19. Juli 2026, 7:16 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Für viele Menschen ist es vielleicht nicht nachvollziehbar, doch es gibt Personen, die es nicht mögen, zu verreisen. Und daneben gibt es gar solche, die an Hodophobie leiden: einer psychischen Störung, die mit einer irrationalen Angst vor dem Reisen einhergeht. Doch Betroffene können sich helfen. TRAVELBOOK hat mit einer Psychologin darüber gesprochen.
Hodophobie ist nicht mit einer bloßen Abneigung gegen das Reisen zu verwechseln. Eine solche haben Menschen, die Unbehagen bei der Vorstellung empfinden, nur das Nötigste einpacken zu können oder für längere Zeit von zu Hause weg zu sein. Die Hodophobie geht jedoch weit darüber hinaus. Der Begriff setzt sich aus den altgriechischen Wörtern hodos („Weg“, „Reise“) und phobos („Furcht“, „Angst“) zusammen – er bezeichnet eine Angststörung, die sich speziell auf das Reisen richtet.
Hodophobie – wenn Reisen Panik auslöst
Christina Miro ist Psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt auf Reisen und Auslandsaufenthalte. Wie sie im Gespräch mit TRAVELBOOK erklärt, dient der Begriff Hodophobie vor allem der Beschreibung einer ausgeprägten Reiseangst. In den gängigen medizinischen Klassifikationen wie der ICD-11 oder dem DSM-5 wird er nicht als eigenständige Diagnose geführt.
Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten Aviophobie – umgangssprachlich als Flugangst bekannt. Auch dieser Begriff beschreibt keine eigenständige Diagnose, sondern eine bestimmte Form der Angst. Erfüllt diese die entsprechenden Kriterien – etwa weil sie anhaltend und unverhältnismäßig stark ist und Betroffene in ihrem Alltag deutlich einschränkt –, kann sie als spezifische Phobie eingeordnet werden.
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Angst vor bestimmten Reisen oder dem Reisen allgemein
Wie Christina Miro erklärt, kann sich die Hodophobie sowohl auf das Reisen im Allgemeinen als auch auf einzelne Reisesituationen beziehen, etwa lange Fahrten, unbekannte Strecken oder bestimmte Verkehrsmittel. Bei Betroffenen kann es zu körperlichen Angstreaktionen kommen, die von einer beschleunigten Herzfrequenz über Schwindel und Übelkeit bis hin zu Panikattacken reichen. Die Folge: „Betroffene vermeiden bestimmte Reisen oder Reisesituationen oder erleben sie nur unter starker Anspannung“, so Miro.
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Mögliche Ursachen für Hodophobie
„Manche Menschen bringen eine genetisch oder persönlich bedingte erhöhte Ängstlichkeit mit“, erklärt die Expertin. Häufig sind es dann belastende Erlebnisse – beispielsweise die Erfahrung eines Unfalls, eine Panikattacke oder eine Erkrankung während einer Reise –, die die Angst auslösen oder zusätzlich verstärken können.
Auch das Verhalten von Bezugspersonen kann sich auf Betroffene auswirken, etwa wenn diese selbst sehr ängstlich reagieren oder wiederholt vor möglichen Gefahren warnen. Bei den meisten Betroffenen lässt sich jedoch kein eindeutiger Auslöser feststellen. Laut Miro ist Hodophobie nur selten auf eine einzelne Ursache zurückzuführen; vielmehr entsteht die Angst durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Hodophobie behandeln – Tipps für Betroffene
Die gute Nachricht: Ausgeprägte Reiseangst lässt sich in vielen Fällen gut behandeln. Wie bei anderen spezifischen Phobien kommt dabei vor allem die Psychotherapie zum Einsatz. Als besonders wirksam gilt laut Christina Miro die kognitive Verhaltenstherapie, bei der Betroffene lernen, sich schrittweise mit den angstauslösenden Situationen auseinanderzusetzen. Man spricht von der sogenannten Expositionstherapie, auch als Konfrontationstherapie bekannt.
