11. März 2026, 18:15 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Dunkelrote, wie Blut anmutende Ströme brechen in regelmäßigen Abständen aus dem Taylor-Gletscher in den McMurdo Dry Valleys in der Antarktis hervor. Blood Falls nennt man sie daher, den Blut-Wasserfall. Doch wie erklärt sich das Phänomen? US-amerikanische Forscher haben das Geheimnis des Gletschers gelöst.
Der Taylor-Gletscher in der Ostantarktis scheint eine offene Wunde zu haben. Immer wieder blutet der Gletscher – oder fließt zumindest eine dunkelrote Flüssigkeit aus einer Spalte, die diesen Eindruck vermittelt. Wissenschaftler beschäftigt das Phänomen der sogenannten Blood Falls, zu Deutsch Blut-Wasserfälle, in den McMurdo Dry Valleys bereits seit mehr als 100 Jahren. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse zum Geheimnis des vermeintlich blutenden Gletschers.
Blut, Algen oder Eisen?
Den Entdeckern vor gut 100 Jahren schien das Rätsel zunächst schnell gelöst. Blutschnee sei das, so wurde lange vermutet. Ein Phänomen, das man aus den Hochgebirgen und Polargebieten in den Sommermonaten kennt. Hier färben Algen nassen Altschnee rot. Genauer: Mit der Hilfe von Carotonoiden schützen sich die Schneealgen vor der starken UV-Strahlung.
Mit Algen und folglich Blutschnee hat das Phänomen der roten Ströme am Taylor-Gletscher jedoch nichts zu tun. Und mit Blut auch nicht. Vielmehr passiert hier ein komplexes Zusammenspiel aus Geologie, Eisbewegung und einer chemischen Reaktion unterhalb des Gletschers, das für den sogenannten Blut-Wasserfall verantwortlich ist.
Die rote Färbung entsteht durch Eisen. Das befindet sich zu großen Mengen in einer extrem salzhaltigen unterirdischen Sole, einem Überbleibsel eines Urozeans. Die liegt etwa 400 Meter unter der Gletscheroberfläche. Freigesetzt wird das Eisen nach früheren Forschungen von uralten Mikroorganismen. Diese überlebten in dem eingeschlossenen unterirdischen See 1,5 bis 4 Millionen Jahre isoliert von der Umwelt. Und sie „veratmeten“ das Eisen wie wir Sauerstoff. Da es dort unten nicht nur dunkel und sehr kalt ist, sondern auch so gut wie kein Sauerstoff vorkommt, haben sich die Bakterien an die einzigen verfügbaren Nährstoffquellen angepasst: an Schwefel und Eisen. Wobei der Schwefel offenbar als eine Art Katalysator bei der Energiegewinnung wirkt. Gelangt das Eisen aus der Sole an die Oberfläche, kommt es mit Sauerstoff in Kontakt und oxidiert – der Grund für die rote Färbung.
Gletscher senkt sich ab
Wie die Sole nach oben und so als roter Strom, als Blood Falls, über das Eis und in den Lake Bonney fließen kann, erklärt eine aktuelle Studie aus der Fachzeitschrift „Antarctic Science“. Die Forschenden um Studienautor Pete T. Doran von der Louisiana State University brachten die Daten von GPS-Messungen an der Gletscheroberfläche, Thermistorketten im See sowie Aufnahmen einer auf die Blood Falls gerichteten Zeitrafferkamera zusammen. So kamen sie zu einem erstaunlichen Ergebnis. In der Studie erklären sie: „Die Blood Falls sind ein einzigartiges Naturphänomen an der Gletscherzunge des Taylor-Gletschers im oberen Taylor-Tal in der Ostantarktis.“ Die dort befindliche eisenreiche Sole trete „gelegentlich aufgrund des Gewichts und der Bewegung des darüberliegenden Gletschers aus einer subglazialen Quelle“ aus. In der Folge färbe sie den Gletscher, „während sie an der Oberfläche oxidiert und in Richtung des Westlobus des Lake Bonney fließt.“
Kurz vor Ausbruch der Blood Falls senkt sich demnach die Oberfläche des Taylor-Gletschers um etwa 15 Millimeter ab, während sich zugleich seine Bewegung um fast 10 Prozent verlangsamt. Parallel dazu habe sich eine Kälteanomalie im Lake Bonney gezeigt. Die Beobachtungen zeigen laut der Autoren, dass über einen Monat hinweg immer wieder Sole aus dem Untergrund des Gletschers austritt und dadurch der Wasserdruck unter dem Eis sinkt. „Dies führt zu einer Absenkung der Oberfläche und einer Verringerung der Eisgeschwindigkeit“, heißt es in der Studie. GPS-Messdaten deuteten darauf hin, dass sich unterhalb des Gletschers vorübergehend Druck aufbaue, wodurch zeitweilig neue Fließwege entstehen, durch die die Sole zur Gletscheroberfläche sowie zum See gelange.
Solche Ereignisse veränderten auch die Temperaturstruktur des Sees und beeinflussten den Nährstofftransport. Laut der Forschenden unterstreicht das „die enge Verknüpfung zwischen Gletscherdynamik“, dem Wasser unterhalb des Eises sowie der Ökosysteme in den McMurdo Dry Valleys. Um jedoch langfristige Bewegungsänderungen im Zusammenhang mit dem Soleausstoß zu beurteilen, bedarf es laut der Forschenden einer längeren Zeitreihe.
Taylor-Gletscher als Beweis für Leben auf anderen Planeten?
Die Blood Falls gelten als eins der faszinierendsten natürlichen Labore der Welt. Als Möglichkeit, Lebensräume unter Extrembedingungen zu untersuchen, die neue Schlüsse auf andere Planeten wie den Mars zulassen könnten. Der blutende Wasserfall zeigt, dass sogar in einer der lebensfeindlichsten, kältesten Regionen der Erde Wasser fließt, chemische Prozesse ablaufen und Organismen ohne Licht, Wärme und Sauerstoff überleben können. Entsprechend nah liegt die Annahme, dass es prinzipiell auch auf anderen Planeten mit ähnlichen Licht- und Temperaturverhältnissen Leben geben könnte.