15. August 2026, 10:18 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Julia, 55, Weltenbummlerin, ist im Februar mit ihrem Partner von Ho-Chi-Minh-Stadt aus zu einer sechstägigen Mopedtour durchs Mekong-Delta in Vietnam aufgebrochen. Rund 9 Millionen Menschen leben heute in der Mega-City, dem ehemaligen Saigon. Im dicht befahrenen Zentrum sitzt dort gefühlt jeder auf einem Moped. Bei TRAVELBOOK berichtet Julia, was sie hinten als Sozia auf einem Zweirad erlebt hat.
Protokoll: Alexandra Cavelius
Als wir am Flughafen angekommen sind, lief uns vom feucht-schwülen Klima sofort der Schweiß übers Gesicht. Umso mehr freuten wir uns auf unseren fahrbaren Untersatz, denn da wehte uns wenigstens ein warmer Wind um die Nase. Um uns herum Knattern und Hupen. Überall Mopeds, in einem dichten Pulk gedrängt. Zum Glück ist mein Freund, was Mopedfahren in Asien anbelangt, sehr erfahren und stoisch.
Wie in einem Ameisenhaufen
Sofort steckten wir mittendrin im organisierten Chaos. Zehn, zwanzig Mopeds eng nebeneinander und hintereinander, manchmal mit Körperkontakt zum Nachbarn. Kaum jemand schaute sich beim Einfädeln um. Von der Seitenstraße auf die Hauptstraße, kein Blick nach links, kein Blick nach rechts – man reihte sich einfach ein. Kein Schulterblick. Kein Zögern. Von außen sieht das aus wie das reinste Durcheinander, aber erinnert eher an einen Ameisenhaufen. Wildes Gewusel, und trotzdem gelangt jeder an den Ort, zu dem er will.
An den Ampeln zählen Ziffern die Sekunden herunter, dann heißt es „Gasgeben“ und jeder braust gleichzeitig los. Die Fahrer immer vorausschauend, mehrere Fahrzeuge vor einem im Blick. Die Hupe kurz mal einzeln oder doppelt gedrückt, um etwas anzukündigen oder längere „Beeps“ für Warnungen in unübersichtlichen Kurven oder bei Überholvorgängen.
Manchmal ratterte neben uns eine komplette Familie vorbei, verteilt auf einem Zweirad. Eltern, drei Kinder, dazwischen noch der Hund. Käfige mit Hühnern. Gestapelte Teppiche. Oder hinter uns eine komplette Tischplatte, quer über den Lenker gebunden – irgendwo darunter musste ein Fahrer sitzen, man hat ihn nur nicht gesehen. Und all das auch noch im Slalom.
Hilfe! Zu Fuß über die Straße
„Immer im Fluss bleiben, nie zögern“, lautet die Devise. Man bewegt sich wie in einem Schwarm, folgt der Lücke, die sich vor einem auftut, nicht der Fahrbahnmarkierung. Voller Vertrauen ins kollektive System. Auch als Fußgänger ist Zögern das Schlimmste, was man tun kann. Bei meiner ersten Tour durch Asien hatte ich es zunächst kaum über eine belebte Kreuzung geschafft, weil ich nach einer leeren Stelle gesucht hatte, die es aber in so einem Getümmel gar nicht gibt. Schließlich lernte ich von den Einheimischen, wie man es schafft, lebendig auf der anderen Seite anzukommen. Einfach losgehen, mit klarem Kurs, dann weicht der Verkehr üblicherweise aus. Bleibt man jedoch aus Angst stehen oder rennt plötzlich los, verursacht man möglicherweise genau den Unfall, den man um jeden Preis vermeiden möchte.
Dünne Helme, keine Schutzkleidung
Für unsere Tour durch Vietnam hatten wir ein etwas größeres Moped gemietet, irgendetwas zwischen Roller und leichtem Motorrad, mit einer extra angebauten Halterung für unseren Rucksack. Rund 20 Euro kostete uns das pro Tag, kleinere Roller gibt es schon für acht bis zehn Euro. Auf dem Kopf ein Helm, sonst ungeschützt – genau wie die meisten Vietnamesen, die in Flip-Flops und kurzen Hosen unterwegs sind. Manche der Leihhelme waren so dünn, dass sie eher wie ein Accessoire wirkten als wie Schutzausrüstung. Puh, manchmal fällt es mir als Europäerin schwer, mit anzusehen, dass Kinder in diesem verrückten Verkehr oft ohne Helm mitfahren, und sogar Babys einfach im Arm gehalten werden.