„Zunächst sollte genau untersucht werden, welche Reisesituationen Angst auslösen, welche Befürchtungen bestehen und wodurch die Angst aufrechterhalten wird“, führt die Psychologin näher aus. Danach erfolgt die schrittweise Annäherung an die gefürchteten Situationen, „zum Beispiel zunächst durch kurze bekannte Wege und später durch längere oder unbekannte Reisen“.
Dabei machen Betroffene eine wichtige Erfahrung: Die Angst kann zwar sehr unangenehm sein, ist aber in der Regel aushaltbar. Mit der Zeit lernen sie, dass die irrational befürchteten Katastrophen meist nicht eintreten – sie können die Situation bewältigen. Ergänzend geht es in der Therapie darum, übersteigerte Gefahrengedanken zu hinterfragen und Vermeidungs- sowie Sicherheitsverhalten abzubauen. Dazu gehört beispielsweise, Reisen nicht länger grundsätzlich zu vermeiden oder sich nicht durch ständige Kontroll- und Vorsichtsmaßnahmen beruhigen zu müssen.
Wenn die Angst auf ein traumatisches Erlebnis zurückgeht, kann laut der Expertin auch eine traumafokussierte Therapie in Betracht kommen. Diese unterstützt Betroffene dabei, die belastende Erfahrung zu verarbeiten und die damit verbundenen Angstreaktionen besser einzuordnen.
Wie ich mit meiner Reiseangst umgehe
„Ich kenne die Symptome einer Hodophobie aus eigener Erfahrung. Bei mir könnte sich die Angst ähnlich entwickelt haben, wie die Expertin es beschreibt: Selbst schon immer eher ängstlich veranlagt, wurde ich vor meiner ersten längeren Flugreise immer wieder beruhigt, dass ‚sicherlich nichts passieren werde‘ – von umso ängstlicheren Bezugspersonen. Interessant war, dass ich in diesem Fall im Vorfeld selbst keine entsprechenden Befürchtungen hatte.
Im Flugzeug kam die Angst dann plötzlich: die Vorstellung, die Maschine könnte nicht sicher landen. Und falls doch, müsste ich noch mal umsteigen und einen weiteren Flug auf mich nehmen, was sich schier undenkbar anfühlte. Das Gefühl, so weit weg von zu Hause völlig ausgeliefert zu sein. Ich hyperventilierte und zeigte weitere typische Angstsymptome.
In der Situation habe ich zunächst aufgegeben. Ich habe alles darangesetzt, nach Hause zurückzukehren – an meinem Reiseziel Sydney bin ich nie angekommen, bis heute übrigens nicht. Damals nahm ich mir sogar vor, nie wieder zu verreisen. Doch bald entschied ich mich anders. Statt der Angst dauerhaft auszuweichen, begann ich, mich den Situationen konsequent auszusetzen – auch wenn es oft extrem belastend war. Es gab schweißnasse Flüge, von Panik begleitete Zugfahrten und Aufenthalte an Orten, die mir ohne objektiven Grund Angst machten. Aber irgendwann kommt der entscheidende Moment: die Erkenntnis, dass die befürchtete Katastrophe ausbleibt.
Ganz verschwunden ist die Angst bis heute nicht. Schon der Gedanke ans Packen löst bei mir Stress aus, und Wochen vor einer geplanten Reise steigt die Anspannung deutlich an. Trotzdem reise ich weiterhin regelmäßig. Dabei gibt es immer wieder Situationen, die meiner Angst scheinbar neue Argumente liefern – etwa liegengebliebene Züge oder unerwartete Probleme unterwegs.
Doch auch meine Vorstellung davon, was tatsächlich eine ‚Katastrophe‘ ist, hat sich verändert. Vielleicht bin ich mit der Zeit widerstandsfähiger geworden. Die Hodophobie ist nicht weg, aber sie bestimmt nicht mehr automatisch, ob und wohin ich reise.“