Der Traum von der Einsamkeit

Dieser Mann lebt seit 30 Jahren allein auf einer der schönsten Inseln des Mittelmeers

Mauro Morandi, Insel Budellli
Mauro Morandi (79) in seinem eigenen kleinen Paradies
Foto: Mauro Morandi

Mitten im Mittelmeer, zwischen Sardinien und Korsika, liegt die kleine Insel Budelli. Lange Traumstrände und ein weiter Blick über das Meer machen die Insel zu einem kleinen Paradies. Und dieses Paradies bewohnt ein Mann ganz allein: Mauro Morandi (79) lebt seit fast drei Jahrzehnten allein auf seiner Insel und genießt jeden Moment. TRAVELBOOK erzählte er, wie es dazu kam.

Ursprünglich kommt Mauro Morandi aus Modena in Norditalien, arbeitete früher er als Sportlehrer. Inzwischen lebt er seit fast 30 Jahren auf einer kleinen, idyllischen Insel im Mittelmeer. Als einziger Bewohner genießt er sein Leben auf dem rund 1,6 Quadratkilometer kleinen Eiland nördlich von Sardinien. Hier hat er alles, was er benötigt, er kümmert sich um die Insel und lebt ein Leben fernab der Zivilisation und ihren Begleiterscheinungen.

Morandi, Burelli Island

Kein Wunder, dass Morandi geblieben ist
Foto: Mauro Morandi

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Eigentlich war es mehr ein Zufall, der Morandi den Job des „Insel-Wärters“ brachte. Vor knapp drei Jahrzehnten beschloss er, sein Leben umzukrempeln: Die Ehe war gescheitert, seine Boutique bankrott und auch seiner einstigen Arbeit als Sportlehrer wollte er nicht mehr nachgehen. Er verkaufte, was er besaß, gab das Geld für einen Katamaran aus und stach in See, um nach Polynesien zu segeln. Die Wellen trugen ihn zunächst bis nach Budelli. Zwar längst nicht an seinem eigentlichen Ziel angekommen, begeisterte ihn die kleine Insel dennoch sehr, denn sie wies viele Parallelen zu seinem ersehnten Traumziel auf. Von dem damaligen Wärter erfuhr er, dass dieser nur noch zwei Tage auf der Insel arbeiten würde und fasste kurzerhand einen Entschluss: „Ich habe entschieden, seinen Posten zu übernehmen und bin geblieben“, erzählt er im Gespräch mit TRAVELBOOK. Das war im Jahr 1989.

Kampf um die Insel

Seither lebt Morandi völlig allein auf Budelli, inzwischen ist er fast 80 Jahre alt. Doch während seiner langen Zeit als Einsiedler gab es auch Momente, in denen nicht sicher war, ob er bleiben durfte. Im Jahr 2014 kaufte der Staat Budelli und es hieß zunächst, Morandi müsse die Insel verlassen, da sich darauf ein Nationalpark befinde und dort strenge Vorschriften herrschten. Morandi, der sein Leben auf Budelli nicht aufgeben wollte, startete eine Petition und fand mehr als 18.000 Unterstützer, die für ihn unterschrieben. Und die Petition erreichte, was Morandi sich so sehr wünschte: Er durfte weiterhin auf Budelli bleiben.

Doch auch unabhängig von Staat und Menschen verursachten Problemen hatte Morandi Momente, in denen er die Insel fast verlassen hätte: „Einmal herrschte tagelang Unwetter, und die können hier wirklich heftig sein. Da bin ich wehmütig geworden und wäre fast gegangen. Aber dann habe ich mich zusammengenommen und durchgehalten. Ich habe mich hingelegt und abgewartet, bis es vorbei war.“

Morandi, Burelli Island

Das Kind hinter den weisen Augen: Morandis Blick vereint seine Lebenserfahrung mit dem Glauben an das Gute 
Foto: Mauro Morandi

Ein wahrgewordener Kindheitstraum

Der Gedanke, sein Leben isoliert zu verbringen, ist Morandi schon als Kind nicht fremd gewesen: „Schon damals habe ich davon geträumt, auf einer einsamen Insel zu leben“, verrät Morandi TRAVELBOOK. Doch erst mit 50 Jahren habe er begonnen, jenes Leben zu leben, das er eigentlich schon immer leben wollte – ohne flackernde Werbung an jeder Ecke, ohne Hunderte Meter hohe Gebäude und ohne die Hektik, die einen manchmal nicht mehr atmen lässt.

Trotz seiner Isolation ist der Italiener motiviert, seinen Teil dazu beizutragen, die Welt ein kleines Stück besser zu machen: „Meine Mission ist es, den Leuten zu zeigen, wie schön die Natur ist. Und dass wir sie respektieren müssen, damit sie fortbesteht und wir sie weitervererben können.“ Aus Morandis Sicht sind wir keine großen Wesen, die die Welt beherrschen, sondern vielmehr kleine Einzelteile eines großen Systems, das ebenso ohne uns zurechtkommen würde. „Der Kontakt mit der Natur zeigt dir, wie klein der Mensch ist“, erklärt er TRAVELBOOK.

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Morandi erinnert an einen Träumer, einen Phantasten, der dennoch weiser ist, als so mancher Akademiker. Es scheint, als habe er das Schöne im Leben gefunden, das Einfache daran. Mit einem schönen Vergleich erklärt Morandi, warum jeder einzelne die Natur gut behandeln sollte: 

Budelli Island, Mittelmeer

Budelli Island – sicherlich eine der schönsten Inseln des Mittelmeers
Foto: Getty Images

Nur die Liebe fehlt manchmal

Die Frage, ob er sich auf der Insel nicht dennoch manchmal einsam fühlt, verneint Morandi. „Menschen fehlen mir hier nie. Im Sommer sind ja sowieso viele Touristen da und im Winter kommen mich ab und zu Freunde besuchen.“ Und über eine Besucherin freut Morandi sich immer ganz besonders: „Vor drei Jahren habe ich mich in eine Frau verliebt. Durch ihren Beruf ist sie leider ans Festland gebunden. Sie ist die einzige, die mir wirklich fehlt.“

Ganz abgeschnitten von der Außenwelt ist Morandi nie, denn es gibt Internet auf der Insel. Auf Facebook zeigt er der Welt, wie das Leben auf seiner kleinen Insel aussieht und warum es sich lohnt, dafür zu kämpfen, dass die schönen Orte dieser Welt erhalten bleiben. Es dürfe sich nicht alles immer nur um Geld drehen, sagt der 79-Jährige. „Man sollte die Natur so belassen, wie sie ist, um ihre Schönheit zu bewahren.“

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