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Dark Tourism

Warum Orte des Schreckens Besucher anziehen

Belchite erinnert an die Kämpfe des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939
Belchite erinnert an die Kämpfe des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939 Foto: Getty Images
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TRAVELBOOK Redaktion

4. Juli 2026, 14:13 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Sie stehen für Leid, Zerstörung und unermessliche menschliche Tragödien. Dennoch gehören ehemalige Kriegsschauplätze und Gedenkstätten weltweit zu den Orten, die Jahr für Jahr zahlreiche Besucher anziehen. Genannt wird das Ganze „Dark Tourism“. Aber was bewegt Menschen dazu, solche Plätze aufzusuchen – und welchen Wert kann die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte haben?

Warum Menschen Orte des Grauens besuchen

„Diese Orte ziehen uns an, da sie intensive emotionale Reaktionen hervorrufen und ein tieferes Verständnis für die menschliche Geschichte ermöglichen“, sagt Reisepsychologin Christina Miro. Der Besuch solcher Erinnerungsorte könne helfen, Mitgefühl und Trauer für die Opfer zu entwickeln. „Besonders KZ-Gedenkstätten erinnern uns an die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte und schärfen das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Frieden und den Schutz der Menschenrechte.“

Auch während einer Urlaubsreise könne die Beschäftigung mit belastenden Themen, also Dark Tourism, sinnvoll sein. Voraussetzung sei jedoch ein bewusster Umgang mit den eigenen Grenzen. Nach Einschätzung der Psychologin könne man sich unterwegs durchaus emotionalen Herausforderungen stellen, „vorausgesetzt, man ist sich dessen bewusst und kennt seine eigene Belastbarkeit“. Wichtig sei, „ein Gleichgewicht zwischen emotional fordernden Erlebnissen und dem persönlichen Wohlbefinden zu wahren“.

Spuren des Krieges am Strand von Dünkirchen

An der nordfranzösischen Küste bei Dünkirchen legt die Ebbe am Strand von Zuydcoote ein außergewöhnliches Relikt frei. Rostige Stahlteile ragen aus dem Sand – die Überreste des britischen Dampfers „Crested Eagle“.

Das Schiff war Ende Mai 1940 an der „Operation Dynamo“ beteiligt, der groß angelegten Evakuierung alliierter Truppen während des Zweiten Weltkriegs. Weil die Soldaten von der Wehrmacht eingekesselt waren, blieb nur der Fluchtweg über den Ärmelkanal nach England.

Die „Crested Eagle“ wurde kurz nach dem Auslaufen aus Dünkirchen bombardiert und geriet in Brand. Mehr als 300 Soldaten kamen ums Leben. Heute ist das Wrack von Muscheln und grünen Algen überwachsen. Bei Ebbe können Besucher zwischen den Überresten spazieren, während das Meer sie bei Flut vollständig verschwinden lässt.

Das Schiffswrack ist ein kleines Freilichtmuseum und erinnert an eine der vielen Kriegstragödien, deren Spuren bis heute sichtbar geblieben sind.

Hiroshima – die Folgen der Atombombe

Der 6. August 1945 markiert den tiefsten Einschnitt in der Geschichte Hiroshimas. An diesem Tag detonierte über der japanischen Stadt die Atombombe „Little Boy“. Die Temperatur am Boden erreichte bis zu 4000 Grad. Zehntausende Menschen starben unmittelbar, viele weitere später an den Folgen der Strahlung.

Das Friedensgedächtnismuseum dokumentiert die Ereignisse anhand von Fotografien und persönlichen Gegenständen der Opfer. Kleidung, herausoperierte Glassplitter und weitere Exponate vermitteln die Auswirkungen der Explosion auf eindringliche Weise. Die stille Atmosphäre in den Ausstellungsräumen verstärkt den Eindruck zusätzlich.

