sich nur ins Gästebuch eintragen – ein Ritual, das dem Ganzen etwas Exklusives verleiht. Dann kann man frei herumstreifen.
Im dritten und vierten Stock liegt die „Rue Intérieure“ – eine Einkaufsstraße mit Buchladen, Galerie, Tee-Salon und dem Café „L’Archi Gourmand“, wo man zwischen originalen Corbusier-Möbeln sitzt. Früher gab es deutlich mehr Läden, darunter auch einen Supermarkt, aber die meisten sind inzwischen geschlossen. Die verbliebenen Geschäfte befinden sich vor allem in der 3. Etage, die öffentlich zugänglich ist. Und wer Lust auf 50er-Jahre-Nostalgie hat, findet im Design-Shop Gebrauchsartikel der Epoche, von der Kaffeemühle bis zum Aschenbecher.
Seit 2016 ist die Cité Radieuse UNESCO-Weltkulturerbe – eine Ehre, die Pflichten mit sich bringt. Die Fassade muss originalgetreu erhalten bleiben, die Wohnungen dürfen nicht beliebig umgebaut werden. Leben im Denkmal bedeutet also auch: Leben mit Regeln. Doch vielleicht ist genau das der Reiz. Die Cité Radieuse ist kein gemütliches Eigenheim, sondern ein Manifest. Ein Ort, an dem man sich fragt: Kann Architektur das Leben verändern? Vielleicht nicht immer zum Besseren – aber sie zwingt uns, darüber nachzudenken.
Das Nachdenken gelingt uns am besten in der frischen Luft hoch oben. Nehmen wir den Aufzug zum Flachdach. Dieses Dach war gedacht als ein kollektiver Lebensraum. Hier findet man einen Kindergarten mit Spielbereichen, eine Laufbahn für Sport, ein kleines Amphitheater für Veranstaltungen sowie Skulpturen und Sitzbereiche, die zum Verweilen einladen. Das Dach war also kein reiner Abschluss des Gebäudes, sondern ein aktiver Teil des Wohnkonzepts. Die markanten Lüftungsschächte und Betonformen sind nicht nur technisch notwendig, sondern auch künstlerisch gestaltet. Sie erinnern an abstrakte Skulpturen. Besonders beeindruckend ist der Blick über Marseille – ein Kontrast zwischen Corbusiers Betonvision und der mediterranen Landschaft.
Bauhaus, Beton und die Geburt der modernen Siedlungen
Corbusiers Wohnmaschine war die radikale Antwort auf die Wohnungsnot nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie war inspiriert vom Bauhaus. Weniger Ornament, mehr Funktion. Der Architekt war aber noch konsequenter: Beton diente als Material der Zukunft. Es gab offene Grundrisse und Gemeinschaftsräume. Die Cité Radieuse war kein Luxusprojekt, sondern ein sozialer Entwurf – bezahlbarer Wohnraum für die Massen, aber mit Stil und Vision.
Heute wirkt sie wie der Vorfahre aller Betonsiedlungen – doch während diese oft trist und anonym sind, hat die Wohnmaschine Charakter. Sie ist ein Statement. Und sie bleibt eine Provokation: Kann man in Beton glücklich sein? Die Antwort gibt es nur, wenn man selbst einmal dort war.