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Ganze Familien starben hier

Die tragische Geschichte um das englische Pest-Dorf Eyam

Eyam
Während der letzten Pest-Epidemie in England erlangte das Dorf Eyam traurige Berühmtheit. Dessen Bewohner zahlten für eine heldenhafte Tat einen schrecklichen Preis Foto: AFP via Getty Images
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

12. August 2025, 6:40 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Während der letzten Pest-Epidemie in England, die von 1665 bis 1666 wütete, wurden die Bewohner des Dorfes Eyam zu Helden. Indem sie sich freiwillig für eine Quarantäne entschieden, verhinderten sie eine massenhafte Ausbreitung der schrecklichen Krankheit. Der Preis dafür war grauenhaft hoch: Etwa ein Drittel der Dorf-Bewohner starb, manche Familie wurden komplett ausgelöscht. Doch durch die selbstlose Tat lebt die Legende vom Eyam bis heute weit über Großbritannien hinaus weiter.

Wer heute das kleine englische Dorf Eyam im Nationalpark Peak District in der Nähe von Manchester besucht, der findet einen idyllischen kleinen Ort vor. Altehrwürdige Cottages, eine schöne Kirche, ein Pub aus den 1630er Jahren, rundherum viele grüne Felder und Hügel. Nur wenig deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass sich hier einst eine Geschichte von unvorstellbarem Schrecken und übermenschlichem Heldenmut abspielte.

Es ist der späte August des Jahres 1665, als über das damals etwa 800 Einwohner zählende Eyam die Hölle hereinbricht. Sie kommt laut „Historic UK“ über das Dorf in Form eines Päckchens mit Stoffen, gesendet aus der fernen Hauptstadt London. Mitgereist sind unbemerkt Rattenflöhe, Überträger der schrecklichen Schwarzen Pest, die zu diesem Zeitpunkt bereits in der Metropole wütet. Die Reichen und Adligen sind längst auf ihre Landsitze geflohen, die Bevölkerung bleibt mit der Bekämpfung der Plage völlig sich selbst überlassen. Ein Mann namens George Viccars tritt für einen Augenblick in den Fokus, denn er öffnet das Paket. Grace Day, Mitarbeiterin des Eyam Museum, sagt auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Ausgehungert von ihrer langen Reise befielen die Flöhe die erstmögliche Nahrungsquelle.“ Und somit ist Viccars, eigentlich nur auf der Durchreise, der erste Mensch in Eyam, der sich mit der Pest infiziert. Am 7. September 1665 findet seine Beerdigung statt.

Revolutionäre Maßnahmen

Eyam
Noch immer finde sich auf dem Friedhof in Eyam die Gräber vieler Menschen, die hier von der Pest dahingerafft wurden Foto: AFP via Getty Images

Die Pest ist eine furchtbare Krankheit, die sich über Bakterien verbreitet. Diese betreten den Körper des Infizierten zum Beispiel über Flohbisse, lassen zunächst die Lymphknoten anschwellen. In der Folge bilden sich Beulen, daher auch der oft verwendete Name Beulenpest. Fieber, Erbrechen und Krämpfe können auftreten, Menschen stecken sich gegenseitig an, eine Epidemie bricht aus. Und genau das passierte in Eyam, wo man zur damaligen Zeit natürlich noch nichts über die Krankheit und deren mögliche Verbreitung wusste. Doch in einer gemeinsamen Entscheidung trafen die Menschen hier schließlich einen Entschluss, der zahllose Leben rettete.

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Denn die beiden Dorfgeistlichen Thomas Stanley und William Mompesson konnten die Bewohner von Eyam zu einer damals beispiellosen Aktion überreden. Um die weitere Ausbreitung der Pest auch auf Nachbargemeinden zu verhindern, verhängte man einen weitläufigen Quarantänegürtel rund um den Ort. Diesen durfte niemand durchbrechen, Schilder warnten zudem Menschen aus dem Umland vor der tödlichen Gefahr in Eyam. Weitere Maßnahmen waren genauso hellsichtig: „Man entschloss sich, die Messe fortan unter freiem Himmel zu lesen, und Verstorbene so schnell wie möglich dort zu bestatten, wo es sie dahingerafft hatte“. Doch es gab noch ein weiteres Problem. Das Dorf war auf Vorräte von außerhalb angewiesen, um nicht zu verhungern.

Ganze Familien ausgelöscht

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Der Earl von Devonshire erklärte sich schließlich bereit, gegen Bezahlung während der Quarantäne Vorräte an die südliche Grenze der Ortschaft liefern zu lassen. Das Entgelt warfen die Bewohner von Eyam in Krüge mit Essig. Und bewiesen so quasi nebenbei seine desinfizierende Wirkung. Doch ihre heldenhafte Entscheidung sollte die Menschen von Eyam einen hohen Preis kosten. Als die Pest im November 1666 schließlich für besiegt erklärt wurde, waren 260 Einwohner aus 76 verschiedenen Familien auf grauenhafte Weise gestorben. Manche Clans waren komplett ausgelöscht. Die „BBC“ erzählt auch die Geschichte einer Frau namens Elizabeth Hancock. Innerhalb von nur acht Tagen verlor sie sechs Kinder und ihren Mann an die Pest.

Trotzdem gab es seitens der Bewohner von Eyam kaum Versuche, den Quarantänegürtel zu durchbrechen. Derart schnell hatte die Kunde von dem „Pest-Dorf“ sich zudem verbreitet, dass die Menschen von hier ohnehin nirgendwo anders hingekonnt hätten. So lebte William Mompesson, der heldenhafte Priester, nach dem Ende der Epidemie an einem neuen Ort wie ein Aussätziger. Seine Frau, die oft bei der Bestattung von Toten geholfen hatte, hatte er während der Epidemie verloren. Der Erfolg der Quarantäne von Eyam war aber ein wichtiger Präzedenzfall in der Geschichte der Medizin und des Verständnisses der Ausbreitung von Krankheiten. Und so ist der Name des Ortes für immer in der englischen Geschichte verankert. Day: „Es gibt im Dorf immer noch Menschen, deren Vorfahren Überlebende der Epidemie waren. Man hat festgestellt, dass sie alle eine bestimmte Genmutation haben, die ihnen das Leben gerettet haben könnte.“

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Wer heute nach Eyam kommt, kann laut offizieller Webseite hier unter anderem noch die Gräber einer Familie sehen, die die Pest damals das Leben gekostet hat. Auch der Grenzstein, an dem damals die Dorfbewohner die mit Geld gefüllten Essigkrüge abstellten, existiert noch. Sehenswert sind unter anderem die Kirche und ein Herrenhaus, das sich seit 1672 im Besitz derselben Familie befindet. Im lokalen Museum kann man alles über die Geschichte des Ortes lernen. In Erinnerung an die Helden von Eyam und ihren Sieg gegen die Pest wird auch heute noch jährlich am letzten August-Sonntag eine Messe abgehalten. Day meint: „Die Geschichte des Dorfes und sein einzigartiger Charme machen es zu einem Muss für jeden Besucher in Derbyshire, der wirklich die Atmosphäre der Gegend aufnehmen möchte.“

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