Gemeinsam mit dem nahe gelegenen „Atombomben-Dom“, der als Ruine erhalten blieb und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, versteht sich das Museum als Mahnmal für den Frieden.

Eine zerstörte Stadt als Mahnung

Der spanische Ort Belchite in der Region Aragonien wirkt wie eingefroren. Verfallene Kirchen, zerstörte Häuser und eingestürzte Mauern erinnern an die Kämpfe des Spanischen Bürgerkriegs von 1936 bis 1939.

Während der Schlacht um Belchite im Sommer 1937 versuchten republikanische Truppen, den Vormarsch der Nationalisten aufzuhalten und Zaragoza einzunehmen. Die eingeschlossenen nationalistischen Einheiten leisteten zwei Wochen lang heftigen Widerstand und hielten trotz Bombardierungen stand.

Den nahezu vollständig zerstörten Ort hatte man bewusst nicht wieder aufgebaut. Heute können Besucher an Führungen teilnehmen, außerdem dient Belchite gelegentlich als Filmkulisse.

Auch interessant: Die 20 beeindruckendsten „Dark Tourism“-Orte weltweit

Erinnerungen an den D-Day

Am 6. Juni 1944 begann mit der Landung der Alliierten in der Normandie eine der entscheidenden Militäroperationen des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Verteidigungsanlagen, verminte Hindernisse und tiefe Gräben machten die Strände zu einem tödlichen Schlachtfeld.

Der US-Generalleutnant Omar Bradley erinnerte sich später: „Alle Boote gerieten unter Maschinengewehr-Kreuzfeuer. Als die ersten der Männer hinuntersprangen, krümmten sie sich und fielen ins Wasser. Dann ging alles durcheinander. Einige wurden im Wasser getroffen und verwundet. Andere ertranken gleich.“

Die damaligen Landungsabschnitte mit Codenamen wie Omaha Beach oder Juno Beach sind bis heute bekannt. Museen, Denkmäler und Soldatenfriedhöfe – darunter der deutsche Soldatenfriedhof bei La Cambe – erinnern an die Ereignisse und ihre Opfer. Viele der dort Bestatteten waren kaum 20 Jahre alt.

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Das Vermächtnis der „Killing Fields“

Zwischen 1975 und 1979 errichteten die Roten Khmer unter Pol Pot in Kambodscha ein Terrorregime. Mehr als 300 Orte wurden zu sogenannten „Killing Fields“, an denen Massenmorde verübt wurden.

Etwa 20 Kilometer südlich von Phnom Penh liegt Choeung Ek, die bekannteste dieser Gedenkstätten. Dort hatte man Menschen gefoltert, zu Geständnissen gezwungen und anschließend hingerichtet.

Ein buddhistischer Stupa mit tausenden menschlichen Schädeln erinnert an die Opfer. Ergänzt wird die Aufarbeitung durch das Tuol-Sleng-Genozid-Museum in Phnom Penh, das sich in einer ehemaligen Schule befindet, die während der Herrschaft der Roten Khmer in ein Gefängnis- und Folterzentrum umgewandelt wurde.

Srebrenica – Erinnerung an den Völkermord

Während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1995 ereignete sich in Srebrenica das schwerste Massaker Europas seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Ereignisse so: „Am 11. Juli 1995 nahmen bosnisch-serbische Einheiten die Stadt Srebrenica unter Führung des Militärchefs Ratko Mladić ein und töteten in den darauffolgenden Tagen über 8.000 muslimische Bosnier, Männer und Jungen“.

Das Memorial Center Srebrenica erinnert mit persönlichen Gegenständen aus Massengräbern an die Opfer und gibt ihnen Namen und Gesichter. Besonders rund um den Jahrestag am 11. Juli steigt die Zahl der Besucher deutlich.

Für Reisepsychologin Christina Miro bleibt die Auseinandersetzung mit solchen Orten von großer Bedeutung: „Um aus ihr zu lernen und sie nicht zu wiederholen.“

Mit Material der dpa

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