22. April 2026, 10:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
„Können die kein th aussprechen?“ Diese Frage könnte man sich vielleicht stellen, wenn man Piloten und Fluglotsen im Funkverkehr zuhört. Doch in Wahrheit hat man es nicht etwa mit jemandem zu tun, der des Englischen nur mäßig mächtig ist. Im Gegenteil: Hier wird mit geprüfter Qualifikation eine standardisierte Fachsprache angewendet – sogenanntes Luftfahrtenglisch. Und dabei ist eine spezielle Aussprache gewollt und ganz wesentlich. TRAVELBOOK geht näher darauf ein.
Warum die Luftfahrt eine eigene Sprache braucht
In kaum einem anderen Berufsfeld kommen Menschen mit so unterschiedlichen Herkünften zusammen wie im internationalen Luftverkehr. So muss zum Beispiel ein spanischer Pilot bei der Landung in Deutschland mit einem polnischen Fluglotsen kommunizieren, während im Cockpit vielleicht noch eine Kollegin aus Frankreich sitzt. Die Akteure haben somit im Zweifelsfall unterschiedliche Muttersprachen und Akzente; zudem sprechen sie die internationale Verkehrssprache Englisch möglicherweise nicht auf gleichem Niveau. Ein Szenario, wie geschaffen für Missverständnisse! Doch gerade in der Luftfahrt können Komplikationen in der Kommunikation fatale Folgen haben. Und aus eben diesem Grund gibt es das offizielle vereinheitlichte Luftfahrtenglisch.
Was man über Luftfahrtenglisch wissen sollte
Bei Luftfahrtenglisch handelt es sich um die international standardisierte, von der International Civil Aviation Organization (ICAO) festgelegte Kommunikationssprache zwischen Piloten und Fluglotsen. Diese zu erlernen, ist ein wesentlicher Teil der Berufsausbildung.
Luftfahrtenglisch besteht aus festgelegten Redewendungen, die im Funkverkehr stets gleich verwendet werden. Diese Anweisungen versteht man überall auf der Welt sofort richtig, sie lassen keinen Spielraum für Interpretationen zu. Beispiele hierfür sind „Cleared for takeoff“ oder „Maintain flight level 350“. Sie sind als Standard Phraseology im Regelwerk festgehalten.
Ganz wesentlich: die Aussprache
Ein weiterer zentraler Bestandteil des Luftfahrtenglisch ist die spezielle Aussprache. Was manchmal so klingt, als würde es nicht der englischen Phonetik entsprechen, hat die ICAO in Wahrheit für eine maximale Verständlichkeit optimiert.
Zahlen werden im Luftfahrtenglisch teilweise bewusst verändert ausgesprochen: Aus „three“ (Englisch für „drei“) wird „tree“, aus „five“ wird „fife“. Die Zahl „nine“ erhält mit „niner“ sogar eine zusätzliche Silbe. Ziel dieser ungewöhnlich wirkenden Aussprache ist es, Missverständnisse im Funkverkehr zu vermeiden und ähnlich klingende Wörter klar voneinander zu unterscheiden.
Tragischer Unfall zeigt Bedeutung von klarer Kommunikationssprache
Im März 1977 kam es auf Teneriffa zur schwersten Katastrophe in der Geschichte der Luftfahrt, wie in den offiziellen Unfallanalysen der International Civil Aviation Organization (ICAO) dokumentiert ist. Auf der Startbahn des Flughafens Los Rodeos kollidierten zwei Boeing-747-Maschinen der Fluggesellschaften KLM und Pan Am. Beide Flugzeuge waren zuvor aufgrund von Nebel dorthin umgeleitet worden.
Die KLM-Maschine setzte bereits zum Start an. Sie hatte allerdings nur eine Streckenfreigabe erhalten – keine ausdrückliche Starterlaubnis. Gleichzeitig befand sich die Pan-Am-Maschine noch auf der Startbahn. Es waren also Missverständnisse im Funkverkehr, die zu dem tragischen Ausgang der Situation beigetragen hatten. 583 Menschen kamen ums Leben.
Offizielles Funkalphabet in der Luftfahrt
Aus demselben Grund nutzen Fluglotsen und Piloten das offizielle ICAO-Buchstabieralphabet – also Wörter wie Alpha, Bravo, Charlie und so weiter – anstelle einzelner Buchstaben oder Abkürzungen. Eine Flugbegleiterin bestätigt auf TRAVELBOOK-Nachfrage, dass dies auch in der zivilen Luftfahrt „gang und gäbe“ ist. Sie selbst sitzt gelegentlich auch im Cockpit bei Start und Landung und hört dabei Anweisungen wie „Take direction Whiskey“, die sich auf entsprechend bezeichnete Rollwege oder Bereiche am Flughafen beziehen.
Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass selbst bei korrekt angewendetem Luftfahrtenglisch und Funkalphabet Verständigungsprobleme nicht völlig ausgeschlossen sind. „An manchen Standorten ist es trotz allem schwierig, die Lotsen zu verstehen – da setzt sich der Akzent einfach durch“, sagt sie. Und doch gilt, dass gerade bei schlechter Funkverbindung oder unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen das standardisierte System dafür sorgt, dass Informationen möglichst eindeutig und sicher übermittelt werden können.
Vorfeldlotsin teilt Beispiel aus der Praxis
Ein Beispiel aus der Praxis hat kürzlich Content-Creatorin Julianna Denise alias pinkpineapplede auf Instagram gepostet. Sie ist Vorfeldlotsin am Flughafen München und regelt dort somit den Flugzeugverkehr am Boden, sprich, sie koordiniert Parkpositionen, Rollwege und Ähnliches. Fluglotsen wiederum sind für die Kontrolle des aktiven Flugverkehrs verantwortlich – von Start bis Landung.
Beeindruckend: Julianna Denise beherrscht Luftfahrtenglisch auf „muttersprachlichem Niveau“. Wie das klingt, zeigt sie im Video:
Luftfahrtenglisch auf mehreren Sprach-Levels
Die ICAO nutzt ein international gültiges Bewertungssystem, um die Englischkenntnisse von Piloten und Fluglotsen zu beurteilen. Dabei werden verschiedene Kriterien wie Sprachgewandtheit, Hörverständnis, Interaktion, Grammatikstruktur, Wortschatz und Aussprache auf einer Skala von 1 bis 6 bewertet.
Level 4 gilt als Mindeststandard für den internationalen Sprechfunk. Haben Piloten oder Fluglotsen dieses Level erreicht, ist die Lizenz in der Regel für etwa vier Jahre gültig; danach muss die Sprachprüfung erneut abgelegt werden. Level 6 – dieses hält Vorfeldlotsin Julianna Denise – entspricht dem höchsten Niveau. Es gilt als nahezu muttersprachliche Sprachbeherrschung mit lebenslanger Gültigkeit.
Natürlich muss auch Schulenglisch beherrscht werden
Nun genügt es nicht, einzig die „Geheimsprache“ der Luftfahrt zu beherrschen. Denn es kann immer zu Situationen kommen, in denen die festgelegten Standardphrasen nicht ausreichen. Dann ist es Piloten und Fluglotsen erlaubt, freies Englisch zu sprechen – und dies ebenso mit bestmöglich international verständlicher Aussprache.