Kurz vor unserem Start hatten wir ein polnisches Paar getroffen, das sich für dieselbe Strecke wie wir vorbereitete. Trotz der Hitze steckten sie in voller Schutzmontur. Ob das nicht unerträglich sei, fragte ich. Doch sie waren sehr klar: „Egal, wie heiß, lieber sicher!“ Sie hatten bestimmt recht, denn man trifft auch immer wieder auf Touristen, die Gips oder Verband an Armen und Beinen haben, weil sie einen Verkehrsunfall hatten. Meistens, so mein Eindruck, trifft es eher Touristen als Einheimische, die gelernt haben, in diesem Gewimmel von Kindheit an auf dem Moped zu sitzen. Aber sicher ist keiner.
Der Unfall im Mekong-Delta
Als wir aus der Stadt hinaus durch ein kleines Dorf fuhren, lag in einer Kurve ein junger Vietnamese mit schmerzverzerrtem Gesicht mitten auf der Straße. Kollision mit einem kleinen Lastwagen. Oberschenkelbruch, der Knochen ragte heraus, das Blut schoss heraus. Mir wurde fast übel. Um ihn herum standen schon Leute, die telefonierten, um einen Krankenwagen zu rufen. Seine Sandalen lagen verstreut um ihn herum. Wir konnten nichts für ihn tun außer hoffen, dass er schnell gut versorgt wurde.
Danach sind wir automatisch viel langsamer weitergefahren. Zwar gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen von bis zu 70 km/h, aber das scheint eher eine Deutungssache zu sein. Der Verkehr war auf dem Land eigentlich entspannter als in der Stadt, selbst wenn die Straßenbeläge hier immer mal wieder eine Herausforderung darstellten. Da mal Kies, dort Schlamm oder Schlaglöcher. Die Lastwagen nahmen Rücksicht auf uns, drängten uns nicht einfach ab. Aber man sollte besser nicht auf irgendwelche Rechte bestehen, denn klar ist, dass man auf dem Moped immer der Schwächere ist.
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Fähren, Fußball und Mitfiebern auf Kinderstühlchen
Lustig fand ich im Mekong-Delta die zahlreichen Fähren. Teils mehrmals am Tag unterbrachen kleine Flussarme unsere Fahrt, die man nur auf diese Weise überqueren kann. An solchen Stellen reihten wir uns mit Dutzenden anderen Mopeds ein, warteten, bis der ganze Pulk aufs Boot passte, zahlten eine kleine Summe, standen dicht an dicht, bis wenige Minuten später alle auf der anderen Seite wieder losknatterten.
Ein Abend ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Vietnam hatte ein Fußballspiel gewonnen, und die ganze Stadt feierte auf der Straße – auf dem Moped, natürlich, in einem riesigen, immer wilder werdenden Corso. Wir saßen in einem Café auf kleinen Plastikstühlchen und haben dem Treiben besorgt zugesehen. Die ganze Zeit fürchteten wir: „Gleich kracht es!“, weil das Wirrwarr immer größer schien. Aber von wegen, die Ordnung im Chaos funktionierte wunderbar. Nichts ist passiert.
Was jeder auf dem Moped beachten sollte
Wer sich zum ersten Mal in Asien auf so eine Mopedtour begibt, dem würde ich niemals raten, ausgerechnet in Ho-Chi-Minh-Stadt das Mopedfahren zu lernen. Lieber in einer kleineren Stadt oder auf dem Land anfangen, wo weniger los ist. Außerdem sollte man das Moped vorher auf Bequemlichkeit prüfen und probesitzen, weil die meisten Vietnamesen schlicht kleiner gebaut sind als wir Europäer. Wichtig ist auch, auf einen richtig sitzenden, stabilen Helm zu bestehen und, wenn möglich, Schutzkleidung zu tragen – so unkomfortabel das bei der Hitze auch ist. Auf dem Land eine Schutzbrille gegen Insekten aufzusetzen, ist auch nicht zu verachten. Ansonsten sollte auf dem Moped vor allem die mentale Haltung stimmen: tiefe Gelassenheit. Dazu können Balance und eine gewisse Beweglichkeit nicht schaden.
Mitten in diesem Haufen aus hunderten Mopeds in Vietnam unterwegs zu sein – das ist ein Abenteuer. Und ich würde es jederzeit wieder machen!